Tennis

Das Spiel seines Lebens

Schweizer Stan Wawrinka besiegt im Finale der French Open überraschend Novak Djokovic

Im Internet und bei den eigenen Kollegen war er zwei Wochen lang die erste Adresse für bissigen Spott, als „Mann mit der Pyjama-Hose“ oder „Unterhosen-Model.“ Vielleicht war Stan Wawrinka tatsächlich der am schlechtesten angezogene French Open-Spieler, aber eins war er ganz sicher, der einstige Schattenmann von Roger Federer: Der beste Mann in Paris. Und am Ende der erbitterten Rutschpartien im Sand auch der über alle Maßen verdiente Grand Slam-König, der sich mit einem hinreißenden 4:6, 6:4, 6:3 und 6:4-Sieg über den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic auf den Thron setzte. Genau um 18.26 Uhr, nach drei Stunden und 12 Minuten, war das Meisterstück des Eidgenossen perfekt, der den Schläger nach dem verwandelten zweiten Matchball in hohem Bogen über den Kopf warf und dann ein paar Tränen der Rührung verdrückte. „Das war das Spiel meines Lebens. Es ist ein Augenblick, den man für immer festhalten möchte“, sagte der 30-Jährige, „ich fühle mich wie in einem Traum, wie in einem Märchen.“

Mit Wucht und Köpfchen

Es war nicht weniger als der größte Triumph für den spätberufenen Wawrinka, noch größer als der Triumph vor 17 Monaten gegen einen körperlich maladen Rafael Nadal in der Australian-Open-Finalnacht von Melbourne. Und es war zugleich die größte Enttäuschung im Tennisleben von Novak Djokovic, jener aufs Neue gescheiterte Titelanlauf im Stade Roland Garros, der verpasste letzte große Sieg, der Sieg bei diesen für ihn verfluchten French Open. Der Sieg, den er mehr wollte als jeden anderen in diesem Jahr. Zwar hatte Djokovic bei diesen denkwürdigen Ausscheidungskämpfen des French Open-Jahrgangs 2015 den ewigen Champion Rafael Nadal in einem bravourösen Viertelfinal-Duell heim nach Mallorca geschickt – und doch war er der letzte und alles überstrahlende Verlierer des Turniers.

Djokovics Pech: Er traf auf einen Gegner, der sich seinen Kosenamen „Stanimal“ redlich verdiente. Mit Wucht einerseits, aber auch mit Köpfchen und eiskalten Nerven fegte er den Favoriten förmlich vom Platz, stürmte nach dem verlorenen Auftaktsatz zum Pokalgewinn. „Besser kann man es nicht spielen. Das war unmenschlich“, sagte der frühere schwedische Star Mats Wilander, „ein Auftritt, den man so schnell nicht vergessen wird.“ Einen legendären Finalauftritt, aber auch einen Zieldurchlauf des Dreißigers, bei dem er zum ersten Mal bei einem Grand Slam-Turnier Roger Federer im Viertelfinale geschlagen hatte, sein Idol. Und dann auch noch im Halbfinale Jo-Wilfried Tsonga bezwang, die große französische Hoffnung. „Mit dem Selbstbewusstsein aus diesen beiden Matches bin ich ins Finale gegangen, mit breiter Brust“, sagte Wawrinka, „ich glaubte an mich, in jeder Sekunde.“

Nicht einmal eine bisher klägliche 3:17-Bilanz gegen Djokovic konnte Wawrinka in seiner Überzeugung stoppen, den Frontmann an diesem Tag auszubremsen – an einem Tag, der als Djokovics Rendezvous mit der Ewigkeit gedacht war. Denn als erst achter Spieler nach Fred Perry, Donald Budge, Roy Emerson, Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer und Rafael Nadal hätte der 28-jährige Serbe das Kunststück schaffen können, wenigstens einmal alle vier Major-Titel zu gewinnen.

Beifall für den fairen Verlierer

Doch daran glauben konnten er und sein Cheftrainer Boris Becker nur einen Satz lang, danach zerstob die Hoffnung – und zwar mit jedem dieser monströsen Gewinnschläge, die Wawrinka mit Regelmäßigkeit auf dem Roten Platz in den Sand setzte. „Stan ist ein würdiger Champion, einer mit Charakter“, sagte Djokovic später unter Tränen, bei der offiziellen Siegerehrung. Minutenlang spendeten ihm die Fans tröstlichen Applaus, auch für seine Fairness in diesem heißen Duell, feierten einen Verlierer, der irgendwie auch als Gewinner diese Bühne verließ.

Faktisch allerdings war das nur einer: Stan Wawrinka. Stan, the Man. Einer unter vielen in dieser neuen Tennis-Welt, der seine ganzen Kräfte und Fähigkeiten erst im Alter rund um die für manche so schreckliche 30 entdeckte. Und noch nicht lange genug hat, nun, nach zwei Grand Slam-Titeln: „Ich bin glücklich, sehr glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Aber ich will noch mehr“, sagte Wawrinka, „meine Reise hat vielleicht gerade erst begonnen.“ Das Turnier in Wimbledon wirft so schon seine Schatten voraus.