Viertelfinale

Fast am Boden

Der FC Bayern muss im Champions-League-Duell mit Porto heute ein 1:3 aufholen

Er liegt an diesem Morgen im Bett und überlegt: Was ziehe ich an? Pep Guardiola entscheidet für ein schwarzes T-Shirt, Aufschrift: „#JusticiaParaTopo“. Gerechtigkeit für Topo. Jorge „Topo“ Lopez war ein argentinischer Journalist, der bei einem Autounglück während der WM in Brasilien starb. Die Umstände sind bis heute unklar. Guardiola kannte Topo, dessen Familie hat dem Trainer des FC Bayern das T-Shirt vor einer Woche geschenkt. „Ich bin aufgewacht und wusste, dass ich es anziehen werde“, erklärt Guardiola. Einen Tag vor dem wichtigsten Spiel der bisherigen Saison.

Seine Kleiderwahl kann durchaus als Statement verstanden werden – Fußball ist nicht alles im Leben. Am Dienstag (20.45 Uhr, ZDF, Sky) empfängt Guardiolas Mannschaft im Rückspiel des Viertelfinals der Champions League den FC Porto. Das Hinspiel endete 1:3. Ein Schicksalsspiel ist es jetzt, meinen manche. Guardiola mag solche Begriffe nicht. Doch natürlich weiß er, um wie viel es geht. Natürlich weiß er, dass viel kaputt gehen kann. Er weiß, dass der Ausgang für die Stimmung in den nächsten Wochen maßgeblich ist. Natürlich weiß er, dass sich entscheidet, ob es eine herausragende Saison werden kann. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich bin gespannt“, so Weltmeister Thomas Müller.

Lange standen die Bayern nicht so unter Druck. Lange stand Guardiola nicht so unter Druck. Ein in München unbeliebtes Wort macht die Runde: Ausscheiden. Der Trainer hat zuletzt immer wieder betont, dass er verantwortlich ist, wenn es mal nicht läuft. Und bringt die angespannte Situation mit einem Satz auf dem Punkt: „Nur das Triple ist genug.“ Sein Blick ist in diesem Moment sehr ernst. So offen hat er das noch nie ausgesprochen. „Ich weiß, in welchem Klub ich bin. Bayern ist wie der FC Barcelona, wie Real Madrid. Die Meisterschaft und der Pokalsieg sind nicht genug.“

In der Vorsaison hat er das Double gewonnen. Sehr gut, aber nicht so außergewöhnlich wie das, was Vorgänger Jupp Heynckes 2013 mit drei Titeln geschafft hat. Guardiola ist noch nie schon in der Runde der letzten Acht in der Königsklasse ausgeschieden. So gesehen wäre es unter seinem Niveau. „Das Spiel gegen Porto“, sagt der 44-Jährige, „ist ein Finale!“ Er sei zu hundert Prozent optimistisch, aber auch realistisch. „Es wird nicht leicht.“ Aber er werde bei einem Aus „auch noch nächstes Jahr hier sein“.

Ein 2:0 im Heimspiel, findet Müller, wäre kein „Fußball-Weltwunder“. Die Sache ist nur: Bayern muss diesmal mindestens zwei Tore schießen. Bereits ein Gegentreffer könnte fatal sein, „wir müssen zu Null spielen“, sagt Abwehrchef Jerome Boateng.

Flammende Rede in der Kabine

Seit der vergangenen Woche gibt es Zweifel, ob die Mannschaft die Verfassung für eine vor allem defensiv nahezu fehlerfreie Partie besitzt. Die haarsträubenden Fehler im Hinspiel, das Chaos um den Rücktritt von Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, die vielen Verletzten – der FC Bayern Ende April ist nicht mehr der FC Bayern von Anfang März.

Nach dem 2:0 in Hoffenheim am Sonnabend versammelte Guardiola seine Spieler daher in der Kabine um sich. Der Trainer schwor die Mannschaft auf die Partie gegen Porto ein. „Es war eine sehr emotionale Rede“, berichtet Mittelfeldprofi Sebastian Rode. „Wir müssen mit viel Feuer in die Partie gehen, dürfen aber nicht übermotiviert sein.“ Doch wer kann bei dieser Mission überhaupt helfen? Neben Arjen Robben, David Alaba, Javi Martinez und Medhi Benatia wird auch Franck Ribéry wegen Problemen am Sprunggelenk wohl fehlen. Bastian Schweinsteiger (Virus) soll zum Aufgebot gehören, Kapitän Philipp Lahm (Infekt) ist spielbereit. „Ich habe in den vergangenen Monaten immer erst in den letzten Stunden über die Startelf entschieden. Diesmal auch“, sagt Guardiola.

Bizarr: Montagvormittag suchen einige Stars die Praxis Müller-Wohlfahrts in der Münchner Innenstadt auf. Sie haben freie Arztwahl und vertrauen ihm auch nach seinem Streit mit den Klubverantwortlichen, der zum Rücktritt führte. Guardiola hingegen spricht laut eigener Aussage mit Müller-Wohlfahrts Nachfolger Dr. Volker Braun über die Genesung der Profis.

All die Erwartungen, all der Druck, irgendwie sei das doch auch schön. Schließlich reize der Nervenkitzel jeden. „Ich fahre doch im Sommer nicht ins Trainingslager, um später dann vier Freundschaftsspiele pro Woche zu haben“, so Müller. Das nächste Spiel steht nicht mal im Ansatz im Verdacht, eines der lockeren Sorte zu sein.