Verletztenmisere

Guardiolas Gau

Neben dem Pokal-Aus muss Bayern die Verletzungen von Robben und Lewandowski verkraften

Der FC Hollywood war gar nichts gegen das von heute. In den 90ern wurde der FC Bayern so genannt. Was rund um den Verein geschah, hatte oft etwas von Seifenoper. Eine Art „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Inzwischen ist alles viel größer. Was die Bayern mittlerweile bieten, ist mehr „Game of Thrones“. Drama, Baby! Weltweit von Interesse. Mit großen Darstellern, mit irren Wendungen. Es wird auch mal brutal. Und es kommt zu Duellen, die Verletzte fordern.

Die Münchner erleben aufregende und dramatische Wochen: 1:3 in Porto. Sehr schlecht gespielt. 6:1 im Rückspiel. Sehr gut gespielt. Am Wochenende Meister geworden, kurz gejubelt. Dienstagabend im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund ausgeschieden, 0:2 im Elfmeterschießen im eigenen Stadion. Kurz geärgert. Für mehr blieb keine Zeit. Denn der nächste Schock kam schon Mittwochmittag.

Schiedsrichter entschuldigt sich

Der gerade wieder von einem Bauchmuskelriss genesene Arjen Robben fällt bis zum Saisonende aus. Er hat sich gegen Dortmund einen Muskelbündelriss in der linken Wade zugezogen. Ein Hoffnungsträger weniger. Und Torjäger Robert Lewandowski brach sich gegen seinen ehemaligen Klub das Nasenbein sowie den Oberkiefer und erlitt eine Gehirnerschütterung. Mehr Aufregung geht nicht. Wäre die aktuelle Saison ein Serien-Staffel, die Kritik aus dem Feuilleton würden wohl sagen: „Thematisch überladen!“

Und so sind die Folgen der Niederlage noch schlimmer als die Niederlage an sich. Im Verein sagen sie derzeit: Schlimmer geht’s nimmer. Denn der Showdown, quasi das Ende der Staffel 2014/2015, kommt ja erst. In den Halbfinals der Champions League trifft der deutsche Rekordmeister auf den FC Barcelona. Das Hinspiel in Spanien steigt am Mittwoch. „Die ganze Saison war so“, sagt Trainer Pep Guardiola zu den Verletzten. Es klingt frustriert.

Es war wohl die brutalste Niederlage der Bayern seit dem „Finale dahoam“ 2012. Das 0:4 gegen Real Madrid im Halbfinale der Champions League vor einem Jahr war auch hart. Aber an Dramatik wurde es vom Dienstagabend übertroffen. Die Konsequenzen des Spiels, neben der verlängerten Verletztenliste: Gedämpfte Stimmung. Und eine Diskussion, ob es auch mit „nur“ einem Titel eine gute Saison wäre.

Die Bayern selbst wollen sich an dieser Diskussion nicht beteiligen. Aber eine andere ließen sie nicht unkommentiert: die um die Fehlentscheidungen des Schiedsrichters Peter Gagelmann. Klubchef Karl-Heinz Rummenigge griff den Unparteiischen scharf an: „Wir haben schon ein paar Chancen liegen lassen, aber es ist auch schwer, wenn man gegen zwölf Mann spielt.“ Ein Handspiel von BVB-Verteidiger Marcel Schmelzer hatte Gagelmann nach der Pause beim Stand von 1:0 übersehen, der Elfmeterpfiff war ausgeblieben. „Es ist natürlich sehr ärgerlich, wenn man solch eine Handszene nicht so wahrnimmt“, so Rummenigge.

Gagelmann entschuldigte sich nach dem Spiel: „Ich muss ganz klar sagen, dass es eine Fehlentscheidung war, das nicht zu pfeifen. Es tut mir leid, das ist sehr ärgerlich.“ Den ebenfalls äußerst diskussionswürdigen Zusammenprall zwischen BVB-Torwart Mitch Langerak und Lewandowski kurz vor Ende der Verlängerung, bei dem sich Lewandowski schwer verletzte, wollte Gagelmann dagegen nicht kommentieren. Auch hier hätte es einen Elfmeter geben können – auch wenn Lewandowski zuvor (ungeahndet) im Abseits stand. Für Gagelmann sind diese Fehler besonders bitter, weil das Pokal-Halbfinale wohl sein letztes großes Spiel gewesen sein dürfte. Am 9. Juni erreicht der Angestellte im Verwaltungsmanagement die Altersgrenze von 47 Jahren. Rummenigge spottete: „Vielleicht ist es auch besser für die Bundesliga, dass das Kapitel Gagelmann dann erledigt ist. 75.000 haben in der einen entscheidenden Szene alles gesehen. Wenn der eine das dann nicht sieht, dann kann ich ihm einen Optiker empfehlen.“

Jenseits dieses Nebenkriegsschauplatzes sprachen die Bayern viel von Pech. Davon, dass sie ein gutes Spiel hingelegt hätten. Und davon, dass die Niederlage keine Auswirkungen auf die Halbfinals in der Champions League gegen den FC Barcelona haben wird. „Wir haben nicht wirklich viel falsch gemacht, aber gehen als Verlierer nach Hause. Das kotzt mich an. Es war ein katastrophaler Abend“, sagte Thomas Müller. Was bleibt, sind Fragen. Wieso verloren die Bayern in der zweiten Halbzeit die Struktur? Wieso verschossen vier Weltstars im Elfmeterschießen? Ein Elfmeterschießen ohne Treffer der Münchner, das hatte es zuvor nie gegeben. An den Schuhen könne es nicht gelegen haben, so Müller. „Die Spieler hatten keine Badelatschen an.“ Jerome Boateng war deutlicher: „Wir haben das Finale verschenkt!“

Entwarnung bei Thiago

Am Sonnabend spielen die Bayern in der Bundesliga bei Bayer Leverkusen, am kommenden Mittwoch in Barcelona. Gegen Leverkusen wird Guardiola wohl die meisten der (überhaupt noch gesunden) Stammkräfte schonen.

Guardiola glaubt, dass Lewandowski in Barcelona einsatzbereit sein wird. Im Gespräch ist eine Gesichtsmaske. Lewandowski selbst schrieb Mittwoch auf Twitter: „Es sind noch ein paar Tage bis zum Spiel im Camp Nou. Ich hoffe, dass ich spielen kann.“

Bei einem anderen Starspieler wurde am Mittwoch Entwarnung gegeben: Mittelfeldstratege Thiago kann gegen Barcelona definitiv spielen. Die Prellung des Spaniers erwies sich als nicht schwerwiegend. Das sind die wenigen guten Nachrichten für den FC Bayern nach dem Pokal-Aus und dem Doppelten Tiefschlag mit der Robben-Verletzung. „Wir müssen uns jetzt schütteln. Und dann müssen wir in Barcelona mit neuem Elan auf den Platz gehen“, forderte Rummenigge. Die Partie gegen Guardiolas Ex-Klubs ist so etwas wie das große Finale der Staffel 2014/15 für den FC Bayern.