Frauen-WM in Kanada

Thailands geliebte Schwester

Bei Deutschlands WM-Gegner sorgt eine Millionärin mit Charisma für einen ganz besonderen Zusammenhalt

Das Männerteam von Port Authority gehörte ihr noch nicht lange, da beschloss Nualphan Lamsam einfach, den Klub umzubenennen. Zum dritten Mal innerhalb von drei Wochen. Die 49-jährige Millionärin hatte im Februar als erste Frau überhaupt einen thailändischen Erstligaklub übernommen – und dann auch noch den mit dem übelsten Image. Weil sie den Klub eilends vom Hooligan-Ruch befreien wollte, der dem Team in der vorherigen Saison neun Punkte Abzug eingebracht hatte, erfand die Unternehmerin den neuen Namen Port FC. Und mit ihm die Hoffnung auf bessere Zeiten, inklusive friedlicherer Zuschauer.

Dass Nualphan Lamsam ungewöhnliche Wege geht, beweist sie auch im Frauenfußball. Die Unternehmerin ist nicht nur die einzige Funktionärin im thailändischen Männerfußball, Lamsam ist gleichzeitig auch die größte Förderin des Nationalteams der Frauen, das am Montag (22 Uhr, ZDF und Eurosport) im letzten Gruppenspiel der WM 2015 gegen die deutsche Auswahl spielen wird. Die engagierte Teammanagerin führt ihre Frauen dabei derart geschickt, dass sich sofort mehr als überraschende Erfolge einstellten, Thailand in Kanada zuletzt mit einem sehenswerten Spiel gegen die Elfenbeinküste und einem 3:2-Sieg aufhorchen ließ.

Reichtum durch Handtaschen

Vor sieben Jahren fing alles an, als der thailändische Fußballverband Nualphan fragte, ob sie nicht das Frauenteam managen wolle. Warum sie Ja gesagt habe? „Es wurde Zeit, dass wir Mädchen in ganz Thailand ermutigen, ihr Talent zu zeigen und ihren Träumen zu folgen. Ich hoffe, unser Erfolg motiviert sie dazu“, sagt die privilegierte Frau, deren Familie ihr immer gestattet hatte, das zu tun, was sie wirklich wollte. Sogar eine eigene Firma, die Luxushandtaschen importiert, konnte sie ohne Murren der Eltern gründen. „Ich kann zwar nicht Fußball spielen. Aber ich kann managen“, sagt die Erbin des familieneigenen Versicherungskonzerns Muangthai, den sie mittlerweile ebenfalls leitet.

Für thailändische Zeitungen und Fernsehsender ist Nualphan „das schöne Gesicht des Nationalteams“, einer Mannschaft, die außer ihrer Chefin keinen weiteren Star besitzt. Offiziell kann sie als Managerin mit harschen Anweisungen agieren, Lamsam aber redet den Spielerinnen lieber gut zu, was bei den jungen Frauen – Thailands Team ist mit 22 Jahren Durchschnittsalter eine der jüngsten Mannschaften der WM – hervorragend ankommt.

Wie groß die Harmonie und wie gut das Miteinander im Team ist, belegen unzählige lustige Selfies in den sozialen Netzwerken, die die Spielrinnen von sich und Nualphan Lamsam posten. Für die jungen thailändischen Fußballspielerinnen ist die smarte Managerin längst so etwas wie eine große Schwester geworden, für die sich jede einzelne aufopfert, um ihr mit guten Leistungen die Einsatzchance zu entgelten. Nachdem Thailand das 3:2 gegen die Elfenbeinküste bis zum Schlusspfiff gerettet hatte, rannten deshalb auch sofort alle Spielerinnen auf Lamsam zu. Sie kamen aber nicht mehr an sie heran – die gesamte Ersatzbank war der Teammanagerin da schon um den Hals gefallen. Derart geschlossen hat sie das Team mit ihrer Philosophie gemacht, weil sie von allen fordert, „dass wir uns über unsere Freuden und Sorgen austauschen. Wir haben auch schon alle zusammen geweint. Individuell haben wir viele Schwächen, aber die Spielerinnen sind synchronisiert“, sagt sie.

Hinter verschlossenen Türen fordert Nualphan dann aber auch schon mal etwas nachdrücklicher eine Gegenleistung für ihren emotionalen Beistand. „Wir dürfen uns auf keinen Fall blamieren“, deutet sie ihren hohen Anspruch an. Die Fußballnation Thailand schaue nämlich genau hin und verfolge jedes Match.

„Es ist unsere Sportart Nummer eins“, betont auch Thailands Botschafterin in Berlin, Nongnuth Phetcharatana. Einige Experten in der Heimat hätten vor der WM schon das Horrorszenario „30 Gegentore in drei Gruppenspielen“ aufgemacht, erzählt die Diplomatin.

In den Wochen vor der Endrunde in Kanada investierte Lamsam deswegen umgerechnet noch einmal Hunderttausende Euro aus ihrer Privatschatulle in das Team. Sie stellte einen Ernährungsberater und einen Athletiktrainer ein. Das Vorbereitungstrainingslager hatte Nualphan, die selbst eine 17-jährige Tochter hat, im Ausland aufgeschlagen, damit sie bessere Mannschaften zu Testspielen gegen Thailand überreden konnte.

Die Bedingungen für Frauen in dem südostasiatischen Land seien grundsätzlich aber ähnlich gut wie in Europa, betont Botschafterin Nongnuth. „Seit den 1930er-Jahren dürfen Frauen in Thailand zur Schule gehen und wählen, sie verdienen bei gleicher Arbeit genauso viel Geld wie Männer“, so die Diplomatin. Allein in der von Männern dominierten Welt des Fußballs hätte es die weibliche Bevölkerung noch immer ziemlich schwer. „Ich glaube, dass Nualphan kämpfen muss“, so Nongnuth. „Aber sie lässt sich das nicht anmerken.“

Abkehr von der High Society

Bei Interviews hört Nualphan Lamsam oft noch die typischen platten Fragen, was das Geheimnis ihrer Schönheit sei, warum sie so strahle. Wenig Interesse dagegen an ihrem Wirken bei der Frauen-Nationalelf. Mittlerweile lehnt sie es ab, Banales zu antworten: „Es geht hier nicht mehr um mich“, sagt sie, „ich bin nicht mehr High Society, laufe jeden Tag über Rasen.“ Zudem gehe es jetzt darum, die Menschen in Thailand glücklich zu machen, so Nualphan Lamsam: „Mit unserem Fußball.“