Champions League

Ein Verkannter wird zum Helden

Ivan Rakitic wurde bei Schalke einst weggeschickt. Nun feiert der Mittelfeldspieler mit dem FC Barcelona das Triple

Bei der Ankunft in Berlin trug Ivan Rakitic einen goldenen Stecker im Ohr. Seine Initialen „I“ und „R“ in einer glänzenden Fassung. Das war seltsam. Man kennt den Mittelfeldspieler vom FC Barcelona mit den langsam ausufernden Geheimratsecken eher als schüchternen Zeitgenossen. Der Mann ist sonst keiner für die große Show und erst recht keiner für pompöse Selbstinszenierung. Dafür sind bei Barca andere zuständig. Neymar zum Beispiel. Aber diesbezüglich hatte der Ohrschmuck vielleicht auch prophetischen Charakter. Denn am Sonnabend war es Ivan Rakitic, der für Glanz sorgte.

Vier Minuten stand der 27-Jährige erst im Finale der Champions League auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions, da schob ihm Andrés Iniesta im Strafraum von Juventus Turin den Ball vor die Füße. Und Rakitic traf zum 1:0 für Barcelona. Am Ende war dies eines von drei Toren, die Juve bezwangen (3:1), und es ist zu vermuten, dass sich die deutschen Zuschauer unter den 150 Millionen, die das Endspiel in der ganzen Welt verfolgten, nach diesem Treffer fragend am Kopf kratzten: Ist das der Ivan Rakitic?

Er war es. Dass Rakitic nämlich zum gefeierten Helden im Finale der Königsklasse wurde, ist eine kleine Ungeheuerlichkeit. Der in der Schweiz geborene, kroatische Nationalspieler lief dreieinhalb Jahre lang in der Bundesliga für Schalke 04 auf. Mit 19 Jahren kam er 2007 aus Basel nach Gelsenkirchen und erlebte dort vier verschiedene Trainer. Obwohl sich seine Quote passabel liest – er erzielte in 97 Bundesligaspielen zwölf Tore und bereitete 23 vor – waren sie auf Schalke nie gänzlich zufrieden mit ihm. Man warf ihm vor, körperlich nicht robust genug zu sein. Auch eine seltsame Lethargie mahnte man bei ihm an. Zudem wunderten sich die Verantwortlichen, dass Rakitics Leistungen an einem Wochenende im oberen Preisregal anzusiedeln waren, aber eine Woche später wieder im untersten.

2011 schickte ihn Felix Magath für zwei Millionen Euro fort zum FC Sevilla nach Spanien. Magath verkannte ihn, muss man heute sagen, denn in Andalusien reifte Rakitic plötzlich zu einem Profi von besonderem Format. Schnell wurde er Kapitän. 2014 gewann er mit Sevilla die Europa League und wurde im selben Jahr zum Spieler der Saison in der Primera Division gewählt – einer Liga, in der sich bekanntlich auch nicht unbegabte Kollegen wie Lionel Messi und Cristiano Ronaldo verdienen.

Vor dieser Saison wechselte Rakitic für rund 20 Millionen Euro zum FC Barcelona und hat dort den Platz des alternden Feldherren Xavi übernommen, der seine Karriere demnächst in Katar ausklingen lassen wird. 38 Pflichtspiele stand Rakitic in dieser Spielzeit in der Anfangsformation. „Hier wird anders gespielt – vielmehr so, wie ich es liebe“, sagte er kürzlich. Rakitics Rolle ist bei den Katalanen eine defensivere als in den Jahren zuvor. Gemeinsam mit Sergio Busquets bildet er im zentralen Mittelfeld das Gestänge, auf dem die Ball-Artisten um Messi, Neymar und Luis Suárez ihre Kunststücke aufführen. Von den 30 Treffern des FC Barcelona in dieser Champions-League-Saison haben diese drei Angreifer 27 erzielt. Rakitic ist einer der beiden Statiker des schönes Spiels der Südamerika-Connection um den Uruguayer Suárez, den Argentinier Messi und den Brasilianer Neymar. Aber er hat auch zwei von drei Treffern erzielt, die das Trio übrig ließ.

Zwei Tore in der Königsklasse

Rakitic sagt: „Messi, Neymar und Suarez stehen im Mittelpunkt. Hauptsache wir erledigen unseren Job. Wir müssen schauen, dass die Offensivspieler ihre Freiheiten haben, weil sie die Spiele entscheiden.“ Nun hat Ivan Rakitic selbst Zählbares dazu beigetragen, dass das wichtigste Spiel der Saison für den FC Barcelona gewonnen wurde. Er hat mit Barca jetzt den dritten Titel in dieser Spielzeit geholt nach Meisterschaft und Pokalsieg in Spanien. „Das war das wichtigste Tor meiner Karriere“, sagte Rakitic nach dem Triumph. Die goldenen Initialen im Ohr hat er sich also verdient.