Fußball

Guardiola bleibt auch ohne Wunder

Bayerns Trainer beendet die Spekulationen um seine Zukunft und hofft auf Aufholjagd gegen Barcelona

Thomas Müller ist ein Gesetzesbrecher. Der Weltmeister wirft einfach eine der „ungeschriebenen“, aber beim FC Bayern geltenden Regeln über Bord. Sie lautet: An einer Niederlage ist nie etwas positiv. Doch beim 0:1 gegen FC Augsburg in der Bundesliga am Sonnabend, da hat Müller etwas gesehen, dass ihm Hoffnung macht. „Langer Ball. Elfmeter. Rote Karte. Das war ein Beispiel, wie schnell es manchmal gehen kann“, so der Offensivspieler.

Geht es nach Müller, soll es an diesem Dienstag wieder so laufen. Nur umgekehrt natürlich, für die Bayern. Im Rückspiel des Halbfinals der Champions League empfangen sie den FC Barcelona (20.45 Uhr, ZDF, Sky und welt.de). Die erste Partie in Spanien verloren sie vergangene Woche 0:3. Der deutsche Rekordmeister unterlag in seiner Europapokal-Geschichte sieben Mal in einem Hinspiel mit drei oder mehr Toren Unterschied. Aufholen konnte er den Rückstand nie. „Jeder weiß, dass unsere Chancen schon größer waren. Aber wir haben etwas gut zu machen und wollen etwas bewegen. Noch ist es nicht vorbei“, sagt Müller.

Die Erwartungshaltung nervt ihn

Und dann sagt Müller einen Satz, der beim FC Bayern beinahe nie zu hören ist: „Wir haben nichts zu verlieren.“ Das stimmt natürlich nicht. Die Münchner haben sogar ziemlich viel zu verlieren. Ein Ausscheiden würde nach dem Hinspiel zwar kaum jemanden überraschen. Doch angesichts der Ansprüche und der Erfolge der vergangenen Jahre würde das Aus in der Königsklasse bedeuten, dass es keine herausragende Saison war. Die Abfolge der gesammelten Trophäen würde dann lauten: 2013 – Triple. 2014 – Double. 2015 – Single. Die nackte Zahl der Titel ist nicht das einzige Kriterium für die seriöse Bewertung einer Spielzeit, allerdings ein wichtiges, gerade in München. Jahr für Jahr ein Titel weniger. So ein Trend ist schwer mit dem Mia-san-Mia-Gefühl zu vereinbaren.

Pep Guardiola sieht das mit der Bewertung der Saison anders. Der Trainer erscheint Montagvormittag im dunklen Trainingsanzug in den Katakomben der Münchner Arena, und es wird ein leidenschaftlicher Auftritt. Erst mal räumt er mit den Gerüchten auf, er würde im Sommer zu Manchester City wechseln. „Jungs“, sagt der Spanier und fasst sich an den Kopf, „ich habe es 200 Millionen Mal gesagt: Ich habe hier noch ein Jahr Vertrag und werde in der nächsten Saison hier bleiben. Punkt.“ Und dann macht er klar, dass ihn das Gerede um ihn und seine persönliche Bilanz der ersten zwei Jahre in München nervt. Der Gewinn der Meisterschaft sei toll. Und überhaupt: „Ich bin nicht hier, um der beste Trainer der Welt zu sein. Das ist Schei....!“ Er sei hier, um dem Klub und den Spielern zu helfen. Er gebe immer sein Bestes, so werde es auch am Dienstag sein. „Für einige Leute ist es genug, für andere nicht. Ich bin ein glücklicher Mensch.“

Guardiola will offensichtlich die aktuelle Situation beruhigen, allerdings nicht den Eindruck machen, dass er die Teilnahme am Finale in Berlin am 6. Juni bereits abgehakt habe. „Ich habe noch nie vor einem Spiel gedacht: Wir haben keine Chance. Wir geben nicht auf.“ Er sei kein Träumer, aber ein Kämpfer. Der Gedanke, gegen die seiner Meinung nach beste europäische Mannschaft der vergangenen 20 Jahre ein 0:3 aufzuholen, sei stimulierend. Nicht der Trainer werde den Unterschied machen, sondern die Spieler, betont Guardiola.

Nur welche? Ihm fehlen drei seiner wichtigsten Profis verletzt: David Alaba, Franck Ribéry, Arjen Robben. In Barcelona ließ er eher defensiv spielen. Angesichts des Rückstandes werden die Bayern im eigenen Stadion selbstredend offensiver spielen. Oder? Guardiola sagt: „Die Leute denken, wir müssen jetzt angreifen. Aber als erstes müssen wir gut verteidigen. Wir müssen unbedingt das Spiel kontrollieren, auch wenn man in Deutschland anderes will.“ Guardiolas Matchplan sieht so aus: „Herz ja, aber auch mit Kopf.“ Kein wildes Anstürmen. Geduld. Cleverness. Und vor allem: Glaube. „Das Spiel wird für sich sprechen“, sagt der 44-Jährige.

Viele haben bislang damit gerechnet, dass Mario Götze im Rückspiel mal wieder von Beginn an auflaufen darf. In den wichtigen Partien war der Nationalspieler zuletzt nur Ersatz. Doch Guardiolas am Montag ausgerufene Marschroute lässt darauf schließen, dass er auf die Elf aus dem Hinspiel setzt. Also mit Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Xabi Alonso und Thiago im Mittelfeld. Nur dass der Trainer diesmal wohl von Beginn an in der Abwehr mit einer Viererkette spielen lassen wird. Guardiola sagt über Götze nur: „Er ist eine Option.“

Barcas Trainer ist skeptisch

Müller sagt über das Spiel gegen Barca: „Wir müssen diesmal eine gute Mischung finden. Mit offenem Visier, aber nicht dumm. Der Rest ist Leidenschaft und Wille.“ Warum Guardiola ihn zuletzt oft auswechselte, habe der Trainer ihm nicht erklärt. Müsse er aber auch nicht. „Er ist der Chef und hat schon oft genug bewiesen, dass er die richtigen Entscheidungen treffen kann.“

Barcelonas Trainer Luis Enrique allerdings ist trotz des komfortablen Vorsprungs skeptisch: „Es sieht noch nicht einmal gut aus für uns. Man muss doch nur sehen, wie sie gegen Porto gespielt haben“, sagte er. Hat Barcelona wirklich so viel Ehrfurcht vor den Münchner? Oder will Enrique seine Mannschaft nur wachsam halten? „Seine Sätze ändern nichts daran, dass sie 3:0 führen. Man kann nicht davon ausgehen, dass es wie gegen Porto läuft“, sagte Müller und meinte das Rückspiel, dass sein Team 6:1 gewann. „Aber wir hoffen es.“ Sollte seine Mannschaft doch noch ins Endspiel einziehen, wäre das eine Sensation. Müller sagt: „Das ist der Plan. Und kein dummer.“