Fußball

Nie war Aufsteigen romantischer als in Darmstadt

Wie der Bundesliga-Anwärter den Gesetzen der Branche trotzt

Er war ein hoffnungsvolles Fußballtalent und hessischer Jugendmeister im Tennis. Dann, im Alter von elf Jahren, entdeckten sie in seinem Kopf einen Tumor. Jonathan Heimes kämpfte und besiegte den Krebs, doch die Tumore kamen zurück. Seit 14 Jahren geht das so. Viermal hat er um sein Leben gerungen – und gewonnen. „Du musst kämpfen. Es ist noch nichts verloren“, lautet sein Motto, und ohne Johnny Heimes wäre die unglaublichste Story im deutschen Fußball nicht möglich gewesen.

So erzählen sie es in Darmstadt. In den Fankneipen, auf den Tribünen, auf dem Platz. Der Spruch des glühenden Anhängers vom SV Darmstadt 98 wurde von der Mannschaft adaptiert und gab ihr eine Vision, eine Überschrift, ein Ziel. Er war die Triebfeder eines Aufstiegs, der im Sommer 2013 in der Regionalliga Süd begann und heute in die Bundesliga führen könnte. Trotz finanziell potenter Konkurrenz aus Leipzig, Kaiserslautern, Düsseldorf oder Nürnberg. Trotz kaputten Stadions, fehlender Infrastruktur, des kleinsten Kaders und des geringsten Etats der Liga. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.

Nur weil Offenbach im Sommer 2013 keine Drittligalizenz erhielt, kehrten die in die Regionalliga Süd abgestiegenen Darmstädter überhaupt wieder in die Dritte Liga zurück. Ein Jahr darauf erreichen sie überraschend die Aufstiegsrelegation zur Zweiten Liga. Als die Hessen nach einer 1:3-Heimniederlage zum Rückspiel bei Zweitligist Arminia Bielefeld auflaufen, tragen alle elf Spieler ein blaues Armband. Die Aufschrift: „Du musst kämpfen. Es ist noch nichts verloren“. Das Team schafft es in die Verlängerung, mit der letzten Aktion des Spiels fällt das 4:2, in der 122. Minute. Darmstadt war nach 21 Jahren wieder zweitklassig und dreht zwölf Monate später am ganz großen Rad. Die „Lilien“ liegen auf Platz zwei – heute in Fürth könnten sie den dritten Aufstieg binnen zwei Jahren feiern.

In Südhessen wird eine Geschichte mit so viel Pathos geschrieben, dass die als Märchen gefeierten Bundesligaaufstiege von Braunschweig 2013 und Paderborn, das 2014 mit einem Mini-Etat von 6,3 Millionen Euro den Sprung schaffte, dagegen zum Langweiler verkommen. „Wir sind mit fünf Millionen Euro in die Saison gegangen“, sagt Darmstadts Präsident Rüdiger Fritsch. Der Kader: eine Galerie der Gescheiterten. Ehemalige Talente und Jugendnationalspieler, die es bei Erstligaklubs nicht schafften und in unterklassigen Ligen oder der Arbeitslosigkeit strandeten. Sie alle haben noch Rechnungen offen. Genau so spielt Darmstadt: körperbetont, wuchtig, nie aufgebend.

Die Spieler schmieren sich Stullen

Die Bedingungen in Darmstadt sind abenteuerlich. Die Stullen für die Auswärtsfahrten müssen sich die Spieler selbst schmieren, trainiert wird schon mal bei einem Kreisligisten, dessen Platz weniger Löcher hat als der eigene. Für Athletikübungen fahren die Profis zum Fitnessstudio in die Innenstadt. Dort kommt warmes Wasser aus den Duschen.

Die Zuschauer im 1921 eröffneten Stadion stehen vielfach noch auf Kriegstrümmern, die dort verbaut wurden. Daran wird sich vorerst nichts ändern. „Der Bagger rollt definitiv nicht vor Herbst 2017“, weiß Fritsch und seufzt. Denn 80 Prozent der 16.000 Zuschauer müssen aktuell stehen, die Karte zu zehn Euro. Wer sitzen will, zahlt 20 Euro. Als VIP-Bereich dient ein Zelt hinter der Tribüne.

Dafür aber haben sie in Darmstadt etwas, das weder Audi in Ingolstadt noch Red Bull in Leipzig kaufen kann: Zusammenhalt, Charakter, Herz. „Es ist eine Romanze“, sagt Fritsch. Und der Traum, meint Fanliebling Marco Sailer, sei noch lange nicht vorbei, selbst, wenn es mit dem Aufstieg nicht klappen sollte. Auf seinem linken Unterarm prangt ein Spruch: „Du musst kämpfen. Es ist noch nichts verloren.“ Sailer hat ihn sich gerade tätowieren lassen.