DFB-Pokal

Ein letzter Nadelstich

Warum Dortmunds Routinier Kehl den Sieg gegen Bayern noch mehr genießt als Klopp

Die Helden waren müde. Als die Spieler von Borussia Dortmund am Mittwoch um 13.30 Uhr am Dortmunder Flughafen aus der Chartermaschine stiegen, waren ihnen die Anstrengungen der vorausgegangen Nacht anzumerken: Geränderte Augen, dunkle Sonnenbrillen. Dennoch gab es viele breit grinsende Gesichter zu sehen. Was die glücklichen Heimkehrer in ihrer Stadt ausgelöst haben, hatte sich bereits wenige Minuten nach der Entscheidung im Elfmeterschießen von München angedeutet: Einige Fans zogen spontan auf die Straßen, veranstalteten Hupkonzerte, bildeten Autokorsos.

„Bayern müssen mehr üben“

Das Erreichen des Finales im DFB-Pokal wirkt wie Balsam auf die Wunden der Dortmunder Anhänger und Profis. Am Ende einer denkwürdig schwachen Saison elektrisiert die Aussicht, sich tatsächlich doch noch mit einem Titel in die Sommerpause verabschieden zu können. Und vor allem: Die Möglichkeit, Jürgen Klopp, der in sieben Jahren beim BVB zu einer Kultfigur im Ruhrgebiet geworden ist, tatsächlich mit einer zünftigen Titelfeier verabschieden zu können, beflügelt die Fantasie der Menschen: Sie träumen davon, noch einmal dieses unvergessliche Hochgefühl der Sommer 2011 und 2012 genießen zu können, als der BVB und Klopp zunächst die Meisterschaft und dann das Double gewinnen konnten.

Klopp selbst war es dagegen unangenehm, dass die Aussicht auf den nun möglichen vierten großen Titel in seiner Dortmunder Dienstzeit so stark mit seinem bevorstehenden Abschied in Verbindung gebracht wird. Der 2:0-Erfolg im Elfmeterschießen gegen die Bayern, nachdem es nach 120 Minuten 1:1 gestanden hatte, der Sieg über den großen Rivalen der vergangenen Jahre in dessen Wohnzimmer, sei zu allererst ein Erfolg der Mannschaft. „Wir wollten unbedingt in dieses Finale, dies wollten wir von Anfang der Saison an“, sagte Klopp.

Das habe nichts mit seiner persönlichen Situation zu tun. Selbstverständlich wolle er sich nach einer Zeit, die ihm nicht nur sportlich, sondern vor allem auch emotional sehr viel bedeutet, mit einer Feier verabschieden. Aber der von ihm bereits vor Wochen formulierte Wunsch, „noch einmal auf dem Laster um den Borsigplatz zu fahren“, werde nur erfüllt, „wenn wir das Finale in Berlin auch gewinnen.“

Doch dies erscheint plötzlich möglich. Durch den Triumph vom Dienstag dürften sich die Selbstzweifel der Dortmunder, die über weite Strecken der Bundesliga-Saison ein großes Problem waren, in Selbstvertrauen gewandelt haben. Die Art und Weise, wie sich Klopps Spieler, die in der ersten Halbzeit nur wie ein müder Abklatsch alter Dortmunder Herrlichkeit gewirkt hatten, in die Begegnung zurückkämpften, beeindruckte den Coach. „Wir sind auf einem Rad ins Finale gekommen, gerade so“, sagte Klopp.

Er konnte in der mit 75.000 Zuschauern ausverkauften WM-Arena in München den Beweis führen, dass er die Mannschaft nach wie vor erreicht. „Ich habe den Spielern gesagt, dass hier schon die ganze Welt verloren hat. Dass es nur 0:1 stand, war noch das Beste an diesem Spiel“, erklärte er nach einer denkbar schwachen ersten Hälfte. Zur Pause habe er dann an die Einstellung appelliert und Mut gemacht. „Wenn wir hier untergehen, dann mit fliegenden Fahnen“, hämmerte Klopp seinem Team ein. Trotzdem dauerte es, bis die Dortmunder ins Spiel fanden: Erst nach dem 1:1 durch Pierre-Emerick Aubemayang (75. Minute) wussten die Borussen auch spielerisch zu überzeugen.

„Wir sind über uns hinaus gewachsen“, sagte Marco Reus nach dem Kraftakt über 120 Minuten, an dessen Ende die Dortmunder sich sogar in Unterzahl ins Elfmeterschießen retteten. Der eingewechselte Kevin Kampl hatte Gelb-Rot gesehen (108.). „Vielen Dank an Mitch Langerak, er hat überragend gehalten“, so Reus, nachdem der australischer Keeper in der 114. Minute noch mit einem starken Relflex eine große Möglichkeit von Bastian Schweinsteiger entschärfen konnte. Es war auch – im Gegensatz zu früheren Spielen gegen die Bayern – ein Stück Glück, dass es die Dortmunder so weit schafften: Nach einem Handspiel von Marcel Schmelzer hätte es Elfmeter gegen den BVB geben müssen (55. Minute).

Doch an diesem Abend waren die Dortmunder noch fester als sonst davon überzeugt, das Glück auch verdient zu haben. „Ich weiß auch nicht, warum wir im Elfmeterschießen nicht ausgerutscht sind. Es sollte einfach so sein“, sagte Klopp mit Blick auf die eigene Geschichte in der laufenden Saison - der tabellarische Absturz seines Teams, das noch bis vor kurzem für unmöglich gehaltene rasche Ende der von ihm geprägten Ära.

Etwas prosaischer drückte es Sebastian Kehl aus. „Die Schuld beim Schiri zu suchen, finde ich jetzt ein bisschen Banane“, sagte der 35-Jährige mit Blick auf die Fehlentscheidungen Peter Gagelmanns. „Wenn die Bayern kein Elfmeterschießen können, dann müssen sie es mehr üben“, so der Routinier, der auch davon träumt, seine Karriere mit dem Gewinn des DFB-Pokals im Olympiastadion zu beenden.

Personelle Korrekturen im Sommer

Er selbst habe vor Anpfiff bereits gewusst, „dass hier etwas geht, auch wenn es in der ersten Halbzeit nicht so zu sehen war.“ Ausschlaggebend sei die Mentalität gewesen – der BVB mag zwar nicht mehr so stark sein wie in seinen beiden Meisterjahren, doch der Glaube an die eigene Stärke ist ungebrochen.

Diese Erkenntnis dürfte auch die Offiziellen beruhigen. „Ich habe jeden, der mir über den Weg lief, fast umgerannt“, hatte Hans-Joachim Watzke erleichtert gesagt, als er die Münchener Arena verließ. Zuvor hatte er nicht nur den dritten Einzug in ein Pokalfinale seit Beginn seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Vereins miterlebt; Er hat auch gesehen, dass der BVB – mit einigen personellen Korrekturen am Kader – wohl auch in den kommenden Jahren eine wettbewerbsfähige Mannschaft haben wird.

Jürgen Klopp wird am 30. Mai eine weitgehend intakte Einheit an seinen Nachfolger Thomas Tuchel übergeben – möglicherweise als DFB-Pokalsieger.