1. European Games

Schon wieder ein Propaganda-Sportfest

Baku trägt die ersten Europa-Spiele mit 6000 Athleten aus. Größter Sieger wird Aserbaidschans autoritärer Staatschef sein

Fabian Hambüchen, 27, hatte zum Abflug den Reisepass vergessen, sein Vater brachte ihn gerade noch rechtzeitig zum Flughafen. Auch sonst wirkte er noch desorientiert, daraus machte der beste Turner Deutschlands keinen Hehl. Aserbaidschan. Baku. Premiere der Europa-Spiele. Ist das toll? Ist das wichtig? Hambüchen zuckte mit den Achseln: „Dadurch, dass niemand so wirklich weiß, was uns dort erwartet, ist es schwer, den Stellenwert dieser Spiele einzuordnen. Mit einer Medaille ist schwer zu kalkulieren, weil man nicht genau weiß, wie dort alles abläuft, wer alles am Start ist und so weiter.“

Wenn am Freitag im Nationalstadion die ersten European Games mit Hambüchen als deutschem Fahnenträger eröffnet werden (17.30 Uhr, Sport1), wird es vielen der rund 6000 Sportler aus 50 Ländern ähnlich gehen wie Hambüchen. Doch nicht nur die Relevanz eines solchen Multisportereignisses im ohnehin prall gefüllten internationalen Wettkampfkalender bleibt auf den ersten Blick ein Rätsel (siehe Infokasten).

Weit pikanter noch ist die Frage, wieso sich der Sport – in diesem Falle die Vereinigung aller 50 nationalen olympischen Komitees Europas (EOC) 2012 – abermals einem autoritären Regime an den Hals wirft, das Meinungsfreiheit und Demokratie unterdrückt, auf Korruption gedeiht und Regierungskritiker wegsperrt. Nach Putins Winterspielen in Sotschi 2014 drohen die geschätzt sechs Milliarden Euro teuren Europa-Spiele das nächste Propaganda-Sportfest zu werden, das vor allem einem verpflichtet ist: dem schönen Schein.

Bald auch Formel 1 und Fußball-EM

Baku, Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt am Kaspischen Meer, drängt mit Macht ins weltweite Rampenlicht. Die European Games sind Teil einer umfassenden, über mehrere Jahre konzipierten Imagekampagne von Staatschef Ilham Alijew, der gleichzeitig NOK-Chef ist: 2012 mit dem Eurovision Song Contest. Ab 2016 mit der Formel 1. 2020, als Höhepunkt der Sport-Offensive, die an Kampagnen wie Katars erinnert, drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale während der europaweit stattfindenden Fußball-EM. Und irgendwann mit hoher Wahrscheinlichkeit: eine Olympiabewerbung.

„Für beide Seiten ist es eine Win-win-Situation. Die Verbände veranstalten ein Sportfest und müssen sich nicht mit demokratischen Strukturen oder lästigen Bürgerbefragungen herumschlagen. Die Despoten profitieren, weil der Sport latent ein Wir-sind-ja-die-Guten-Gefühl transportiert“, kritisiert die Fechterin Imke Duplitzer. Für Sportpolitiker sei es herrlich, spottet die fünfmalige Olympiateilnehmerin: „Sport ist bekanntermaßen super – da können sie alles reinprojizieren, nach dem Motto: Vielleicht bleibt der Geist der Freiheit gleich im Land, weil’s ihm dort so gut gefällt.“

Michael Vesper, 63, ist Sportpolitiker und als Vorstandschef im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auch Exekutivkomitee-Mitglied des EOC, das Aserbaidschans generösen Herrscher Alijew die Premiere der Europa-Spiele ausrichten und ihn Unterkunft und Anreise aller Teams bezahlen lässt. Natürlich weiß Vesper um die heiklen politischen Begleitumstände. Er gibt sich besorgt, verweist auf Gespräche des DOSB im Vorfeld mit Exil-Aserbaidschanern oder regimekritischen NGOs wie Human Rights Watch. Sport könne aber „keine Gesellschaftssysteme verändern“, mahnt Vesper. Ironisch merkt er an: „Viele, die früher nicht wussten, wo Aserbaidschan liegt, sind jetzt Experten in Menschenrechtsfragen.“

Willi Lemke, 68, assistiert. Der Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung sagte der Berliner Morgenpost: „Aserbaidschan ist ohne Frage eine Diktatur. Doch ich sehe die Chance, dass sich in Ländern wie diesem mithilfe des Sports gesellschaftlich etwas verändern lässt. Mediale Aufmerksamkeit schafft kritische Berichterstattung und Transparenz, die es ohne die European Games nicht gegeben hätte.“ Dass Menschenrechtlern und Vertretern von Amnesty International nun die Einreise zu den Spielen verweigert wurde, wird hingenommen.

Der DOSB-Athletensprecher Christian Schreiber, 34, hat sich dem Appell des UN-Sonderberichterstatters Michael Forst angeschlossen und die Freilassung der inzwischen über 100 politischen Gefangenen in Aserbaidschan gefordert. Ein ungewöhnlicher Vorgang innerhalb der sonst auf Harmonie getrimmten „Sportfamilie“. Fechterin Duplitzer hofft: „Vielleicht passiert jetzt mal was in den Köpfen unserer Athleten. Dass sie erkennen, dass es Länder ohne Facebook, Twitter, Meinungsfreiheit gibt.“ Andererseits weiß auch die engagierte Querdenkerin aus Erfahrung, „dass politische Themen für viele Athleten schwierig sind. Entweder, weil es sie nicht interessiert. Oder weil sie befürchten, dass die Beantwortung von Fragen noch mehr Fragen aufwirft, auf die sie keine Antworten finden“. Der deutsche Chef de Mission in Baku, Dirk Schimmelpfennig, betonte jedoch: „Wir werden keine politische Demonstration durchführen, aber freie Meinungsäußerung ist gegeben.“

Lemke hat Verständnis für Kritik, warnt jedoch davor, den Sport mit Erwartungen zu überfrachten. „Wenn man höchste Standards setzen würde in allen Bereichen wie Umweltschutz, Sicherheit, finanzielle Rahmenbedingungen, Menschenrechtsfragen, dann kämen für die Ausrichtung der Sport-Großereignisse vermutlich nicht mal mehr zehn Prozent aller 193 in der UN organisierten Länder in Frage“, meint der Sportdiplomat. „Selbst gegen Deutschland könnte man ja Argumente vorbringen: Sind Menschen aus aller Welt in einem Land willkommen, wo Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt werden?“

Am Tag der Eröffnungsfeier wird sich der Bundestag mit den Menschenrechten in Aserbaidschan beschäftigen. Eine Kleine Anfrage der Grünen ist seit 27. April anhängig. Der sportpolitische Sprecher der Fraktion, Özcan Mutlu, sagte: „Die Bundesregierung versucht, die Beantwortung der kleinen Anfrage auf einen Zeitpunkt nach den European Games zu verschieben. Anscheinend darf kein Schatten auf die European Games fallen.“ Turner Hambüchen weiß übrigens auch um die Umstände in Baku, er sagte dazu: „Natürlich will man nicht instrumentalisiert werden. Aber ein Boykott ist auch keine Lösung.“

Was auch immer in Baku passiert, die Zukunft der Europa-Spiele ist noch ungewiss. Die Niederlande zogen am Donnerstag überraschend die Zusage zurück, 2019 die zweite Ausgabe auszutragen. Nun muss Ersatz her, und sei es aus anderen früheren Sowjetrepubliken.