Interview

„Man traut es ja keiner Frau zu“

Bundestrainerin Silvia Neid über das WM-Turnier in Kanada und ein Tabuthema im Fußball

Wann immer es was im deutschen Frauenfußball zu gewinnen gab, war Silvia Neid, 51, dabei. Als Spielerin, als Assistenztrainerin und seit 2005 als Bundestrainerin. Bei der WM in Kanada, bei der heute Deutschlands erstes Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (22 Uhr, ZDF und Eurosport) ansteht, ist der dritte Titelgewinn das Ziel.

Berliner Morgenpost:

Frau Neid, können Sie sich noch an den Slogan erinnern: „Dritte Plätze sind was für Männer“?

Silvia Neid:

Oh, erinnern Sie mich nicht daran. Das war der Slogan der Öffentlich-Rechtlichen bei unserer Heim-WM vor vier Jahren. Der Spruch kam nicht von uns. Und ich war geschockt, als ich den gesehen habe. Dieser ganze Hype hatte damals eine Eigendynamik angenommen, die man gar nicht mehr stoppen oder regulieren konnte. Alle waren verrückt auf diesen Titel. Der musste her. Das war schon im Vorfeld klar – zumindest in der Öffentlichkeit.

Es ging bekanntlich gründlich daneben, das Aus ereilte das deutsche Team 2011 schon im Viertelfinale gegen den später Champion Japan. Dann halten Sie für dieses Turnier wohl auch nichts von dem vordergründig defensiveren Spruch: Frauen stehen Männern in nichts nach?

Was ist denn daran defensiver? Das wäre ja auch wieder der Titel. Das sind alles schöne Sprüche, leicht dahergesagt. Für uns wäre es natürlich ein Traum, wie die Männer 2014 ins Finale zu kommen. Aber der Weg dahin ist unendlich weit. Für mich gibt es diesmal acht Favoriten, die die Qualität haben, diesen Titel zu gewinnen. Und dazu noch vier Mannschaften, die die Qualität haben, diesen Favoriten ein Bein zu stellen.

Das ist ja die Hälfte aller Mannschaften.

Ja, aber so ist es. Wenn man sieht, was es bereits im Achtelfinale für Konstellationen geben kann, dann ist der dritte Stern für mich im Moment einfach nur ein Traum. Es wäre schon ein riesiger Erfolg, ins Halbfinale zu kommen. Dass man letztendlich in ein Turnier geht, um es ganz weit zu bringen, das ist ja klar. Aber dazu gehört natürlich auch das Quäntchen Glück. Fragen Sie mal die Männer.

Sie haben schon weit vor Turnierbeginn verkündet, dass Sie Ende August 2016 als Bundestrainerin aufhören und die Leitung der neuen Scoutingabteilung übernehmen werden. Ein ungewöhnlicher Schritt.

Warum?

Er verschafft Ihren Spielerinnen ein Alibi, wenn es nicht laufen sollte.

Nein, so schätze ich meine Spielerinnen nicht ein. Ich denke, es ist gut, dass wir so früh Klarheit geschaffen haben.

Sie sind 51 Jahre alt. Im Männerbereich wären Sie damit im besten Traineralter. Aber Sie hören auf. Fühlen Sie sich alt?

Nein, aber wenn das Baby Frauen-Nationalmannschaft dann 34 Jahre alt ist, kann man mal loslassen. Ich will schauen, ob ich auch etwas anderes kann.

Was hat eigentlich Berti Vogts zu Ihrer Rücktrittsankündigung gesagt.

Wir haben zwar noch hier und da Kontakt, aber dazu hat er nichts gesagt.

Der einstige Bundestrainer gilt als einer Ihrer Mentoren.

Ich weiß nicht, ob das die richtige Bezeichnung ist. Aber Berti hat mich damals zum DFB geholt. Ich erinnere mich noch an den Anruf. Meine Karriere als Spielerin war am Ausklingen. Ich hatte damals schon angefangen, bei der AOK zu arbeiten.

Und dann rief Berti Vogts bei der AOK an?

Ja, das wäre heute im Zeitalter der Handys natürlich anders. Aber damals klingelte das Telefon. Ich sagte meinen Spruch auf: „Die AOK in Siegen, Neid, guten Tag, was kann ich für Sie tun.“ Dann hat er gesagt „Vogts mein Name“. Dann habe ich geantwortet: „Hallo Herr Vogts, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Dann sagte er: „Hier ist Berti Vogts.“ Dann musste ich erst einmal schlucken. So ging das alles los. Ich war natürlich sehr froh, dass er mir das Vertrauen geschenkt hat, dass ich eine gute Trainerin werden könnte. Ich hatte das ja vorher noch nicht unter Beweis stellen können.

Sie haben den Frauenfußball kennengelernt, als er noch um die Anerkennung kämpfte. Jetzt spielen erstmals 24 Teams bei einer WM. Wo steht der Frauenfußball verglichen mit dem der Männer?

Diese Vergleiche bringen uns nichts. Ich stelle sie auch nicht an. Ich sehe lieber unsere Entwicklung. Und da kann man feststellen: In den letzten 30 Jahren hat sich wahnsinnig viel getan. Darauf können wir alle ein bisschen stolz sein. Und der Frauenfußball wird sich auch noch weiterentwickeln.

Sie wurden zur aktiven Zeit oft mit Rekordnationalspieler Lothar Matthäus verglichen. Darauf haben Sie mal geantwortet: Mir fehlen da entscheidende Gramm am Körper. Warum nerven Sie eigentlich diese Vergleiche mit Männern?

Nerven würde ich es nicht nennen. Ich weiß ja auch, wie diese Vergleiche gemeint sind. Und in der Öffentlichkeit ist es immer noch so, dass die Männer die bekannteren Bezugsgrößen sind.

Es ist auffällig, dass auch heute noch fast alle Spielerinnen bei Fragen nach Vorbildern Messi, Ronaldo oder Schweinsteiger angeben als die Brasilianerin Marta.

Das verstehe ich auch nicht. Wenn ich heute ein kleines Mädchen wäre, dann hätte ich jetzt Vorbilder in unserer Frauen-Nationalmannschaft. Dzsenifer Marozsan etwa, sie spielt einen genialen Ball. Aber zu meiner Zeit gab es noch keine Frauen im Fußball. Mein Vorbild war immer mein Vater. Weil er mit dem Ball alles konnte, er konnte links wie rechts gut schießen. Er konnte dribbeln. Er war einfach der Beste auf dem Platz. Dazu noch mein Bruder, er ist zwei Jahre älter als ich. Das waren meine Vorbilder.

Wie lange hielt das an?

Lange, selbst als ich schon Nationalmannschaft gespielt habe.

Hat es Sie eigentlich jemals gereizt, eine Männermannschaft zu trainieren?

Nein, gereizt hat es mich nicht, weil ich immer einen tollen Job hatte und noch habe. Aber sicherlich wäre es interessant gewesen. Man traut es ja keiner Frau zu, eine Männermannschaft zu trainieren. Aber bei Männern ist es ganz klar, dass sie Frauen trainieren können.

In Corinne Diacre gibt es eine französische Ex-Nationalspielerin, die in Frankreich eine Zweitliga-Männermannschaft betreut. Ein erstes Anzeichen von Umdenken?

Ich glaube nicht. Ich finde das super, dass sie das macht. Aber ich denke nicht, dass das mal Normalität wird. Wir müssen es im Frauen-Fußball erst einmal dahin bringen, dass wir viele Trainerinnen ausbilden. Dass mehr Frauen auch diesen Weg gehen wollen, der wahrlich nicht immer bequem ist. Und dann müssen wir Frauen insgesamt einfach selbstbewusster werden und sagen: Ja klar, warum soll ich keine Männermannschaft trainieren können?

Sie würden sich das also zutrauen?

Ja, natürlich könnte ich eine Männermannschaft trainieren. Ich habe die Erfahrung, die Kompetenz und alles, was man dazu benötigt. Die Frage ist nur, ob mich der Mann in meiner Rolle als Trainerin respektieren würde. Das ist die alles entscheidende Frage.

Und die würden Sie dann wohl mit nein beantworten?

So habe ich das nicht gesagt. Aber ich denke, dass es aussagekräftig genug ist, dass bislang nur Corinne Diacre eine Männer-Profimannschaft trainiert.