Interview

„Ich habe es keine Sekunde bereut“

| Lesedauer: 6 Minuten
Jörn Meyn

Herthas Verteidiger John Anthony Brooks steht mit den USA vor einem besonderen Duell gegen seine Heimat Deutschland

Es sind aufregende Tage für John Anthony Brooks. Am Mittwoch trifft der Verteidiger von Hertha BSC mit dem US-Nationalteam auf sein Geburtsland Deutschland (20.45 Uhr, ARD). Vergangenen Freitag erzielte Brooks beim 4:3 gegen die Niederlande sogar einen Treffer. US-Trainer Jürgen Klinsmann lobt den 22-Jährigen im „Kicker“: Er sei auf dem Weg, „sich bei uns einen Stammplatz zu erkämpfen“. Brooks könnte deshalb einen Teil der Vorbereitung auf die neue Bundesliga-Saison in Berlin verpassen: Am 6. Juli beginnt in den USA und Kanada die Kontinentalmeisterschaft (Gold Cup).

Berliner Morgenpost:

Herr Brooks, wo ist für Sie Heimat?

John Anthony Brooks:

Berlin ist meine Heimat. Dort ist meine Familie.

Aber ein anderer Teil Ihrer Familie lebt in Chicago, USA.

Eigentlich habe ich zwei Heimaten – die meiner Mutter in Berlin und die meines Vaters in Chicago. Mein Vater war als Soldat in Berlin stationiert. Seine Familie lebt in den USA. Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Aber ich fühle mich auch zu den Staaten hingezogen. Ich trage die Umrisse von Berlin und Illinois auf meiner Haut, weil mir beide Heimaten viel bedeuten.

Was an Ihnen ist deutsch und was US-amerikanisch?

Das schwappt immer ineinander: Wenn ich hier bei der Nationalmannschaft bin, merke ich schon, dass ich in Deutschland sozialisiert bin. Ich halte mich etwas mehr zurück, bin vielleicht verschlossener. Aber wenn ich in Deutschland zurück bin, bringe ich das gewonnene Selbstvertrauen mit auf den Platz bei Hertha.

Ihr Vater war auch Footballtrainer. Hätte er gern gesehen, dass Sie lieber den amerikanischen Volkssport statt Fußball spielen?

Nein. Das hat er mir immer selbst überlassen und mich zu nichts gedrängt. Aber ich habe von ihm auch für den Fußball etwas gelernt – Athletik und Durchsetzungswillen zum Beispiel.

Sie haben sich im Sommer 2013, ein Jahr vor der WM in Brasilien, entschieden, für die USA zu spielen. Es soll auch das Bemühen der deutschen U21 gegeben haben. Was war der Grund?

Der US-Trainer Jürgen Klinsmann hat sich damals sehr um mich bemüht. Ich hatte gerade mal eine Profisaison in der Zweiten Liga mit Hertha gespielt. Er hat mich fast täglich angerufen. Das waren sehr gute Gespräche, und deshalb ist mir die Entscheidung auch leicht gefallen: Ich wollte an dem Projekt von Klinsmann teilhaben. Und bis jetzt habe ich es keine Sekunde bereut.

Hätten Sie sich nicht zugetraut, dass irgendwann auch die deutsche Elf anfragt?

Als ich mich entscheiden musste, war die deutsche Nationalmannschaft einfach kein Thema für mich. Außerdem habe ich von der WM in Brasilien geträumt und wollte gern dabei sein.

Sie haben bei der WM einen tollen Moment erlebt mit dem Siegtor gegen Ghana im ersten Gruppenspiel kurz vor Schluss. Danach bezeichnete Sie jemand bei Wikipedia als den größten Amerikaner seit Abraham Lincoln. Wie hat dieses Tor Ihre Wahrnehmung in den USA verändert?

Früher war ich ein Niemand in den USA. Keiner kannte mich. Das hat sich nun schon etwas geändert, auch wenn es immer noch in Maßen ist. Ich denke noch heute gern an das Tor. Das Besondere an diesem Treffer war, dass ich zwei Tage vorher genau davon geträumt hatte. Ich hatte meinen Mannschaftskollegen sogar davon erzählt. Diesen Moment kann mir keiner mehr nehmen. Andererseits muss ich das auch hinter mir lassen, um mich weiterzuentwickeln. Hoffentlich kommen noch ein paar von solchen Momenten.

Sie sind nun ja kein geborener Amerikaner und Muttersprachler. Wie ist das für Sie, wenn Sie zur Nationalelf kommen?

Hier bei der Nationalelf merken sie schon, dass ich aus Deutschland bin. Ich spreche sehr gut Englisch, aber nicht perfekt. Am Anfang war es schwieriger, jetzt geht es sehr gut. Und dann sind hier ja auch noch eine Menge anderer Deutsch-Amerikaner.

Mit Klinsmann brach die Ära der German-Americans im US-Team an: Sie, Jermaine Jones, Timothy Chandler, Fabian Johnson, Alfredo Morales. Ist die Mannschaft dadurch deutscher geworden?

In gewisser Weise schon. Jürgen Klinsmann hat deutsche Werte reingebracht. Aber es ist immer noch ein amerikanisches Team – eine multikulturelle Mannschaft mit vielen, verschiedenen Einflüssen. Das macht uns stark.

Das US-Team scheint ein neues Selbstbewusstsein zu haben. Am Freitag gewannen Sie sogar in den Niederlanden mit 4:3.

Durch die gute WM ist bei uns die Brust breiter geworden. Wir sind ein gutes Team, werden nun mit anderen Augen gesehen. Früher dachte man: Ah, da kommen nur die US-Boys. Die hauen wir weg. Jetzt werden wir ernst genommen. Wir können auch große Teams schlagen. Das haben wir bewiesen.

Nun werden Sie das erste Mal gegen Ihr Geburtsland auflaufen. Wird sich das komisch anfühlen?

Komisch nicht, aber besonders. Ich will gewinnen. Die eine Heimat schlägt dann eben die andere.

Bei der Hertha-Mitgliederversammlung hat Sie ein Fan wieder mit Jerome Boateng verglichen. Was macht das mit Ihnen?

Erst einmal ist das eine große Ehre für mich, mit so einem Weltklasseverteidiger verglichen zu werden. Aber die Leute tun das, weil wir beide bei Hertha groß geworden und Innenverteidiger sind. Nicht, weil ich das gleiche Niveau spiele wie er. Ich will mein eigener Typ sein. Von diesen Vergleichen habe ich am Ende nichts. Und es hilft mir nicht in meiner Entwicklung.