Radsport

Kampf ums Velodrom

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Matthias Brzezinski

Lieber Show statt Training: Sprinter Förstemann befürchtet das Aus für Berlins Bahnradsport

Er macht Kniebeugen mit einer 280-Kilo-Hantel auf den Schultern, er drückt liegend 160 Kilogramm in die Höhe, er hat einen Oberschenkel-Umfang von 74 Zentimetern, einen beeindruckenden Bizeps, er ist ein absolutes Kraftpaket – aber er hat Angst. Angst um seinen Sport. Einen Tag vor dem Beginn der 129. Deutschen Bahnrad-Meisterschaften im Berliner Velodrom sagt Robert Förstemann einen Satz, der ihm sichtlich wehtut: „Wenn es so weitergeht wie bisher, dann ist der Bahnradsport in Berlin in spätestens fünf Jahre tot, vermutlich aber schon eher.“

Bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften hat der 29-Jährige Gold-, Silber, und Bronzemedaillen gewonnen und zählt nicht zuletzt deswegen für den Bahnbereich des Bund Deutscher Radfahrer (BDR) momentan zu den großen Hoffnungen auf Edelmetall bei den Olympischen Spielen in Rio. Was ihn zwar freut, seinen Ärger mit Blick auf die immer intensiver werdende Vorbereitung auf Brasilien 2016 aber immer größer werden lässt.

56 Trainingstage sind zu wenig

Förstemann wünscht sich für sich und seine Kollegen Planungssicherheit. „Das Velodrom bietet mit die besten, wenn nicht sogar die besten Trainings-Möglichkeiten in Europa. Das bringt aber nichts, wenn wir sie nicht nutzen können. Es muss unbedingt entschieden werden, ob es als Veranstaltungshalle mit Ab-und-Zu-Sport oder als Sportarena, wie eigentlich konzipiert, genutzt wird.“ Und der Wahl-Berliner legt nach. „Es gibt eine Abmachung, nach der wir das Velodrom 100 Tage im Jahr nutzen können. Das bedeutet aber gar nichts, weil wir die Zeiten nicht nach Trainings- und Wettkampfnotwendigkeit einteilen können. Das ist alles total unflexibel. Im letzten Jahr waren gerade mal 56 Tage sinnvoll nutzbar. Das ist ein Witz“, so der gebürtige Thüringer.

Am 18. Juni gibt es ein Gespräch des Berliner Radverbands mit dem Senat und dem Hallenbetreiber Velomax. Förstemann: „Berlin ist Olympiastützpunkt. Es muss sich zeigen, ob das noch gewünscht wird. Wenn die finanziellen Verpflichtungen der Velomax zum kostengünstigen Betreiben der Halle im Vordergrund stehen müssen, dann wird das sicher so gemacht. Das muss ich dann auch akzeptieren. Aber dann bleibt den Berliner Sportlern definitiv nur der Wechsel nach Frankfurt/Oder als Alternative.“

Frankfurt/Oder wäre gerüstet. Neben dem Neubau einer 250-Meter-Bahn in die dortige Oderlandhalle wurden auch eine neue Lüftungsanlage, eine Sicherheitsinnenbande aus Verbundglas und eine vollelektronisch integrierte Zeitmessung installiert. Gut zwei Millionen Euro wurden investiert. Werner Otto, Bahnfachwart des Berliner Radsportverbandes, sieht das Problem pragmatisch: „Wenn Spitzensport und olympische Medaillen gewollt sind, dann muss man sich nach den spezifischen Anforderungen des Spitzensports richten. Wenn etwas anderes wichtiger ist, dann muss man das eben konsequent durchsetzen. Das Hin und Her ist doch für alle Seiten kontraproduktiv.“

35 Titel warten

Unabhängig von der zukünftigen Nutzung des Velodroms, möglicherweise ist auch das Berliner Sechstagerennen von der anstehenden Entscheidung betroffen, geht es dort von Mittwoch bis einschließlich Sonntag um 35 Meistertitel (15 im Elitebereich) in den verschiedenen Disziplinen und Altersklassen. Im Mittelpunkt stehen die Sprinter, die sich Chancen auf eine Olympiateilnahme machen. Mit Förstemann, dem gebürtigen Berliner Maximilian Levy, der Erfurter Rene Enders (Erfurt) sowie Joachim Eilers, Max Niederlag und Stefan Bötticher (alle Chemnitz) stehen sechs Namen im Notizbuch von Bundestrainer Detlef Uibel. Nur drei kann der 56-Jährige aus Guben nach Brasilien mitnehmen. „In Berlin wird es sicher keine Entscheidung geben, aber für einige sind die Meisterschaften richtungsweisend“, sagt Uibel, der sich momentan die größten Sorgten um Stefan Bötticher macht. Der 23 Jahre alte Weltmeister im Sprint und Teamsprint von 2013 muss wegen muskulärer Probleme sogar auf einen Start in Berlin verzichten. Die gute Nachricht: Uibels Routiniers Förstemann (nach überstandenem Bandscheiben-Vorfall) und Levy (nach drei Schlüsselbein-Operationen) sind dagegen wieder fit.

Während bei den Männern auch noch Max Niederlag nach seinem Grand-Prix-Sieg in Moskau ein Wörtchen bei der Titelvergabe mitreden dürfte, ist das Feld bei den Frauen sehr überschaubar. Nachwuchshoffnung Doreen Heinze aus Erfurt musste nach einer Lungenentzündung und einem Sturz mit Schädel-Hirn-Trauma für Berlin absagen. So machen die Sprinttitel vermutlich die Olympiasiegerinnen Kristina Vogel (Erfurt) und Miriam Welte (Kaiserslautern) unter sich aus.

Die Meisterschafts-Wettbewerbe im Velodrom beginnen von Mittwoch bis einschließlich Freitag um 9.30 Uhr, Sonnabend um zehn und Sonntag stehen ab neun Uhr die letzten sieben Endläufe auf dem Programm. Die Kartenpreise bewegen sich zwischen 15 und 35 Euro. Ein Familienticket ist für 25 Euro zu haben.