Basketball

„Wir sind alle Kämpfer“

Der spektakuläre Auftaktsieg gegen Oldenburg gibt Alba einen Extraschub fürs Play-off

Alle wollten ihm auf die Schulter klopfen, ihn abklatschen, ihm gratulieren. Es war ein Spießrutenlauf der schönen Art, den Alex Renfroe hinter sich bringen musste nach dem 95:90 im ersten Play-off-Viertelfinalspiel gegen die EWE Baskets Oldenburg. Renfroe, der Mann des Spiels am Sonntagabend, Albas Matchwinner in den letzten Sekunden: 23 Punkte, zehn Assists, vier Rebounds, drei Ballgewinne. Der Mann war überall – und bewies eiserne Nerven, als er in der Schlussphase sieben der acht Berliner Punkte erzielte. „Unglaublich, was er gemacht hat“, sagte Alba-Kapitän Alex King.

Herz und Schmerz

So grandios wie seine Leistung auf dem Feld war, so schön ist auch die Geschichte, die sich um den Basketballprofi Renfroe rankte. Ein Herz-Schmerz-Roman hätte keine bessere Handlung haben können. Da wartet ein werdender Vater Tausende Kilometer entfernt von seiner hochschwangeren Frau unruhig auf Meldungen aus der Heimat. Als er dann endlich die erlösende Nachricht von der Geburt der Tochter bekommt, düst er schnell zu Frau und Kind nach Nashville in den USA, um zwei Tage später schon wieder an seinem Arbeitsplatz zurück zu sein. Und wiederum zwei Tage danach hat er dann diesen großen Auftritt. Soweit die Geschichte von Papa Alex, Mama Brandi und der kleinen Olivia Renfroe.

„Es war eine unglaubliche Woche“, erzählte der 28-Jährige. „Erst das mit meiner Tochter und jetzt dieser Sieg. Da kommen mir fast die Tränen.“ Und er bedankte sich beim Klub und bei den Mitspielern für das Verständnis, das alle ihm entgegengebracht hätten. „Natürlich war das keine optimale Vorbereitung“, gab Trainer Sasa Obradovic zu. Aber für Geschäftsführer Marco Baldi war es keine Frage, dem Spieler den Kurztrip in die USA zu erlauben: „Du willst doch deine Frau und dein Kind in den Arm nehmen.“ Für den Arbeitgeber war klar: „Wenn einer so etwas verkraftet, dann er.“

Besonders motiviert habe ihn das private Glück gegen Oldenburg nicht, so Renfroe. „Das hat nichts ausgemacht. Ich kann Privates und Basketball sehr gut voneinander trennen.“ Mit Blick auf das Spiel, das exakt vier Minuten vor dem Ende schon verloren schien, als Alba 78:88 zurücklag, meinte Renfroe: „Wir haben nie aufgehört zu kämpfen, wir sind alle Kämpfer.“

Das ist es, was Alba 2014/15 neben spielerischem Potenzial besonders auszeichnet. Leon Radosevic: „Wir geben nie auf.“ Viel zu viel ging in Spiel eins gegen den starken Pokalsieger aus Oldenburg daneben. „Vor allem in der ersten Halbzeit haben wir viele falsche Entscheidungen gefällt“, bemängelte Obradovic. Aber: „So ein Spiel gewinnt man mit Herz, und wir hatten ein großes Herz.“ Es war der pure Wille, der Alba am Ende noch einmal ungeahnte Kräfte verlieh.

Es sei richtig, dass die Mannschaft mit Herz gewonnen habe, „aber wir müssen schlauer spielen“, ging King schnell zur Tagesordnung über. Natürlich ist es extrem wichtig, die erste Partie der Best-of-five-Serie gleich zu gewinnen. Aber bei Alba verschloss niemand die Augen davor, dass die Berliner noch weit von ihrer Topform entfernt sind. Und dass die Oldenburger ein ganz unangenehmer Gegner sind, der sie noch sehr fordern wird. „Das wird noch eine lange Serie“, war sich Obradovic sicher. Die zweite Partie steht am Mittwoch (20.15 Uhr, Sport1) in Oldenburg auf dem Programm. „Den Oldenburgern tut diese Niederlage sicherlich weh“, meinte Baldi, „aber die stecken das weg.“ Fraglich ist, ob Philipp Neumann (Verdacht auf Gehirnerschütterung) und Maurice Stuckey (Schulterverletzung) bei den Baskets wieder einsatzfähig sein werden.

„Ich hoffe, meine Mannschaft hat die Lehren aus diesem Spiel gezogen“, meinte Oldenburgs Trainer Mladen Drijencic. In der Schlussphase verlor sein Team immer wieder den Ball und völlig den Kopf. „Wir konnten nicht standhalten und haben die Bälle weggeschmissen“, meinte er mit Blick auf die Ballverluste, die sich seine Mannschaft in der turbulenten Schlussphase geleistet hatte. Was aber auch „Produkt von Alba“ gewesen sei. Gerade Berlins Spiele auf höchstem Niveau in der Europaliga seien nützlich: „Dadurch wissen sie, wie man solche Spiele gewinnt.“

Zweites Spiel am Mittwoch

Alba und die Europaliga. Drijencic hat mit seiner Aussage recht, dass Alba davon profitiert hat, sich permanent mit den Besten des Kontinents messen zu können. Andererseits schwingt aber immer auch die Befürchtung mit, dass sich das Team kräftemäßig übernommen hat und ihm nach einer bisher sehr guten Saison auf der Zielgeraden die Puste ausgeht. Die Partie am Sonntag war Albas 64. Saisonspiel. „Natürlich ist das stressig“, erklärte Obradovic. Aber er habe die richtige Mischung zwischen Be- und Entlastung gefunden.

Müde? „Ich glaube, wir haben gezeigt, dass wir fit sind“, meinte King. „Und der Sieg gegen Oldenburg hat uns weiteres Selbstvertrauen gegeben.“