Tennis

„Ich bin meiner Frau sehr dankbar“

Roger Federer über Tennis-Reisen mit seiner Familie und den Ehrgeiz, immer weiterzumachen

Mit 17 Siegen bei Grand-Slam-Turnieren ist Roger Federer, 33, der überragende Spieler der Tennis-Historie. Sieben Mal gewann der Schweizer allein in Wimbledon, Rasen ist sein Lieblingsbelag. Was auch seine sieben Siege beim Turnier in Halle beweisen, wo er sich am Montagabend mit 7:6 (10:8), 3:6, 7:6 (7:5) gegen den Augsburger Philipp Kohlschreiber durchsetzte. Vorher sprach Federer im Morgenpost-Interview über Tennis-Reisen mit Frau und vier Kindern und die Renaissance des Rasentennis.

Berliner Morgenpost:

Sie haben schon oft in Halle gewonnen, waren quasi von Anfang an dabei. Wie sehen Sie die Entwicklung dieses Turniers?

Roger Federer:

Ich bin wirklich ein alter Bekannter in Halle, habe dort schon gespielt, bevor ich meinen Durchbruch erlebte. Es ist verblüffend, was dort über die Jahre entstanden ist. Inzwischen kommt auch der ganze Federer-Tross mit, sehr gern sogar. Ganz am Anfang fuhr ich noch mit dem Auto von Basel nach Halle rüber, das war irgendwie entspannend. Aber das geht heute nicht mehr, mit der großen Familie.

2015 erlebt das Rasentennis einen Höhepunkt seiner Renaissance, mit einer jetzt dreiwöchigen Vorbereitungszeit auf Wimbledon. Wie bewerten Sie das?

Es ist nur gerecht so. Man muss sich einfach daran erinnern, dass früher drei Grand-Slam-Turniere auf Rasen entschieden wurden, auch bei den US und den Australian Open. Heute gilt das nur noch für Wimbledon. Es war richtig, dass Wimbledon ein Zeichen gesetzt und gesagt hat: Wir spielen bei uns eine Woche später, machen so den Weg frei für eine verlängerte Rasensaison. Ich bin glücklich über diese Entwicklung.

Erwarten Sie eine größere Qualität, jetzt, wo länger auf Rasen gespielt wird?

Ich bin sicher, dass das Niveau der Matches besser wird. Die Spieler werden eine bessere Vorbereitung haben, in vielen Fällen eine größere Pause zwischen Sand- und Rasensaison. Für mich sind diese Rasenwochen die schönste Zeit.

Sie haben schon Ihre Familie angesprochen. Wie leicht oder schwer ist es, mit vier Kindern den Tennis-Circuit zu bereisen?

Viel leichter, als ich gedacht habe. Natürlich gibt es hier und da Problemchen, andererseits weiß ich: Ohne meine Familie würde ich nicht mehr Tennis spielen. Wir sind ein eingespieltes Team, in dem meine Frau die Hauptlast mit den Kindern trägt. Dafür bin ich ihr jeden Tag dankbar, dass sie mir so den Rücken freihält. Früher hatte ich nur die Vision, als Spieler mit einem Coach unterwegs zu sein. Erst viel später kam der Wunsch, mit einer Familie durch die Welt reisen zu können.

Wie erleben Ihre schon etwas älteren Töchter diese Reisen?

Es ist für sie eine große Freude. Sie haben überall auf der Welt ihre Freundinnen und Freunde, wissen auch meistens, was sie an den Schauplätzen zu erwarten haben. Zum Thema Halle sagen sie immer: Papa, da gehen wir bestimmt wieder in den Wald. Das ist das Schöne hier: die Natur, das Entspannte. Es ist schön, was sie alles in einem Jahr erleben können, die Kulturen, die Sprachen, die vielen Eindrücke.

Gibt es Orte, wo die Kinder sagen: Nein, da will ich nicht hin?

Es ist eher so, dass sie sagen: Müssen wir hier schon weg? Oder: Wann fahren wir wieder nach Australien? Dann sage ich: In neun Monaten. Dann sagen sie: Nein, wir wollen da jetzt hin. Eigentlich gefällt es ihnen aber überall gut.

Sie hatten in Ihre Jahresplanung auch ganz neue Turniere aufgenommen, etwa Istanbul. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich spüre immer mehr das Bedürfnis, Neues auszuprobieren. Ich möchte auch Überraschendes erleben, solange ich noch auf der Tour bin.

Hatten Sie je Schwierigkeiten, sich zu motivieren? Gerade nun in Ihren Dreißigern?

Es gibt keine Probleme mit der Motivation, dem Ehrgeiz, dem Hunger auf Erfolg. Ich ging noch nie unwillig ins Training oder in einen Wettkampf. Das wäre ein Alarmzeichen für mich. Wenn ich antrete, dann mit 100 Prozent Power.

Ende letzten Jahres und zu Beginn dieser Saison war das Nummer-1-Thema in aller Munde. Ist das jetzt für Sie abgehakt?

Dazu scheint Novak Djokovic zu weit weg. Jetzt geht es darum, gute Ergebnisse zu sammeln. Ich war überrascht, wie nah ich 2015 an Djokovic ran kam. Es hätte richtig spannend werden können, wenn Wimbledon anders gelaufen wäre – für Djokovic und für mich in diesem Fünf-Satz-Finale.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit mit Stefan Edberg, Ihrem Berater?

Zufriedenheit ist das falsche Wort. Ich bin dankbar, dass er sich die Zeit nimmt. Wichtig sind mir die Gespräche, der Meinungsaustausch. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Wir reden über vieles, über Gott und die Welt sozusagen. Tennis spielt gar nicht mal die Hauptrolle.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal einen Spieler zu betreuen?

Nein, das wäre nichts für mich. Ich sehe ja, wie aufreibend die Arbeit für all jene ist, die um mich herum arbeiten. Es ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche. Das brauche ich nach zwei Jahrzehnten als Berufsspieler sicher nicht. Dem Tennis werde ich aber verbunden bleiben. Wie genau, das weiß ich selbst noch nicht. Ich habe schon Lust, weiter Schaukämpfe zu spielen, auch für meine Stiftung aktiv zu sein. Schauen wir mal, noch bin ich nicht im Ruhestand.

Wie lange wollen Sie denn noch auf der Tour bleiben? Sie werden im August 34.

Ich kenne das Datum nicht. Im Moment arbeite und trainiere ich so, dass es einfach weitergeht. Ich bin fit, fühle mich gut, sehe mich in der Lage, jederzeit Titel zu holen.

Was ist mit Rio 2016? Und in welchen Wettbewerben wollen Sie da starten?

Martina Hingis hatte mich schon im Frühjahr gefragt, wie es im Mixed aussähe. Aber da ist die Frage: Will ich in drei Wettbewerben spielen? Einzel, klar. Doppel, da würde ich ja auch gern mit Stan Wawrinka antreten. Und Mixed? Es wäre viel Tennis. Aber es ist natürlich immer ein Genuss, mit Martina Matches zu bestreiten.

Wundert es Sie, dass Sie diese Ziele überhaupt in Angriff nehmen können?

(lacht) Stimmt, ich bin ja einer der Veteranen auf der Tour. Aber eben noch sehr rüstig. Mein größtes Glück war immer, von üblen Verletzungen verschont geblieben zu sein. Aber ich trainiere heute härter und effektiver denn je.