Meisterschaft

Messi eröffnet die katalanischen Feierwochen

Der FC Barcelona holt dank des Ballzauberers den ersten Titel auf dem Weg zum Triple

Mitte der zweiten Halbzeit wurde es konspirativ im Estadio Vicente Calderón. Luis Enrique hauchte Lionel Messi etwas ins Ohr. Messi grinste. Die ganze Szene war in etwa so vorhersehbar wie ein Flirt zwischen Wolfgang Schäuble und einer Onassis-Erbin. Weshalb sie kein Dramaturg besser hätte platzieren können als in jenem Moment an jenem Tag: als der FC Barcelona des Trainers Luis Enrique durch ein wundervolles Tor von Messi die spanische Meisterschaft besiegelte.

Die Spannungen zwischen beiden sind schließlich so etwas wie der Gründungsmythos dieses Barca-Teams, das bis Weihnachten nicht wirklich den Eindruck eines kommenden Champions machte. Doch dann „brannten Leo ein bisschen die Kabel durch“, wie Teamkollege Jérémy Mathieu mal in erfrischender Offenheit einen Vorgang beschrieb, den alle Beteiligten zuvor energisch geleugnet hatten: Star und Trainer rasselten auf dem Trainingsplatz aneinander. Messi musste für ein Spiel auf die Bank, schwänzte tags darauf ein öffentliches Training, alles schien auf eine Katastrophe zuzusteuern. Die angestauten Aggressionen aber entluden sich eine Woche später in einer Katharsis: 3:1 gegen Atlético Madrid. Wer an jenem Abend im Camp Nou war, fühlte eine Energie wie seit Jahren nicht mehr. Der Eindruck hat sich bestätigt.

Offensiv-Trio mit 79 Liga-Toren

Eine Halbserie später trat beim selben Gegner eine Mannschaft auf, die in jedem Moment wusste, was sie tat. Nachdem sie unter der Woche bei Bayern München dank ihrer Konterstärke reüssiert hatte, dominierte sie beim defensivstarken Tabellendritten geduldig das Spiel, bis Messi in der 65. Minute auf engstem Raum einen Doppelpass mit Pedro erfand, den Ball mit der Sohle in seinen Lauf streichelte und ihn durch die Beine eines Verteidigers im langen Eck platzierte.

Das reichte, um einen Spieltag vor Schluss den Vier-Punkte-Vorsprung auf Real Madrid (4:1 bei Espanyol Barcelona) uneinholbar zu beschützen und die katalanischen Feierwochen zu eröffnen. In den Finals von Copa del Rey (gegen Athletic Bilbao, 29. Mai) und der Champions League (Juventus Turin, 6. Juni, Berlin) winkt das zweite Triple der Vereinsgeschichte nach der Spielzeit 2008/09. „Dabei wurden wir schon totgesagt“, kommentierte Linksverteidiger Jordi Alba. Gegen Atlético hatte Barcelona auf den Tag genau ein Jahr vorher im direkten Duell zu Hause den Titel verschenkt und über die gesamte Saison von sechs Spielen keines gewonnen. Die Generation um Messi, Iniesta oder Piqué galt als ermattet und ausgebrannt. Dieses Jahr nun wurde Atlético in vier Duellen viermal besiegt.

Wie genau die Anteile an der Renaissance zu verteilen sind, wird in Barcelona unermüdlich diskutiert. Luis Enrique brachte eine Kultur der Ambition zurück, die Zugänge Luis Suárez und Ivan Rakitic dynamisierten die erstarrte Spielweise, und Messi entdeckte nach überstandenen Verletzungsproblemen und WM-Obsessionen die gewohnte Spielkunst wieder. Trotz altruistischerer Spielweise als früher schoss er 41 Tore allein in der Primera Division, er bildet mit dem emphatischen Mittelstürmer Suárez und dem federleichten Künstler Neymar ein epochales Angriffstrio (79 von 108 Liga-Toren) und beseitigte die letzten Zweifel daran, dass die Trainer in Barcelona zwar kommen und gehen, die Erfolge aber bleiben – solange er sein Talent nur mit Eifer paart.

Sieben der vergangenen elf Meisterschaften hat Barcelona jetzt gewonnen. Nie in der Vereinsgeschichte gab es einen derart langen Erfolgszyklus. Die dritte große Mannschaft dieser goldenen Dekade nach denen von Frank Rijkaard und Pep Guardiola ist vielleicht nicht die spektakulärste, aber gewiss die kompletteste.

Sogar traditionelle Schwächen wie Direktfußball und Standardsituationen wurden in Stärken umgewandelt. Barca beherrscht alle Register des Spiels – und stellt sich daher als unbespielbar heraus.