Basketball

„Bis zum Star fehlt mir noch einiges“

Dennis Schröder über seinen Aufstieg bei den Atlanta Hawks und den Traum, mit Dirk Nowitzki in einem Team zu spielen

Der Auftakt ist geglückt, Dennis Schröder und die Atlanta Hawks starteten mit einem 99:92 gegen die Brooklyn Nets ins Play-off der NBA. Für den 21-jährigen Braunschweiger ist es seine zweite Saison in der stärksten Basketball-Liga der Welt, und der junge Mann hat sich erstaunlich schnell dort etabliert. Gegen die Nets spielte er fast 25 Minuten, sammelte 13 Punkte. Ein Star ist er deshalb noch nicht, und so sieht er sich auch nicht. Ein Gespräch über den erfüllten Traum seines Vaters, Dirk Nowitzki und die EM in Berlin.

Berliner Morgenpost:

Herr Schröder, haben Sie sich bei Dirk Nowitzki entschuldigt?

Dennis Schröder:

(schaut ungläubig) Entschuldigt? Wofür?

Zweimal haben Sie in dieser Saison gegen Ihren Landsmann von den Dallas Mavericks gespielt, beide Male gewonnen.

(lacht) Das war großartig, zumal ich beim ersten Sieg mit 22 Punkten einen persönlichen Rekord aufstellte. Dirk schrieb mir aus dem Flugzeug: Ich freue mich für dich. Du hast sehr gut gespielt. Mach weiter so. Ich empfand das als große Ehre.

Verehren Sie Nowitzki?

Als ich klein war, habe ich mir Chris Paul und Rajon Rondo angeschaut. Ihretwegen bin ich nachts wach geblieben, habe mir jedes Spiel von ihnen angesehen. Jetzt, wo ich auch in der NBA spiele, will ich aber nur noch ich selbst sein. Dirks Karriere ist phänomenal, er ist ein echter Superstar, spielt aber nicht meine Position. Dirk hat einen Championsring, absolviert seine 17. NBA-Saison, war dieses Jahr zum 13. Mal beim All-Star Game dabei: Das ist grandios. Es wäre geil, mit ihm mal zusammen in einem Team zu spielen.

Sie wurden dieses Jahr für die Weltauswahl der NBA-Nachwuchsstars nominiert, sind in New York gegen eine US-Auswahl aufgelaufen.

Es war gigantisch. Bis zum Star fehlt mir aber noch einiges.

Was denn? Sie sind im Vergleich zu Ihrer Premieren-Saison heute schon Leistungsträger Ihres Teams. Wie sind Sie so schnell so gut geworden?

Letzten Sommer habe ich brutal trainiert. Die unzähligen Extraeinheiten zahlen sich jetzt aus.

Sie klingen sehr selbstbewusst.

Mein Selbstvertrauen ist extrem gestiegen. Die anderen kochen doch auch nur mit Wasser. Im ersten Jahr habe ich zu viel über mich nachgedacht. Jetzt schalte ich den Kopf aus, wenn ich auf dem Court stehe, denke nicht mehr über Fehler nach, sondern spiele einfach nur Basketball. Klappt super.

Man mag kaum glauben, dass Ihnen vor dem Wechsel zu den Hawks mangelnde Arbeitsmoral und ein Hang zur Arroganz unterstellt wurden.

Das stimmt auch nicht. Einen Typen wie mich kannten die Trainer noch nicht, deswegen hielten sie mich wohl für arrogant. In Wirklichkeit war ich selbstbewusst, machte mir nie große Gedanken über etwas, sondern wollte nur jedes Spiel gewinnen. Natürlich habe ich auch Sachen falsch gemacht. Aber ich war ja auch jung.

Ihr größter Fehler?

Mit den Trainingszeiten nahm ich es nicht so genau. Das änderte sich erst, als mein Vater starb.

Damals waren Sie gerade mal 16.

Mein Vater saß bei jedem Trainingsspiel in der Halle und versuchte mir einzureden, dass ich es in die NBA schaffe. Jedes Mal aber antwortete ich ihm: Das wird nichts, ich glaube nicht daran. Eine Woche, bevor er starb, gab ich ihm dann das Versprechen, dass ich es schaffen werde. Nach seinem Tod wurde ich ein anderer Dennis Schröder. Meine Einstellung änderte sich radikal. Ich trainierte wie ein Wahnsinniger, war bei jedem Training früher da. Ich wollte zu meinem Wort stehen. Es wäre das Größte für mich, wenn er mich in den riesigen Hallen in Amerika spielen sehen würde. Es ist aber gut zu wissen, dass er von oben auf mich herabschaut.

Glauben Sie daran?

Ja. Ich bin Moslem. Ich glaube fest an Gott, und egal, was ich mache, er ist immer auf meiner Seite.

Sind Sie glücklich mit Ihrem Leben in den USA?

Der Lifestyle ist natürlich ganz anders, und ich möchte mich davon nicht infizieren lassen. Deshalb bemühe ich mich, viel von der deutschen Lebenskultur in meinem Umfeld zu bewahren. Da von Anfang an immer jemand von der Familie bei mir war, fiel es nicht schwer, mich in Atlanta einzugewöhnen. Der ganze bürokratische Kram wurde mir abgenommen, ich konnte mich auf den Sport konzentrieren. Ich lebe auch gern hier, es ist viel los. Wenn ich durch die Straßen gehe, erkennen mich die Menschen. Doch vieles ist hier zu oberflächlich. Man ist viel mehr auf sich allein gestellt, braucht eine hohe Eigenverantwortung, um nicht vom Weg abzukommen. Was du außerhalb des Trainings und Spiels machst, interessiert keinen, entscheidend ist nur die Leistung auf dem Court.

Um mehr geht es doch auch nicht in Ihrem Job.

Sicher. Ich finde aber Regeln wie bei der Nationalmannschaft besser. Dort tragen wir Einheitskleidung, gehen als Team zu den Mahlzeiten, zu Fotoshootings und Videosessions. Keiner spielt eine Extrarolle. Dadurch behältst du Bodenhaftung. Wenn wir mit Atlanta irgendwo anders spielen, heißt es nach der Ankunft nur, dann und dann ist Training. Bis dahin bist du dir selbst überlassen.

Der Titelgewinn mit den Hawks, die 1958 ihre einzige Meisterschaft gewannen, scheint möglich.

Natürlich wollen wir die Meisterschaft gewinnen. Wir haben eine realistische Chance, wenn wir unsere Form konstant halten und weiter so spielen. Doch ich möchte den Mund nicht so voll nehmen. Mit den Play-offs hat ein ganz neues Spiel begonnen.

Und im Spätsommer gehen Sie dann bei der Europameisterschaft für Deutschland auf Korbjagd?

Wenn ich mich fit fühle, bin ich dabei. Von den Hawks habe ich grünes Licht bekommen. Ich bin heiß darauf, für Deutschland in Berlin die Gruppenphase zu spielen. Ich hoffe, Dirk (Nowitzki, d. Red.) und Chris (Kayman, d. Red.) sind mit dabei. Wir müssen uns für die Olympischen Spiele qualifizieren. Ich will in Rio spielen. Zusammen können wir es schaffen.