Bundesliga

Aus Erfahrung schlecht

Dem Hamburger SV steht in der Relegation das Wasser bis zum Hals. Die kritische Situation kennen die Spieler nur zu gut

Treffen oder trauern – alles reduziert sich beim Hamburger SV nach seiner Horrorsaison auf diese beiden Szenarien. Gelingt dem Bundesliga-Dino im Relegations-Rückspiel am Montag (19 Uhr, ARD und Sky) beim Karlsruher SC kein eigenes Tor, ist der Nordklub nach 128 Jahren erstmals zweitklassig. Die legendäre Stadionuhr würde einfach schnöde abgestellt.

Und die Leistung aus dem Hinspiel lässt die HSV-Anhänger nicht gerade optimistisch dreinblicken. Es war schon erschreckend, wie die Hanseaten sich mühten gegen den Zweitligaklub. Klassenunterschied? Keinesfalls.

Wer nicht die Raute im Herzen trägt, blickt mit einer Mischung aus Belustigung und Unverständnis auf den Traditionsklub von der Elbe. Es ist ein bizarres Schauspiel, wie der Verein sich quält und windet, sich selbst im Weg steht und ständig bereit ist für die nächste Blamage. Hatten die Hamburger nicht hoch und heilig geschworen, nach der Saison 2013/2014 alles besser zu machen? Waren die Relegationsspiele vor einem Jahr gegen Greuther Fürth (0:0, 1:1) kein nachhaltiges Warnsignal? Offenbar nicht: Der HSV ist keinen Schritt weiter. 25 Tore in 34 Spielen, 26 Treffer weniger als in der vergangenen Saison. Und die war schon ein Graus. Nach dem Hinspiel gegen den KSC stehen die Hanseaten immer noch mit dem Rücken zur Wand.

Es bleibt ein Rätsel, warum aus einem erstklassig bezahlten Kader offenbar keine Bundesligatauglichkeit herauszupressen ist. Spieler wie Nicolai Müller, Lewis Holtby oder Valon Behrami, in ihren alten Vereinen tragende Säulen, verkümmerten zu Grobmotorikern, kaum hatten sie Hamburger Boden betreten. Legionen von Trainern haben sich an ihnen versucht, und auch Bruno Labbadia ist es bislang nicht gelungen, die unfassbaren Fehler abzustellen, die seinen Spielern regelmäßig unterlaufen. Immerhin hält er sein Team am Leben – und das beeindruckt dann doch irgendwie.

Der letzte Liga-Dino klammert sich an sein letztes Alleinstellungsmerkmal wie ein Überlebender an die Schiffsplanke. Wer es geschafft hat, die vorherige Relegation gegen Greuther Fürth ohne Sieg und trotzdem erfolgreich zu gestalten, den umweht ein Hauch von Unsterblichkeit. Als es gegen Karlsruhe beim Stande von 0:1 binnen weniger Sekunden gleich zweimal an der HSV-Latte schepperte, da starben die Gastgeber nicht vor Schreck, sondern schüttelten sich und fanden durch den Ausgleich von Ivo Ilicevic zurück ins Licht.

Wer diesen HSV spielen sieht, wendet den Blick ab, so unansehnlich ist das Gekicke. Und trotzdem ringt er einem Respekt ab für seinen zähen Willen nicht aufzugeben. „Wir haben jetzt ein echtes Endspiel vor uns. Mit einem Sieg bleiben wir in der Liga“, sagt Labbadia. Und mit Endspielen kennen die Hamburger sich mittlerweile aus. Erst Greuther Fürth, dann das rettende 2:0 gegen Schalke am letzten Bundesligaspieltag – der HSV war da, wenn es nötig war. Immerhin. Es war zwar jeweils extrem knapp, aber gerissen hat der Meister von 1983 die Latte bislang nicht. Die berühmte Stadionuhr tickt und tickt. Labbadia: „Wir liegen immer am Boden, aber stehen auch immer wieder auf. Deshalb sollte uns niemand abschreiben.“