Pep Guardiola

„Dem Team kann man nichts vorwerfen“

Aber Bayerns Trainer ging für den Traum vom Triple womöglich zu hohes Risiko

Der Blick ging ins Leere. Schweigend schritt Pep Guardiola mit seiner Familie aus der Münchner Arena. Das Aus im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund hatte alle Kraft aus dem Trainer des FC Bayern entweichen lassen. Er schlich in die Nacht.

Eine Stunde zuvor hatte Guardiola noch anders ausgesehen. Nach dem verlorenen Elfmeterschießen hatte der Spanier seine Spieler um sich gescharrt und energisch auf sie eingeredet. Es muss wohl darum gegangen sein, wie man die unerwartete und auf dramatische Weise entstandene Pleite überwinden kann. Und es müssen auch ein paar lobende Worte gefallen sein. Denn hinterher sagte Guardiola: „Ich bin stolz wie nie auf mein Team. Wenn ein Team so spielt, kann man ihm nichts vorwerfen.“ Das hat einerseits einen pädagogischen Wert. Wenn ein Traum platzt, nämlich der vom Triple, braucht es aufbauende Worte. Andererseits rückt man die Niederlage mit derlei Aussagen auch in die Sphäre des Überirdischen und von sich selbst weit weg: Das Schicksal wollte es nun einmal so, dass wir nicht gewinnen.

Doch hat Guardiola seinem Team und sich selbst tatsächlich nichts vorzuwerfen? Warum verloren die Bayern in der Schlussphase der regulären Spielzeit nach 70 Minuten Dominanz völlig die Kontrolle und mussten nach dem Dortmunder Ausgleich (75.) froh und ihrem Torwart Manuel Neuer dankbar sein, überhaupt die Verlängerung zu erreichen? Jener Konzentrationsschwund in Phasen der gefühlten Übermacht war zuletzt immer wieder zu beobachten (auch beim 6:1 gegen Porto). Größer aber sind die Fragen nach Guardiolas Anteil an der erneuten Verletzung von Arjen Robben: Der gerade erst von einem Bauchmuskelriss genesene Niederländer musste nur 16 Minuten nach seiner Einwechslung erneut verletzt vom Platz. Muskelbündelriss in der linken Wade. Saisonaus. Hat Guardiola seinen Flügelspieler zu früh gebracht? Ging er ein zu großes Risiko ein?

Es wäre eine rein spekulative Frage, wenn da nicht gerade der Zwist mit dem zurückgetretenen Hans-Wilhelm Müller Wohlfahrt gewesen wäre. Es heißt, dass ein Streitpunkt zwischen beiden die von Müller-Wohlfahrt bevorzugten längeren Genesungszeiten der verletzten Profis gewesen sein soll. Guardiola dagegen habe stets darauf gedrängt, seine Stars schneller wieder einsetzen zu können. Vor diesem Hintergrund sieht Robbens erneute Verletzung natürlich schlecht aus.

Dabei ist es gerade mal eine Woche her, dass Guardiola für das 6:1 gegen Porto im Viertelfinale der Champions League gerühmt wurde. Mit jenem Auftritt seiner Mannschaft habe der 44-Jährige die leisen Zweifel, die nach dem Abgang des langjährigen Teamarztes und dem 1:3 in Porto an Guardiola aufkamen, vom Tisch gewischt, hieß es. Wenige Tage später wurde er auf der Couch auch noch Deutscher Meister – zum zweiten Mal im zweiten Jahr seiner Amtszeit.

Mit dem Pokal-Aus und der Verletzung Robbens ist Guardiola nun geschwächt und steht vor einer Partie, die am Ende vielleicht die Deutung über seine Jahre in München stark beeinflussen wird. Mit einem ersatzgeschwächten Team trifft er am Mittwoch im Champions-League-Halbfinale auf seinen Ex-Klub FC Barcelona. Scheidet Guardiola aus, wäre es das zweite Mal in der Runde der letzten Vier mit dem FC Bayern. Zum zweiten Mal hätte er das große Ziel verfehlt. Zum zweiten Mal müsste die Saison unter ihm als eine gute, aber keine herausragende bezeichnet werden.

Guardiola neigt zum Überschwang. Seine Spieler seien seine Helden, sagt er. An der Seitenlinie umarmt er gern mal den vierten Offiziellen wie gegen Dortmund. Jener Überschwang färbt immer auch auf ihn selbst ab. Kein Trainer wird so glorifiziert wie der Katalane. Aber nun stehen zwei Wochen an, in denen sich entscheiden könnte, wie Guardiolas Münchner Zeit in der Nachbetrachtung tatsächlich gesehen werden wird.