Interview

„Mein Leben ist noch viel schöner, seit ich Vater bin“

Wladimir Klitschko kämpft erstmals seit sieben Jahren wieder in Amerika. Doch die größte Motivation schenkt ihm seine Tochter Kaya

Boxweltmeister Wladimir Klitschko, 39, zeigt keine Spur von Nervosität vor der Titelverteidigung gegen den Amerikaner Bryant Jennings, 30, im New Yorker Madison Square Garden. Sein Gegner am kommenden Sonnabend ist zwar seit 19 Kämpfen unbesiegt, aber keine ganze große Nummer. 1,98-Meter-Hüne Klitschko dagegen dominiert seit neun Jahren die Königsklasse.

Berliner Morgenpost:

Wann waren Sie letztmals so richtig glücklich?

Wladimir Klitschko:

Da fragen Sie? Natürlich am 9. Dezember, als meine Tochter geboren wurde. Ein unbeschreibliches emotionales Erlebnis. Seit Jahren hatte ich mir ein Kind gewünscht, hatte davon immer geträumt. Jetzt hat Hayden uns und mir dieses Glück geschenkt.

Ihre Tochter trägt den ungewöhnlichen Namen Kaya Evdokia.

Wir finden den Namen großartig. Die Kleine ist gesund zur Welt gekommen, ihr geht es richtig gut. Wenn ich nicht bei Hayden sein kann, wie jetzt in der Vorbereitung auf den Kampf, ist meine Mutter bei ihr in Nashville und kümmert sich um Kaya. Mehr Glück kann man nicht haben und sich nicht wünschen. Vor Kayas Geburt dachte ich, mein Leben sei perfekt. Seitdem sie da ist, ist es aber noch viel schöner, erfüllender. Vater zu sein, ist fantastisch. Das gibt mir noch mehr Power.

Das heißt, Sie werden noch lange nicht mit dem Boxen aufhören, obwohl Sie nächstes Jahr 40 werden und nun auch Verantwortung für einen anderen Menschen tragen?

Ich bin nach wie vor heiß auf das Boxen. Bei Vitali (der 43-jährige Bruder war auch Box-Weltmeister; d. Red.) habe ich es ja dreimal miterlebt, dass er trotz seiner Kinder seine Überzeugungen mit vollem Risiko verfolgt hat. Er hat mir gesagt, dass er als Vater in seinen Kämpfen härter zugeschlagen habe als früher. Mal sehen, wie es gegen Jennings sein wird. Ich möchte aber nicht, dass meine Tochter mich boxen sieht. Dafür ist der Sport zu hart. Ich möchte mir während eines Kampfes nicht Gedanken machen müssen, wie sehr Kaya mit mir leidet. Das würde mich unglücklich machen.

Glauben Sie, dass Fortuna Sie in besonderem Maße begünstigt?

Wenn Sie so wollen, war es natürlich ein glücklicher Zufall, dass ich Hayden kennengelernt habe und wir uns so prima verstehen, dass daraus eine kleine Familie entstanden ist, worauf ich sehr stolz bin. Ich weiß sehr wohl zu schätzen, was ich für ein Glück habe.

Wie meinen Sie das?

Wahres Glück ist etwas, das man sich für kein Geld der Welt kaufen kann. Das kann man sich nur erarbeiten, das hat nur der Tüchtige, der Mutige, so sehe ich das. Das Schöne ist, je länger und schwieriger der Weg zum erfolgreichen Ziel ist, umso intensiver erlebt man echte Glücksgefühle. Kennen Sie die Explosion solcher Gefühle?

Ich denke schon.

Dann wissen Sie, was ich meine. Schade ist nur, dass die Glückshormone nur für ganz kurze Zeit ausgeschüttet werden. Meistens nur für ein paar Sekunden. Das ist dann echter Balsam für die Seele. In solchen Momenten kommt es auch vor, dass ich mir selbst Komplimente mache und beispielsweise sage: Wow, das hast du gut gemacht. Das kommt aber selten vor. Ich gehe eher kritisch mit mir um. Denn nur wer das tut, verliert seine Ziele nicht aus den Augen und hat die Chance, mehr Glücksmomente zu erleben.

Sie sind also ein Glückskind?

Ich bin in einer gesunden Familie aufgewachsen. Gesundheit ist überhaupt das größte Glück. Meine Eltern haben sich sehr gut verstanden. Ich habe einen großen Bruder, zu dem ich früher aufschaute und den ich heute für sein Engagement in unserer Heimat bewundere. Ich durfte studieren und promovieren. Ich empfinde es als großes Glück, in der Sowjetunion gelebt zu haben. Dadurch lernte ich als Jugendlicher den real existierenden Kommunismus kennen. Jetzt darf ich im Kapitalismus leben und kann dadurch Vergleiche ziehen, die mein Leben noch viel lebenswerter machen. Ich habe in der Kindheit und Jugend durch die oftmalige Versetzung meines Vaters wegen seiner Armeeangehörigkeit in verschiedenen Ländern und Städten gelebt, was mich sehr prägte. Ich bin ein echter Glückspilz, weil ich in diese Familie hineingeboren wurde. Selber habe ich dazu ja nichts beitragen.

Sie sagten aber, Glück hat nur der Mutige und Tüchtige?

Das stimmt auch. Man muss aber erst einmal eine Basis haben, von der aus man sein Glück schmieden kann. Das war mein Elternhaus. Aber wie viele Kinder weltweit besitzen diese Basis? Egal auf welchem Erdteil, überall leben Millionen Kinder in Slums, in unwürdigen Verhältnissen, und nur die wenigsten von ihnen schaffen es rauszukommen. Durch meine Tätigkeit für die Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“ oder als Sonderbotschafter der Unesco habe ich großes Elend in vielen Ländern hautnah erlebt. Es hat mir jedes Mal das Herz gebrochen, wenn ich sah, wie Kinder und Jugendliche hausen müssen, weil die Gesellschaft nicht in der Lage ist zu helfen.

Wie haben sich die Kinder in Krisenregionen Ihnen gegenüber beklagt?

Natürlich können sie auch glücklich sein. Es ist immer eine Frage der Lebensumstände. Manch einer sieht es schon als großes Glück an, wenn nur die Sonne scheint. Oder er ein Dach über dem Kopf hat. Grundsätzlich werden Sie mir aber recht geben, wenn ich behaupte, dass es einen glücklicher macht, in einem vollen Supermarkt zu stehen und auswählen zu können, was ich essen möchte, als einfach nur froh darüber zu sein, überhaupt mal wieder satt geworden zu sein.

Mussten Sie schon einmal hungern?

Gott sei Dank noch nie. Auch nicht als Sportler. Als Schwergewichtler kannst du essen, was du willst, was ich aber auch nicht mache. Ich lege großen Wert auf gesunde Ernährung. Deshalb gehört auch ein Koch zu meinem Team.

Der aus Los Angeles eingeflogen wird und als einer Ihrer Glückbringer gilt.

Nicht nur er, sondern mein gesamtes Team, zu dem noch Manager, Trainer und die Physiotherapeuten gehören. Nach meiner Niederlage gegen Lamon Brewster habe ich dieses Team aufgebaut und seitdem nicht mehr verloren.

Das war vor elf Jahren.

Mein Glück im Sport begann schon, als ich mit 14 Jahren zur Sportschule kam. Dadurch bekam ich die Chance, aus mir etwas zu machen. Ganz wichtig war, dass ich bestimmt zehn Mal den Trainer gewechselt habe. Dadurch konnte ich herausfinden, was wirklich gut für mich ist. Jeder Trainer trug dazu bei, was ich heute bin. Die Erfahrungen führten dazu, dass ich meinen Trainingsprozess heute selbstständig steuern kann. Und wissen Sie, was ich auch als Glück empfinde?

Verraten Sie es bitte.

Dass ich jetzt wieder im Madison Square Garden boxe. Für jeden Boxer ist es ein Ritterschlag, dort in den Ring zu steigen. Alle großen Schwergewichtler haben dort geboxt - von Jack Dempsey, Max Schmeling, Joe Louis, Muhammad Ali, Joe Frazier bis hin zu Mike Tyson, Evander Holyfield und Lennox Lewis. Diese Arena besitzt ein einmaliges Flair. Dreimal habe ich dort schon geboxt und immer gewonnen. Seit dem letzten Sieg 2008 gegen WBO-Weltmeister Ibragimow hatte ich schon gedacht, ich werde dorthin nie mehr zurückkehren.

Ihre Kämpfe in den USA haben Ihnen aber nicht nur Glück gebracht. Denken Sie nur an den K.o. gegen Brewster.

Durch diese Hölle musste ich gehen, sonst hätte ich danach nicht so viel Glück empfinden können. Wer sich aus solcher Tiefe wieder nach oben arbeitet, kann sein Glück besonders wertschätzen. Damals glaubte außer meinem Team keiner mehr an mich. Sogar mein Bruder hatte mir geraten aufzuhören. Doch alle haben meinen Mut unterschätzt. Manchmal muss man sein Glück auch herausfordern.

Haben Sie außer in der Liebe und im Sport auch Glück beim Spielen?

Wenn ich in ein Casino gehe, sind 100 Dollar mein Limit. Für mich ist das so, als hätte ich eine Eintrittskarte fürs Kino gekauft. Ich will nur etwas Spaß haben. Ich bin kein fanatischer Spieler. Dafür habe ich mein Geld zu schwer verdient. Ich vergesse nie, wo ich hergekommen bin. D-Mark, Dollar waren in der Sowjetunion wie Goldschätze. Die hütet man. Spielen ist auch nicht das wahre Glück.

Hadern Sie manchmal mit Ihrem Glück?

Überhaupt nicht. Nur Glück zu haben, ist aber auch nicht gut. Dadurch kann man schnell den Boden unter den Füßen verlieren. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin bislang aber viel mehr vom Glück geprägt als vom Pech verfolgt. Und ich hoffe, dass das so bleibt.