Interview

„Wir brauchen ein totales Umdenken“

DEB-Präsident Franz Reindl über den Identitätsverlust des deutschen Eishockeys und Chancen des geplanten Neuanfangs

Deutschlands Eishockey kämpft bei der Weltmeisterschaft in Tschechien um seinen Ruf. Nach zwei torlosen Spielen gegen Kanada (0:10) und die Schweiz (0:1) unterlag das Team am Donnerstag Schweden mit einer guten Leistung 3:4 (1:2, 1:0, 1:2), ehe am heutigen Freitag gegen Lettland (20.15 Uhr, Sport1) und am Montag gegen Österreich (16.15 Uhr) die Partien anstehen, in denen der drohende Abstieg in die Zweitklassigkeit noch verhindert werden soll. Für Franz Reindl, 60, früher selbst Nationalspieler und seit Sommer 2014 der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), werden das aufregende Tage.

Berliner Morgenpost:

Herr Reindl, schon vor dem WM-Turnier ist in den vergangenen Wochen viel passiert im deutschen Eishockey. Wie bewerten Sie das?

Franz Reindl:

Die Mitgliederversammlung kurz vor der WM war schon etwas Besonderes, muss ich sagen. Denn die Vorbereitungszeit darauf und die Intensität, mit der man überzeugen muss, die kosten Energie, Kraft und Zeit, wie ich das in meiner Karriere in der Form noch nicht erlebt habe.

Sie haben vollbracht, was viele nicht mehr für möglich hielten: Sie konnten Einigkeit im deutschen Eishockey herstellen. Was bedeutet das für Sie?

Das freut mich einfach riesig. Wir sitzen nach 20 Jahren Uneinigkeit wieder in einem Boot und fahren in eine Richtung. Vorher haben wir nur versucht, möglichst wenig miteinander zu kollidieren. Das sind wir mit vier Booten gefahren. Da gab es immer Streit, Ärger.

Profiklubs, Landesverbände und DEB fanden keine gemeinsame Basis. Das wirkte nicht gerade professionell.

Das war katastrophal. Sponsoren, Medien, Fans – jeder hat doch über das Eishockey gedacht: Mein Gott, die Verrückten, die streiten doch nur. Das haben wir geändert. Und jetzt kann die Arbeit beginnen. Wir sind jetzt vor dem Spiel, jetzt geht es erst los.

Dabei stand das Spiel kurz vor dem Abbruch, denn der Verband manövrierte sich fast in den wirtschaftlichen Ruin. Wie konnte es so weit kommen?

Wenn eine wesentliche Gruppierung, die die Wirtschaftskraft hat, wie bisher nicht dabei ist, dann hat auch der Verband keine Kraft. Ohne die Profiklubs war das strukturelle Minus einfach da und wurde alle paar Jahre nach einer Heim-WM ausgeglichen. Da ist man handlungsunfähig, ein zahnloser Tiger. Man muss als Verband eine Steuerungsmöglichkeit haben, agieren können. Dafür ist jetzt die Basis da.

Vor fast 20 Jahren war die DEL aus dem Verband ausgetreten. Jetzt zahlen die Profiklubs wieder Beiträge, es gibt eine neue Gebührenordnung, die mehr finanziellen Spielraum schafft für den DEB. Warum wurde die Basis erst jetzt geschaffen?

Der Verband war früher eben sportpolitisch geprägt, jetzt ist er sportgeprägt. Das ist der große Unterschied. Wenn man an den Sport zuerst denkt, und darum alles aufbaut, dann macht es Sinn. Geht es andersherum, dann kommt man dahin, wo wir hingekommen sind. Da gibt es keinen Fingerzeig, dass irgendwer Schuld ist. Es gibt nur das klare Ergebnis, das uns zeigt, wir alle waren nicht gut genug.

Die Einsicht fiel manchen auch jetzt nicht leicht. Von den Landesverbänden, die mit dem Wiedereintritt der Profis in den DEB Stimmanteile abgeben mussten, gab es zunächst viel Gegenwind für ihr Reformprogramm. Letztlich setzte sich Ihr Programm aber ohne Gegenstimme durch. Waren Sie überrascht?

Letztlich wurde das Eishockey von den wirtschaftlichen Notwendigkeiten an die Wand gedrängt, die Zahlen und Fakten geben uns die Handlung vor, das war ja mehr oder weniger alternativlos.

Was ist der Kern Ihrer Reform?

Wir haben eine enorme Kraft in Deutschland. Der Sport ist gut, die Medienwirksamkeit ist gut. Aber wir müssen das Produkt verbessern. Durch die neue Konstellation werden wir den Verband konsolidieren und zukunftssicher aufstellen. Wir haben uns komplett neu organisiert. Der DEB gibt die Richtlinienkompetenz vor, von oben bis unten.

Also macht nicht mehr jeder, was er will?

Es geht um die Konzentration der Kräfte. Der Grund, warum wir das Ganze angepackt haben, ist ja die Entwicklung der Vergangenheit: Die kann man nicht akzeptieren. Vor allem international. National sind wir ja gut präsent. Die Entwicklung der Ligen, der DEL und der DEL2, macht Freude, die haben ein riesen Zuschauerpotenzial. Aber mit der Nationalmannschaft sind wir 13. der Welt. Wir sind abgestiegen mit der U20, mit der U18, mit den Frauen. Wir brauchen neue Strukturen, neue Wirtschaftskraft. Wir brauchen einfach ein totales Umdenken im deutschen Eishockey, dann können wir besser werden.

Wie soll das aussehen?

Mit unserem Konzept Powerplay 26 haben wir ein Langzeitprogramm entwickelt. Das Wesentliche ist, dass wir die Vereine und die Talente vor Ort betreuen müssen. Zentral gesteuert, dezentral durchgeführt. Sonst schaffen wir es nicht. Wir haben sieben Nationalmannschaften im Spielbetrieb, da hast du die Spieler etwa 30 bis 35 Tage im Jahr. Da kannst du sie auch ein bisschen besser machen. Aber die wahre Ressource liegt im Heimattraining, in den anderen 300 Tagen im Jahr. Um die geht es. Jeder Bundestrainer soll zehn Mannschaften bekommen als Mentor, täglicher Ansprechpartner. Die Trainer coachen, eine Linie vorgeben, den deutschen Eishockeyspieler entwickeln. Wir haben ja keine Identität mehr. Die Grundausbildung zu verbessern, das ist der Punkt. Das ist viel Arbeit für die Zukunft. Aber das macht auch Spaß.

Und dadurch soll die Nationalmannschaft 2026 laut dem Programm um Medaillen mitspielen, wieder Aushängeschild sein?

Wir müssen vorwärts denken und nicht rückwärts. Wir haben auch Stärken, wenn alles passt, können wir eine Super-Mannschaft zusammenbringen, die vielleicht eine besondere Atmosphäre entwickelt wie 2010 bei der Heim-WM. Dann können wir es schaffen, ins Halbfinale zu kommen. Aber wir können es auch schaffen, im nächsten Jahr abzusteigen. Davon müssen wir weg.

Der Abstieg droht nun aber sogar schon bei der laufenden WM in Tschechien!

In Prag kann es knapp werden. Das ist Showdown. Die Mannschaft hat sieben Spiele in zehn Tagen. Die anderen in der Gruppe haben alle einen Tag mehr. Das ist ein ganz harter Job.

Nach drei Jahren läuft der Vertrag von Bundestrainer Pat Cortina aus. Jetzt wird über Eisbären-Trainer Uwe Krupp spekuliert und eine mögliche Doppelfunktion.

Das stört mich nicht, ich weiß ja, wie das Geschäft läuft. Es geht jetzt darum, Pat Cortina zu 100 Prozent zu unterstützen. Danach ziehen wir Bilanz und werden über die Zukunft beraten.