Interview

„Elf Ronaldos würde ich nicht nehmen“

Sami Khedira über sein Leben als Weltmeister, den Wechsel zu Juventus und Schalkes Fehler

Statt wie sonst direkt nach Frankfurt/Main wird der Flieger mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Rückkehr vom EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar erst einmal in Stuttgart landen. Sami Khedira, einige Mitspieler und der gesamte Trainerstab um Joachim Löw werden die Maschine dort verlassen. Ideal auch für Khedira, denn er hat gleich für den Nachmittag zu einem Benefizspiel geladen. Im Anschluss daran fliegt der 28-Jährige in den Urlaub, bevor er nach dem Wechsel zu Juventus Turin sein neues Leben in Italien regelt.

Berliner Morgenpost:

Vor einem Jahr waren Sie bei der WM in Brasilien, im deutschen Campo Bahia. Bei den Kindern in der Region haben Sie großen Eindruck hinterlassen und 10.000 Euro gespendet.

Sami Khedira:

Um unseren Trainingsplatz etwas außerhalb von Santo André gab es damals einen Zaun, damit wir ungestört trainieren konnten. Noch vor unserer Ankunft haben ihn die Kids bemalt. Ich fand das toll und überlegte mir, was ich ihnen Gutes tun kann. Als ich gehört habe, dass Teile des Zauns versteigert werden, habe ich mir als Erinnerung ein Stück gesichert. Im Gegenzug habe ich Geld gespendet, wovon zwei Jahre lang zwei zusätzliche Lehrer bezahlt werden können.

Und nun haben Sie noch ein Benefizspiel organisiert.

Als Fußballspieler sind wir auch ein Sprachrohr. Durch unsere Popularität können wir viel bewegen. Ich möchte Kindern und Jugendlichen aus der Region rund um Stuttgart helfen, weil sie erst einmal eine Chance bekommen müssen, um sich entwickeln zu können. Manche bekommen diese Chance nie. Ich dagegen hatte die Möglichkeit. Meine Eltern haben mich von klein auf unterstützt, ich wurde für den Fußball überall hingefahren. Mit meiner Stiftung unterstützen wir heute zwei Kinderheime. Doch wir verschenken nichts. Ich habe die Kinder und Jugendlichen dort besucht und mit ihnen darüber geredet, dass es im Leben nichts umsonst gibt. Also haben wir einen Wettbewerb ins Leben gerufen, bei dem sie sich als Ball- oder Einlaufjunge für Sonntag empfehlen konnten.

Soziale Hilfsprojekte bedeuten für etliche Fußballprofis nur zusätzlichen Stress.

Für mich ist es wichtig, Demut und Bodenständigkeit zu spüren und zu erleben. Ich hatte in den vergangenen Monaten viele Begegnungen mit Kindern. Das erdet. Und es ist schön, etwas von meinem Glück mit Kindern zu teilen, die vielleicht schon hungrig ins Bett gehen mussten.

Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?

Sehr gut. Als Kind machst du dir wenig Gedanken, da nimmst du das, was du bekommst. Meine Geschwister und ich hatten damals keine Markenklamotten und lebten in einer kleinen Wohnung. Aber es war immer jemand da, wenn ich zum Fußball wollte und von dort wieder heim. Das war selbstverständlich für mich. Heute weiß ich, dass das nicht so ist.

Inzwischen können Sie sich nahezu alles kaufen, was Sie wollen.

Aber egal, wo ich Urlaub mache, auf welchem Boot oder in welchem Haus ich bin – ich verliere nicht den Blick für die Realität. Ich musste hart für alles arbeiten, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Es wird immer zwei Meinungen darüber geben, ob das gerecht ist, was wir Fußballspieler verdienen. Doch ich weiß die Dinge in meinem Leben zu schätzen und bin dankbar dafür, dass ich es so weit geschafft habe. Ein bisschen weniger Geld und ein bisschen mehr Privatsphäre wären mir manchmal lieber.

Was ist es denn für ein Gefühl, sich alles leisten zu können?

Am Anfang war es etwas ungewohnt. Im Endeffekt gibt es mir Sicherheit, mehr nicht. Gerade in Madrid habe ich gemerkt, dass es mir wichtig ist, gute Menschen um mich herum zu haben, gut zu essen und Spaß zu haben. Das ist entscheidend, nicht das teure Zimmer, das ich mir im Hotel leisten kann. Begegnungen mit Menschen sind es, die zählen. Und ehrliche Freunde kannst du nicht mit Geld kaufen.

Wenn wir Sie so reden hören, können wir uns nicht vorstellen, dass Ihnen in Madrid nachgesagt wird, dass eine Vertragsverlängerung an zu hohen Forderungen gescheitert sei. Ärgert Sie das?

Mich hat das verletzt. Man kann mir vorwerfen, dass ich nicht der größte Techniker bin. Aber was man mir nicht vorwerfen kann, ist, dass ich mich illoyal und nicht korrekt gegenüber anderen Menschen verhalte. Ich hatte einen Vertrag von Real vorliegen, der gigantisch war und mit dem ich eventuell sogar noch mehr hätte verdienen können. Ich habe meine Entscheidung, Real zu verlassen, nicht aus Gründen des Geldes getroffen. Ich habe irgendwann zu meinem Berater Jörg Neubauer gesagt, dass ich mich verändern will. Ich war müde, weil es zuletzt extrem anstrengend war. Obwohl ich sagen muss, dass es fünf tolle Jahre waren.

Was nehmen Sie aus Madrid mit?

Zu wissen, dass der Verein Real Madrid noch größer ist, als er zu sein scheint. Der Verein hat eine Außendarstellung, die man gar nicht in Worte fassen kann. Real Madrid ist ein Magnet. Egal, wo du mit diesem Klub bist, da sind immer Tausende Menschen. Ich habe es selbst gespürt. Wenn ich Urlaubsziele ausgesucht habe, dann immer auch vor dem Hintergrund, bloß weit weg zu sein. Aber egal auf welchem entferntesten oder kleinsten Fleck der Erde ich auch war, die Menschen haben mich erkannt. Das geht Cristiano Ronaldo nicht anders. Er ist schon eine große Marke, aber Real Madrid macht ihn noch größer. Dieser Klub ist einzigartig. Diese Pflicht, unbedingt alles gewinnen zu müssen, habe ich so noch nie erlebt. Und trotzdem bleiben alle Spieler bei Real menschlich und tun alles für den Zusammenhalt.

Und nun also Juventus Turin. Was versprechen Sie sich von diesem Wechsel?

Nach der WM fühlte ich mich zwei, drei Monate total ausgelaugt. Vor allem mental. Mittlerweile bin ich wieder fit. Ich will wieder Spaß haben am Fußball und habe Lust, national und international um Titel zu spielen. Juve ist ein fantastischer Verein, ein Klub mit großer Tradition, glänzender Gegenwart und vielversprechender Zukunft. Es ist kein Zufall, dass die Mannschaft in diesem Jahr wieder in die Reihe der europäischen Topklubs aufgestiegen ist. Ich bin sicher, dass Juve künftig weiter mitreden wird, wenn es um die Vergabe großer europäischer Titel geht. Dazu will ich meinen Teil leisten.

Nach inzwischen etlichen Jahren als Profi im Ausland: Hat sich das Bild von den Deutschen verändert?

Wir Deutsche sind offener geworden, nicht mehr so bieder und verschlossen gegenüber neuen Dingen. Ich denke, wir sind für viele Menschen in der Welt zum Vorbild geworden. Wir haben individuelle fußballerische Klasse. Aber das ist nur die eine Seite. Was die Menschen am meisten bewundern, so höre ich das in Gesprächen heraus, ist unsere Geschlossenheit. Wir vermitteln ihnen, dass für uns nur die Mannschaft zählt. Sie können mir elf Ronaldos geben – ich würde sie nicht nehmen. Ihn allein schon, weil er ein klasse Typ und Fußballspieler ist. Aber es geht nur über ein Team, in dem ich auch Spielertypen wie beispielsweise einen Edgar Davids oder Gennaro Gattuso benötige. Der Mix macht es. Und der hat bei uns im vergangenen Jahr perfekt gestimmt. Wir hatten Leute, die witzig sind. Wir hatten Leute, die auch mal lauter sind. Es hat einfach gepasst.

Deutschland ist Weltmeister, der Gejagte. Halten Sie es für möglich, nun den EM-Titel zu holen?

Wenn wir uns qualifizieren, gehen wir als Mitfavorit in das Turnier. Für den deutschen Fußball wäre es etwas Historisches, sollten wir auch in Frankreich den Titel gewinnen. Nur müssen wir gewarnt sein, es darf kein Ausruhen geben. Den Spaniern ist das damals auch nicht zugefallen. Aber wenn sich jeder zurücknimmt und wir die Mannschaft in den Vordergrund stellen, werden wir schwer zu besiegen sein.