1. European Games

Zwischen Matte und Mathematik

Die Berliner Judoka Sven Maresch und Laura Vargas Koch können in Baku sogar eine EM-Medaille gewinnen

Drei Viertel aller Unfälle passieren in der Freizeit. Judoka Sven Maresch ist da keine Ausnahme. Seit 22 Jahren betreibt er seinen Sport, verletzt hat er sich fast nie. Dann aber war Maresch im vergangenen Herbst im Urlaub auf Sizilien. Beim Baden im Meer knickte er um und brach sich den Fuß, zehn Wochen Kampfpause waren die Folge. Doch bereits im Februar sicherte er sich Rang zwei beim Weltcup im Rom, kurz darauf gewann er Bronze beim Grand-Prix in Düsseldorf. Für die Europa-Spiele in Baku (Aserbaidschan), die am 12. Juni beginnen, hat der 28-Jährige ein klares Ziel. „Ich trainiere, um der Beste zu sein“, sagt er. „Wenn ich zu einem Turnier fahre, dann will ich das gewinnen.“

Bei den Europa-Spielen, die in diesem Jahr zum ersten Mal stattfinden, kämpfen in 20 Sportarten gut 6000 Athleten um die Medaillen und teilweise auch schon um die Qualifikation für Olympia 2016. Im Judo gelten die Europa-Spiele zugleich als EM. Ein Erfolg wäre für Sven Maresch nicht bloß ein Fingerzeig in Richtung Rio 2016, sondern auch eine kleine Wiedergutmachung nach der verpassten Olympiateilnahme 2012. Als Siebter der Weltrangliste musste Maresch zu Hause bleiben, weil Deutschland in seiner Klasse bis 81 Kilogramm lediglich einen Athleten schicken durfte.

Künstler ohne Ausstellung

Ole Bischof aus Reutlingen, bereits 2008 in Peking mit Gold dekoriert, holte in London Silber. „Das war sehr ärgerlich, dass ich Olympia verpasst habe“, so Maresch. Er vergleicht die Situation mit einem Künstler: „Jahrelang arbeitet man an seinem Werk, lebt dafür und versucht, es immer wieder zu verbessern. Doch die große Ausstellung, wo man sich und sein Werk beweisen kann, findet nicht statt.“ Maresch kann sich zurzeit voll auf die internationalen Aufgaben konzentrieren. Judo-Rekordmeister TSV Abensberg, für den der Berliner bislang in der Bundesliga gekämpft hatte, zog sich im Januar aus der Liga zurück. Die Bayern begründeten dies mit dem Qualifikationsstress der Judoka auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. 23 der insgesamt 30 Athleten aus dem Kader kämpfen noch um die Startplätze in Rio.

Laura Vargas Koch, die in Baku in der Klasse bis 70 Kilogramm an den Start gehen wird, halst sich dagegen ganz freiwillig eine zusätzliche Belastung auf. Neben dem Sport gilt ihre Aufmerksamkeit dem angestrebten Doktortitel in Mathematik. „Aus meinem Umfeld wurde mir zwar davon abgeraten, aber das ist mir egal, ich probiere es trotzdem“, sagt die 24-Jährige aus Berlin.

In der Vergangenheit hat Vargas Koch bereits bewiesen, dass Studium (in Aachen) und Spitzensport kein Widerspruch sein müssen. 2013 wurde sie Vizeweltmeisterin, auch bei der EM 2014 holte sie Silber, parallel machte sie ihren Bachelor und ihren Master mit einem Notenschnitt von 1,0. Kommilitonen schickten ihr die Vorlesungsunterlagen, wenn sie wieder einmal auf Wettkämpfen oder im Trainingslager weilte. „Mathematik hat den Vorteil, dass man es überall machen kann. Man muss dafür nicht im Labor stehen“, erklärt Laura Vargas Koch.

In der Welt der Zahlen ist die Berlinerin eine Analytikerin. Auf der Matte ist sie intuitiver. „Wir arbeiten intensiv an taktischen Dingen“, sagt sie. Genau wie Sven Maresch wurde sie dabei während der Vorbereitung von einer Verletzung (Knieoperation Mitte März) ausgebremst. Seit Anfang Mai ist sie wieder im Training. Trotzdem ist eine Medaille in Baku ihr Ziel. „Es ist ein wichtiger Wettkampf, auch mit Blick auf die Olympischen Spiele im nächsten Jahr“, sagt sie. Als Vargas Koch das letzte Mal in Baku war, beim Grand Slam 2013, da wurde sie Zweite. Ein gutes Omen. Dass ihr vor dem Start noch ein ähnliches Missgeschick wie Maresch passiert, ist jedenfalls nicht zu erwarten. Denn Freizeit hat Laura Vargas Koch zwischen Matte und Mathematik sowieso so gut wie keine.