Champions League

Mehr als nur ein Titel

FC Barcelona setzt beim Triumph in der Königsklasse gegen Juventus Turin im Olympiastadion neue Maßstäbe im Fußball

Es war schon spät am Sonntagabend, als die neuen Fußballkönige Europas ihren Untertanen in Barcelona ihre Aufwartung machten. Mit einem Korso in offenen Doppeldecker-Bussen fuhren die Profis des FC Barcelona durch die katalanische Stadt bis zu ihrem Palast Camp Nou, wo sie das fortsetzten, was sie bereits in der Nacht zuvor in der alten Abflughalle des umgebauten Flughafens Tempelhof und in den Morgenstunden im Szeneclub Avenue in der Nähe des Alexanderplatzes gemacht hatten: feiern wie die Könige. Es war eine denkwürdige Titelzeremonie mit Basketballsuperstar Dirk Nowitzki, den früheren Nationalspielern Miroslav Klose und Mario Gomez sowie dem katalanischen Ministerpräsidenten Artus Mas.

Doch vor allem wird es der Abend zuvor im Berliner Olympiastadion sein, der noch lange Zeit weit über die Grenzen Barcelonas im Gedächtnis aller Fußballfans haften bleiben wird. Denn geboten wurde nicht einfach nur ein torreiches Endspiel zweiter europäischer Topklubs – am Ende war dieses 3:1 gegen Juventus Turin eine unvergessene Fußballgala von epochaler Bedeutung. Barca konnte einmal mehr eindrucksvoll beweisen, warum das eigene Selbstverständnis lautet: més que un club – mehr als ein Klub.

Abschied von Rekordmann Xavi

„Barcelona ist einfach unglaublich“, sagte Juventus Turins Trainer Massimiliano Allegri kurz vor Mitternacht voller Ehrfurcht, „wir konnten Barca nicht aufhalten, konnten dieser Mannschaft einfach nichts entgegensetzen.“

Dies stimmte nur bedingt. Tatsächlich überzeugte auch Juventus mit jugendlichem Pressing, unitalienischem Angriffsfußball und ganz viel Herz. Doch aufhalten, da hatte Allegri Recht, konnte Lionel Messi, Neymar und Co. an diesem Abend niemand. Es war Barcelonas achtes Endspiel, der fünfte Titel und der vierte Champions-League-Triumph in den vergangenen neun Jahren. Und so war das Triple auch das Ende einer Ära und gleichzeitig der Beginn eines neuen, vielleicht sogar noch besseren Barcas.

Das alte Barcelona bekam in der 78. Minute die Spielführerbinde über den linken Oberarm gestreift. Xavi Hernandez, seit 24 (!) Jahren beim FC Barcelona, stand an der Seitenlinie und wartete auf seinen 151. Einsatz in der Königsklasse – welch ein Rekord. Sein Freund Andres Iniesta, seit 19 Jahren bei Barca, der nach dem Finale zum besten Spieler des Finales ausgezeichnet wurde, ging vom Platz, umarmte den bereits wartenden Xavi und überreichte ihm die Kapitänsbinde. Die Zuschauer im Olympiastadion, auch die Turiner, erhoben sich von ihren Plätzen und zollten diesen beiden Ikonen den verdienten Beifall. „Ich habe Xavi gesagt, dass er das Spiel noch mal beruhigen soll. Fuerza“, antwortete Iniesta auf die Frage, warum der beste Mann des Spiels eine Viertelstunde vor Schluss beim Stand von 2:1 weichen sollte. Doch auch das ist der FC Barcelona. Iniesta ging, Xavi kam. Ein letztes, ein allerletztes Mal, ehe es den 35 Jahre alten Mittelfeldstrategen endgültig in die Wüste nach Katar zieht.

Dabei wurde in den vorangegangenen 97 Minuten in Berlin überdeutlich, dass Barca unter Pep Guardiolas Nachnachnachfolger Luis Enrique schon lange nicht mehr nur die gefürchtete Tiki-Taka-Passmaschine ist. Zwar dreht sich Barcelonas Kurzpasskarussell noch immer in beängstigender Geschwindigkeit. Doch immer dann, wenn es wie in den vergangenen Jahren auch ein wenig langweilig zu werden drohte, riss das momentan wohl beste Offensivtrio des Weltfußballs – Neymar, Messi und Luis Suarez – die Zuschauer von ihren Plätzen. Der erste Treffer nach nur 204 Sekunden: eine Passstafette zwischen Jordi Alba, Neymar, Iniesta und dem Ex-Schalker Ivan Rakitic. Ein Tor wie ein Gedicht. Und gerade, als sich Juve mit Moratas Ausgleich (55.) anschickte, die Statik des Spiels neu zu berechnen, schlug Barca gnadenlos zurück: Wie im Training spazierte Messi durch Juves Abwehr, und nachdem Altmeister Gianluigi Buffon seinen Schuss nur abklatschen konnte, bedankte sich Suarez mit dem wuchtigen Treffer unter die Latte zum 2:1 (68.). In der siebten Minute der Nachspielzeit setzte Brasiliens Superstar Neymar den würdigen Schlusspunkt.

Spekulationen um Trainer Enrique

„Teilweise war es fast ein perfektes Spiel von uns“, lobte Barcelonas Trainer Enrique, der trotz des Triumphes erstaunlich sachlich und sogar distanziert wirkte. „Ich möchte den Abend erst einmal genießen“, sagte der stolze Asturier, „dann wird der Zeitpunkt kommen, wenn wir wichtige Entscheidungen treffen.“ Es dauerte nur Minuten, ehe sich in ganz Spanien die Nachricht verbreitet hatte, dass der sture Enrique seine Zukunft bei Barca offen lasse. Der Trainer, so spekulierten die hysterischen Medien, habe nicht überwunden, dass sich Barcelonas Präsidium im Winter auf die Seite Lionel Messis geschlagen habe, als sich dieser mit Enrique überworfen haben soll.

Doch in der Nacht von Berlin ging es um den gesamten FC Barcelona, der nachdrücklich in Erinnerung rief, wie herrlich dieses so simple Spiel Fußball doch sein kann. Es war Iniesta, dessen letzter Satz in seiner Konsequenz so unvorstellbar klingt wie das Geschehen auf dem Rasen zuvor: „Wir wollen diesen Klub noch größer machen.“ Barca – eben mehr als nur ein Klub.