Fußball

Fußball aus einer fremden Galaxie

Lionel Messi führt den FC Barcelona mit einem Traumtor zum Sieg in der Copa del Rey

Lionel Messi ist in letzter Zeit ein anderer Fußballer geworden, ein echter Spielmacher. Er agiert jetzt teilweise tief in der eigenen Hälfte, auch reifte er zum Experten für Diagonalflanken, die so sanft herunterfallen wie das erste Laub im Spätsommerwind. Zwei solcher Pässe spielte er in der ersten Halbzeit gegen Athletic Bilbao im Camp Nou, den ersten verwandelte Neymar (der Schiedsrichter erkannte zu Unrecht auf Abseits), den zweiten vermasselte Luis Suarez. Zwischendrin aber, in der 20. Minute, da zeigte Messi, dass er zwar ein Neuer ist – aber gleichzeitig der Alte geblieben: Allein kann er es auch noch ganz gut.

So gut, dass Kapitän Xavi sein 1:0 „skandalös“ nannte, und „eines der besten Tore, die er je geschossen hat“. Xavi muss es wissen, zumindest bei Messis 412 Treffern für den Klub war er dabei. Unter denen gab es zum Beispiel das „maradonianische“ Tor gegen Getafe, als er sich wie einst Argentiniens anderer Nationalheiliger vom Mittelfeld aus durch die gegnerische Abwehr dribbelte. Am Sonnabend nun gab es altgediente Beobachter, die fanden das Tor gegen Bilbao noch besser.

„Extrem schwierig, unveröffentlicht, nie gesehen“, urteilte die spanische „El Pais“, derweil die argentinische „Ole“ die Frage stellte: „Leo, aus welcher Galaxie bist du?“ Messi startete an der rechten Seitenauslinie mit dem minimalen Platz, den er nur braucht, um in diesen Gang hochzuschalten, den kein anderer Fußballer im Getriebe hat. Durch einen Rhythmuswechsel legte er die Kugel an Mikel Balenziaga vorbei, und als er sich nun drei Gegenspielern gleichzeitig gegenüber sah, schob er sie Balenziaga durch die Beine, trat wieder an, schüttelte Mikel Rico ab, zog in den Strafraum, legte den Ball mit dem Außenrist innen an Aymeric Laporte vorbei und schoss aus der selben Bewegung heraus mit links ins kurze Eck. Während die Fans und sogar Mitspieler noch zu begreifen versuchten, was sie da erlebt hatten, streckte er die Hände zum Himmel – wo seine verstorbene Großmutter zuschaut. Celia Olivera hatte ihm immer gesagt, dass er der Beste sei. Mittlerweile wissen das natürlich alle. „Seine Majestät“ titelte „Marca“ anderntags über dieses Finale der Copa del Rey, des Königspokals. Das Foto zeigte nicht Felipe VI.

Barca feierte eine Woche nach erfolgreicher Beendigung der Meisterschaft und eine Woche vor dem Champions-League-Finale gegen Juventus Turin in Berlin schon mal das sechste Double der Vereinsgeschichte. 3:1 (2:0) lautete nach weiteren Toren von Neymar und erneut Messi das Endergebnis, die „MSN“ (Messi, Neymar, Suarez) schraubte ihre Ausbeute auf 120 Saisontreffer und verbesserte damit eine Bestmarke von Real Madrids Angriffstrio um Cristiano Ronaldo aus dem Jahr 2012. So weit die Statistik. Entschieden war die Partie in dem Moment, als Seine Majestät ihr atemberaubendes Solo vollendet hatte – selbst die notorisch widerspenstigen Basken waren damit zu Untertanen degradiert, im Gesicht die nackte Panik, wann immer er auch nur in die Nähe des Balls kam.

Härteste Prüfung wartet in Berlin

In Berlin steht die härteste Prüfung an, die der Fußball für einen Angreifer bereithält: eine geschulte italienische Verteidigung. Athletic war kein echter Gradmesser, es ist ja im Wortsinn limitiert, weil dort nach wie vor nur Basken spielen dürfen. Diese Politik kann zwar einen wie den hochbegabten Inaki Williams einschließen, Sohn afrikanischer Eltern, den Torschützen zum Endstand und besten Bilbainer. Sie sorgt aber in Zeiten der Transferfreiheit nach dem Bosman-Urteil für einen so eindeutigen Wettbewerbsnachteil, dass der letzte von 23 Pokalsiegen aus dem Jahr 1984 stammt. Zum dritten Mal in den letzten sechs Jahren setzte es nun eine klare Finalpleite gegen denselben Gegner. „Wirklich schade für Athletic, dass es in seinen Finals immer auf ein Barca auf diesem Niveau trifft“, bemitleidete Siegertrainer Luis Enrique. „Sie hätten mal wieder einen Titel verdient.“

Der stets eigenwillige Coach überraschte außerdem mit der Weigerung, seinem zweiten Star Neymar zur Seite zu springen. Der Brasilianer hatte in der Schlussphase einen Trick aufgeführt, indem er sich den Ball zwischen die Füße klemmte und über einen Athletic-Verteidiger lupfte. Nach dem anschließenden Foul seines Gegenspielers bekam er nicht nur keinen Freistoß, sondern wurde von den Basken unter dem Vorwurf der versuchten Demütigung auch über das halbe Spielfeld gejagt. Mochte man den Frust der Verlierer verstehen, dürfte die Einschätzung Luis Enriques bei Neymar nicht so gut ankommen: „Ich hätte genauso oder schlimmer reagiert“, verteidigte der Trainer – die Spieler von Athletic.

Deren Anhänger feierten ihre Mannschaft noch Minuten nach dem Schlusspfiff, aufgrund der kühnen Sturheit des Vereins gegenüber der Fußball-Moderne ist ihre Hingabe nur gewachsen. Knapp 100.000 hatten sich auf den Weg nach Barcelona gemacht, gut 50.000 fanden Eintritt im Camp Nou, sie diktierten dem FC Barcelona mit ihrer Leidenschaft ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion und einen ungewohnt frenetischen Spielverlauf. Aber auch unter solchen Bedingungen fühlen sich Barcas einstige Kontrollfanatiker wohl, seit Luis Enrique den Starkstromfußball ins Repertoire aufgenommen hat.

Am lautesten war es sowieso vor dem Spiel – als Basken und Katalanen gemeinsam die spanische Hymne auspfiffen. 119 Dezibel ermittelte die Zeitung „As“. Bei 120 beginnt medizinisch der Schmerzbereich. Politisch ist er längst erreicht. Die spanische Regierung berief ihre Antigewaltskommission ein und kündigte Konsequenzen an. Wie sie über 90.000 Zuschauer bestrafen will, bleibt abzuwarten.