Hertha BSC

Eine Saison zum Vergessen

Warum diese Bundesliga-Spielzeit für Hertha BSC ganz anders verlaufen ist als von den Berlinern geplant. Eine Analyse

Wenn alles überstanden ist und diese 52. Bundesligasaison endlich Geschichte, dann wird Hertha BSC aller Wahrscheinlichkeit nach weiterhin erstklassig sein. Das Ergebnisdomino, das eintreten muss, um die Berliner am letzten Spieltag noch in die Relegation und dann womöglich in die Zweitklassigkeit zu stürzen, ist zwar möglich. Aber es gibt gute Gründe, nicht darauf zu wetten. Eine Niederlage mit zwei oder mehr Toren, wie sie gegen Hoffenheim eintreten müsste, gab es unter Trainer Pal Dardai in 14 Partien bisher nur zwei Mal (gegen Freiburg und Dortmund). Zudem müssten auch die Ergebnisse der Konkurrenz in einer unheilvollen Weise zusammenpassen: Stuttgart gegen Paderborn gewinnen, Hannover und Freiburg unentschieden spielen.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Hertha die Klasse halten und damit das Saisonziel erreichen wird. Danach wird dennoch kein großer Jubel ausbrechen. Denn diese Saison hat an den Nerven gezerrt: bei den Berliner Fans, den Spielern und den Verantwortlichen. Wo man im vergangenen Sommer zwar nicht mit großer Euphorie, aber mit Optimismus in das neue Spieljahr gegangen war, herrscht jetzt nur noch Erschöpfung. Hertha wird diese Saison so schnell wie möglich vergessen wollen.

Aber warum eigentlich? Wie konnte es dazu kommen, dass sich Hertha ausgebrannt über die Ziellinie schieben muss? Eine Suche nach Erklärungen:

Nicht alle Transfers gingen auf

Euphorie gab es im Sommer 2014 bei Hertha nicht, weil die schlimme Rückrunde mit nur 13 Punkten auf den Magen schlug. Die Analyse des Absturzes in der zweiten Saisonhälfte ergab, dass Hertha einen personellen Umbruch brauchte: Acht neue Spieler kamen. Weil man zur Überraschung der Branche die renommierten Salomon Kalou und John Heitinga bekam, herrschte Zuversicht. Die Neuausrichtung der Mannschaft hatte damit zu tun, dass man mit Adrian Ramos (16 Tore) den zentralen Spieler abgeben musste. Die Last des Toreschießens sollte nun auf mehrere Schultern verteilt und die Außenbahnen gestärkt werden. Zudem wollte man den Kader mit gestandenen Profis breiter aufstellen. Man hatte auch gehofft, mit dem neuen Personal taktisch variabler agieren zu können als noch im Vorjahr, als Hertha ein Konterteam in Abhängigkeit von den hellen Momenten Ramos’ war.

Gelungen ist das nicht. Zwar konnten Valentin Stocker nach langer Anlaufzeit und Stürmer Julian Schieber überzeugen, Genki Haraguchi und Roy Beerens zumindest ihr Potenzial andeuten. Aber die gestandenen Profis wie Jens Hegeler, Heitinga und Kalou enttäuschten. Sicher, ohne die Tore des Ivorers (sechs) wären die Lichter längst aus im Bundesligastandort Berlin. Aber man hatte sich mehr erhofft und weniger Querelen. Hertha blieb zudem taktisch limitiert: Nur aus einer kompakten Defensive heraus war man erfolgreich. Das Spiel selbst gestalten konnte Hertha immer noch nicht und gehörte zu den Teams mit den wenigsten Ballbesitzanteilen.

Verletzungsmisere

Zur Geschichte dieser Hertha-Saison gehören die vielen Ausfälle. Mit Ausnahme des FC Bayern und Schalke 04 hatte kein Klub eine größere Verletzungsmisere als die Berliner. Mit Alexander Baumjohann und Tolga Cigerci fielen die beiden Spielgestalter bis auf zwei Kurzeinsätze Cigercis die komplette Saison aus. Daneben fehlten immer wieder Änis Ben-Hatira und Beerens, zeitweise Kapitän Fabian Lustenberger und seit elf Spielen auch der beste Stürmer Schieber. Der schmerzlichste Ausfall aber war der von Innenverteidiger Sebastian Langkamp in der gesamten Hinrunde. Ohne den Stabilisator stellte Hertha die zweitschlechteste Defensive (35 Gegentore).

Das Prinzip Hoffnung

Punkt drei wurde sichtbar durch die Verletzungsmisere: Herthas Manager Michael Preetz und Dardais Trainervorgänger Jos Luhukay haben bei der Planung dieser Saison und mittendrin oft auf das Prinzip Hoffnung gesetzt. Zu oft ging es aber nicht auf. Gehofft wurde, dass Lustenberger nach Muskelverletzungen in der Vorsaison schnell wieder der Fixpunkt in der Defensive werden würde. Aber der Schweizer brauchte Zeit. Gehofft wurde auch, dass Baumjohann nach seinem überstandenen Kreuzbandriss wieder der Strippenzieher werden könnte. Aber er verletzte sich erneut. Und gehofft wurde, dass Cigerci nach einer komplizierten Zehenverletzung wieder der Antreiber werden würde. Aber er kam nicht auf die Beine. Als er endlich zurück war, verletzte er sich wieder. So bekam man nie das Team aufs Feld, auf das man gesetzt hatte.

Fehlende Handlungsfähigkeit

Es ist nicht so, dass sie bei Hertha die Mängel nicht erkannt hätten. Aber als das geschah, entpuppte sich eine Struktur, die bis dahin eine Stärke des Klubs war, als Schwäche: das Prinzip Einvernehmen zwischen Manager und Trainer bei Transfers. Jene Struktur resultierte aus den unschönen Erfahrungen aus den Jahren der Alleinherrschaft unter dem vormaligen Manager Dieter Hoeneß, der oft über den Kopf seines Trainers entschied. Noch in der Endphase Hoeneß’ legte Präsident Werner Gegenbauer fest, dass Transferwünsche nur noch an das Präsidium herangetragen werden, wenn sich Manager und Trainer einig darin sind. Das sorgte ab 2009 unter Preetz nicht nur für eine verbesserte Atmosphäre im Klub. Es ermöglichte den Berlinern auch, die damals gefragten Trainer Markus Babbel und Luhukay zu bekommen, obwohl Hertha nur zweitklassig spielte, weil sie mitgestalten konnten.

Doch in der Wintertransferperiode 2015 sorgte das Prinzip Einvernehmen dafür, dass Hertha handlungsunfähig wurde: Beide, Preetz und Luhukay, hatten erkannt, dass dem Team ein laufstarker, zentraler Mittelfeldspieler mit Offensivqualitäten fehlte. Im Raum standen zwei Spieler vom FC Basel: Geoffroy Serey Dié und Marcelo Díaz. Aber Manager und Trainer konnten sich nicht einigen. So ging der eine nach Stuttgart, der andere zum HSV. Hertha verpflichtete wider besseren Wissens niemanden. Das Ergebnis ist in jedem Spiel seit Beginn der Rückrunde sichtbar: Die Berliner kranken an einer Vakanz im Kreativbereich. Hertha muss sich überlegen, ob das Prinzip Einvernehmen, das so viele positive Effekte hatte, aber nun zu einem großen Problem geworden ist, auch eines für die Zukunft sein kann.

Mangelnde Balance

All diese Punkte haben zu einer mangelhaften Erfüllung der Aufgabe geführt: Im Fußball geht es um gutes Verteidigen und geschicktes Angreifen. Hertha hat immer nur eines von beidem hinbekommen. Unter Luhukay traf das Team zwar verhältnismäßig ordentlich – 24 Mal in 19 Partien. Doch es kassierte auch zwei Treffer pro Spiel. Dardai konnte Letzteres beheben. Hertha bekam nur 13 Gegentore in 14 Partien unter ihm. Aber das ging auf Kosten der Offensive (nur 11 Tore). Die Balance zwischen Angriff und Abwehr hat Hertha nie gefunden.

Fazit Hertha hat in dieser Spielzeit die alte Fußball-Weisheit bestätigt, dass das zweite Jahr nach dem Aufstieg das schwierigste ist. Preetz hatte im Sommer das Ziel „Etablierung in der Liga“ ausgegeben. Das sollte bedeuten: Platz 15 oder besser. Aber es sollte auch bedeuten, dass man ein Klub werden wollte, den keine Abstiegssorgen umtreiben. Das ist nicht gelungen, und die Gründe dafür sind aufgeführt. Die Etablierung muss verschoben werden auf die nächste Saison. Wenn alles überstanden ist.