Turbine Potsdam

Kommissarin im Strafraum

Für Tabea Kemme von Turbine Potsdam ist Fußball nicht alles. Trotzdem will sie endlich mal das Pokalfinale gewinnen

Es ist nicht so, dass sie es nicht versucht hätte. Dreimal sogar schon, aber es hat nicht geklappt. Jetzt muss sich das Blatt endlich wenden. „Es wird einfach Zeit. Ich bin mega-hungrig, diesen Titel zu gewinnen“, sagt Tabea Kemme. Am 1. Mai steht die Fußballspielerin mit Turbine Potsdam im Finale des DFB-Pokals (17.15 Uhr, ARD). Gegen Wolfsburg auch noch, die Mannschaft, gegen die es zuletzt immer schief ging in den ganz großen Spielen. „Offener kann eine Rechnung nicht sein“, sagt Kemme. Sie will nicht wieder leer ausgehen, nicht im Pokalfinale, nicht gegen Wolfsburg.

Nicht nur ihr geht es so, der ganze Klub fiebert seit ein paar Wochen dem Finale entgegen. Seit in der Meisterschaft der Zug abgefahren ist für die lange titelverwöhnten Damen aus Brandenburg. „Das Spiel wurde immer wieder angesprochen vom Trainerteam“, erzählt Kemme. Sie spürt, wie wichtig die Partie für Turbine ist nach inzwischen zwei titellosen Spielzeiten. Trotz ihrer eigenen Erfolgssehnsucht kann Kemme selbst etwas entspannter an die große Aufgabe gehen. Fußball ist nicht ihr Leben.

Hört sich komisch an, erst mal. Seit Tabea Kemme 14 Jahre alt ist, lebt sie in Potsdam, spielt Fußball für Turbine, schindet sich unter dem unerbittlichen Trainer Bernd Schröder nahezu täglich, hat es bis zur Nationalspielerin gebracht. Dennoch betrachtet sie den Fußball, den sie liebt, mit einer gewissen Distanz. „Schon in der Schule habe ich gemerkt, dass ich neben den beiden Trainingseinheiten am Tag eine Lebensaufgabe brauche. Fußball ist für mich nur ein Teil, das erfüllt mich nicht“, erzählt sie. Kemme ist geerdet, total bodenständig. Was sind zehn Jahre Karriere im Sport, vielleicht zwölf? Sie benötigt etwas, worin sie sich selbst 40 Jahre vorstellen kann.

Bei der Polizei gelingt ihr das. Vor drei Jahren fing sie ein Studium dort an, das sie 2017 als Kommissarin beenden wird. Studium, das klingt nicht sonderlich anstrengend. Aber ihr Fach passt nicht ins Klischee des gemütlichen Studentenlebens, genauso wenig wie der Job bei Turbine in das eines privilegierten Profilebens. „Manchmal bin ich überrascht, dass mein Zeitmanagement gut klappt“, sagt Kemme. Turbine trainiert zweimal am Tag, vormittags und abends, ziemlich hart, härter als andere Klubs. Ihr Studium läuft ganztägig, derzeit im Praktikum auf der Potsdamer Wache . Acht Stunden Arbeit am Stück. Manchmal zwölf, als Nachtschicht bis morgens um sechs.

Kemme muss nur einmal am Tag trainieren. „Natürlich sieht der Trainer das nicht so gern“, sagt die 23-Jährige. Vor Nachtschichten steht sie mit Schröder dafür allein auf dem Platz. Vorgezogenes Einzeltraining, damit die Polizeiarbeit pünktlich beginnen kann. Auch im Frauenfußball gibt es mittlerweile genügend Spitzenathletinnen, die ausschließlich als Profi leben. Fußball und nichts anderes. Kemme ist der Gegenentwurf. „Abwechslung und Abstand tun meinem Körper gut.“ Dafür geht sie meist morgens um sieben Uhr aus dem Haus, ist abends um acht erst zurück.

Im Dienst ist Fußball unwichtig

Dazwischen erlebt sie die ganze Palette des Polizeidienstes. Gerade bestand sie eine mündliche Prüfung zum Verkehrsrecht. Da werden Fälle nachgestellt, sie muss herausbekommen, was los ist. Körperverletzung, häusliche Gewalt, Streifendienst – alles steht theoretisch und praktisch mal auf dem Plan. Bald wird es wieder spezifischer. Vernehmungslehre, Psychologie, Kripozeug eben.

Manchmal ereignen sich bei der Praxis in Potsdam auch Dinge, die komisch sind. Wenn sie erkannt wird etwa. Zwei-, dreimal ist das passiert. „Da bin ich zu einem Verkehrsunfall gefahren, da hieß es dann schon: ‚Ach Mensch, Frau Kemme‘. Da rutscht man dann auf eine Ebene, wo der Gegenüber mich nicht als Uniformträger wahrnimmt“, erzählt sie. Obwohl sie bei dieser Arbeit nichts mit Fußball zu tun hat. Sie musste kurz überlegen, wie sie reagiert. Sie blieb gelassen.

Für Turbine kommt es gar nicht ungelegen, dass Kemme andere Prioritäten setzt. Sie ist keine Getriebene. Gerade verlängerte sie ihren Vertrag bis 2017. Das Studium spielte eine große Rolle dabei, die Perspektive von Turbine nicht. Genauso wenig die eigenen sportlichen Möglichkeiten. „Ich habe überhaupt nicht außen geschaut“, sagt Kemme. Besseren Verträgen anderswo muss sie nicht hinterherrennen, so wie die Kolleginnen, die sich allein auf Fußball konzentrieren. „Die finanzielle Ebene ist für mich nicht relevant“, erzählt sie. Die Polizei ist ihre Garantie. Bis zur Rente.

Trotzdem sieht es mit der Perspektive von Turbine nicht schlecht aus. Die Zugänge für nächste Saison können sich sehen lassen, der Klub greift wieder an. Muss er auch. „Anhand der Tabelle kann man sagen, dass wir abgerutscht sind“, so Kemme. In der Bundesliga wird Potsdam Vierter werden, zuletzt war Turbine 2000 außerhalb der drei Besten platziert. Vielleicht liegt das an der Erfahrung. Frankfurt, Bayern und Wolfsburg treten mit routinierten Spielerinnen an, Turbine meist mit recht jungen Frauen. „Wir sind überhaupt nicht konstant in unserer Leistung“, sagt Kemme. Der Liga-Alltag fällt Turbine manchmal schwer. Da fehlt es oft an Typen, die vorangehen. „Ich bin auch keine, die heraussticht. Das ist vielleicht eine Schwäche“, sagt sie. Kemme war mal Kapitänin, sie gab das Amt ab. Weil sie mit ihrer klaren Linie aneckte beim Trainer. Auch, weil es neben dem Studium zu viel Kraft kostete.

Trotz der Defizite liegen Turbine die großen Spiele, im Pokal-Halbfinale wurde Champions-League-Finalist Frankfurt 2:1 bezwungen. In der Liga gelang zuletzt ein 2:0 gegen Wolfsburg, das dominierende Team der vergangenen Jahre. „Wir wissen jetzt, dass wir sie schlagen können“, sagt die Defensivspielerin. Sie war die Beste auf dem Platz. Das ist wichtig in solchen Spielen, im Sommer findet die WM in Kanada statt. Sie hat Chancen, dabei zu sein, aber die sind vage. „Ich weiß generell nicht so genau, wie ich da stehe“, erzählt sie. Ein starker Auftritt im Finale könnte helfen.

Vor zwei Jahren unterlag Turbine im Finale gegen Wolfsburg (2:3), vergangenes Jahr scheiterte Potsdam im Halbfinale der Champions League am VfL. Im dritten Versuch auf der ganz großen Bühne will Tabea Kemme mit Turbine den Wolfsburgerinnen keinen Raum geben. Sie will die Rechnung begleichen. Und ihren Hunger stillen nach schon drei verlorenen Pokalfinals mit Turbine.