Champions League

Mitten ins Herz

Bei der 0:3-Pleite in Barcelona erfährt der FC Bayern, dass er im Spielzentrum künftig schnellere Profis braucht

Sie kamen mit Maschinengewehren. Zwei spanische Polizisten sicherten Donnerstagvormittag das Gate 39 am Flughafen in Barcelona, von dem sich der FC Bayern aus Richtung Heimat aufmachte. Doch weit und breit keine wütenden Fans oder andere Gefahren. Nur zwei junge Männer, die Thomas Müller freundlich um ein Autogramm auf ihrem Trikot baten. Die beiden wirkten danach sehr zufrieden. Und hatten diese Gefühlslage wohl exklusiv in dem Airbus, der sie und die Mannschaft nach München brachte.

0:3 (0:0) hatte der deutsche Fußball-Rekordmeister am Vorabend das Hinspiel im Halbfinale der Champions League beim FC Barcelona verloren. Die Bayern stehen vor dem Aus in der Königsklasse. Gefühlt war es schon jetzt das Ende der Saison. Es war ein Abend, der die bevorstehenden Herausforderungen für den Klub aufzeigte. „Wir müssen das erst einmal verarbeiten und uns schütteln“, sagte Sportvorstand Matthias Sammer.

Mittelfeld ist zu langsam

Die Bayern durchleben in der wichtigsten Phase der Saison eine Identitätskrise. Kein „Mia san Mia“ ist derzeit auf dem Spielfeld zu sehen. Ein gutes Spiel gegen Borussia Dortmund im DFB-Pokal-Halbfinale – trotzdem ausgeschieden. Ein gutes Spiel bis zur 77. Minute gegen Barcelona – und trotzdem hoch verloren. Den Münchnern fehlt der Punch, die Durchschlagskraft. Es fehlen die grandiosen Momente, die sie in der Hinrunde in ganz vielen Partien hatten. Und es fehlt das Mittelfeld, um ganz Großes zu erreichen. „Ich bin Realist. Wir sind an unsere Grenze gekommen“, erklärte Sammer. Trainer Pep Guardiola meinte mitgenommen: „Wir haben die Kontrolle verloren.“

Dabei hat die sportliche Leitung einen großen und vielschichtigen Kader zusammengestellt. Die Bayern können Ausfälle kompensieren. Doch wenn David Alaba, Franck Ribéry und Arjen Robben fehlen, ist es zu viel. In der Offensive sind die Münchner von ihrem Star-Duo „Robbery“ doch immer noch mehr abhängig als erhofft. Vor allem dann, wenn in Mario Götze ein Spieler wegbricht, in den die Klubführung viel Hoffnung gesetzt hat. Hinzu kommt, dass Kapitän Philipp Lahm nach seiner Verletzungspause nicht in Topform ist. Für das höchste Niveau reicht es bei diesem Bayern-Team derzeit nicht.

Das grundlegende Problem ist weitreichender: Das zentrale Mittelfeld ist zu langsam. Bei Bastian Schweinsteiger mag es auch daran liegen, dass er in den vergangenen Jahren immer wieder verletzt war. Bei Xabi Alonso wird inzwischen mehr und mehr deutlich, dass er seinen Zenit überschritten hat. In der Hinrunde war er zu Beginn überragend, seine Routine spricht für ihn, seine Passsicherheit ist oft enorm – in Barcelona spielte er zahlreiche Fehlpässe.

Alonso ist 33 Jahre, Schweinsteiger wird 31. Gegen Barcelona ging es für sie oft viel zu schnell. Körperlich und gedanklich. Für die Klubführung bedeutet dies eine Herausforderung. Sie muss Entscheidungen in dieser Thematik treffen. Die Verträge von Schweinsteiger und Alonso enden 2016, und die Nachfolge von Robben und Ribéry (Verträge bis 2017) will rechtzeitig geplant sein. Gerade Ribéry hat zuletzt immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen, fällt nun mit einer Sprunggelenkblessur wohl bis zum Saisonende aus. Im Herzen des Bayern-Spiels steht ein personeller Umbruch bevor, der abrupter und früher kommen könnte, als es viele gedacht haben. Eine heikle Situation. Denn die Zukunft von Guardiola ist unklar, er will seinen noch ein Jahr gültigen Vertrag bislang nicht verlängern. Wer ist also für die Mannschaft der Zukunft verantwortlich? Die Klubführung ist gefordert.

Die Bayern brauchen und wollen eine Mannschaft mit langfristiger Perspektive. Thiago ist der Schlüsselspieler von Trainer Pep Guardiola. Ein großartiger Fußballer, der wegen Verletzungen aber noch nie länger am Stück beweisen konnte, dass er mit all der Verantwortung zurecht kommt. Thiago allein reicht nicht.

Transfer-Strategie in Planung

Nach dem Double im Vorjahr wird es für Guardiola in seiner zweiten Saison in München wohl „nur“ ein Titel werden. Ein Rückschritt. „Nur das Triple ist genug“, hat Guardiola kürzlich gesagt. Dieses große Ziel hat er zum zweiten Mal verpasst. Er hat die Mannschaft entwickelt. Sie ist flexibler geworden, kann auch während eines Spiels das System wechseln. In der Hinrunde spielte sie herausragenden Fußball. Beim 6:1 gegen den FC Porto im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League auch. Doch was nützt das noch? Guardiola muss sich spätestens im Falle des Ausscheidens Fragen gefallen lassen.

Mittelfeldspieler seien für ihn die wichtigsten Spieler. In dem an den FC Augsburg verliehenen Pierre-Emile Hojbjerg und Gianluca Gaudino haben die Bayern zwei Talente, die langfristig Verantwortung übernehmen könnten. Doch sie müssen sich erst noch beweisen, ebenso wie der im Sommer aus Leipzig wechselnde Joshua Kimmich.

Laut „Sportbild“ haben sich Klubchef Karl-Heinz Rummenigge, Finanzchef Christian Dreesen und Matthias Sammer kürzlich getroffen, um eine Transfer-Strategie zu besprechen. Sie wollen demnach Spieler für das zentrale Mittelfeld, einen Außen, einen Rechtsverteidiger und einen Stürmer suchen. Geld genug ist vorhanden: Die Bayern haben gerade den Vertrag mit Adidas verlängert, der 900 Millionen Euro bringt. Mittelfeld-Kandidaten sollen Dortmunds Ilkay Gündogan und Marco Verratti (Paris St. Germain) sein, in der Offensive werden neben Antoine Griezmann (Atletico Madrid) auch Kevin De Bruyne (VfL Wolfsburg) und Gareth Bale (Real Madrid) gehandelt.

Dienstag steigt in München das Rückspiel, vor dem selbst Lionel Messi („Ein kniffliger Ort“) warm. „Wir werden bis zur letzten Sekunde Gas geben“, sagte Thomas Müller: „Aber wir brauchen schon ein Fußball-Wunder.“