Motorsport

Auf neuen Wegen

Ecclestones Menschenrechtsoffensive bedroht plötzlich das Formel-1-Rennen in Bahrain

Sie kamen nachts und nahmen mit, so viel sie tragen konnten. Handy, Computer, ja sogar einige Fotoalben schleppten die bahrainischen Sicherheitskräfte aus dem Wohnhaus, in das sie vor zwei Wochen eingefallen waren wie eine Spezialeinheit in eine von Geiselgangstern besetzte Bank. Nabeel Rajab, dem Ziel ihrer Operation, legten sie Handschellen an, nachdem sie ihn aus dem Schlaf gerissen hatten, und warfen ihn ins Gefängnis. Der wichtigste Menschenrechtsaktivist des Königreichs am Persischen Golf hatte öffentlich kritisiert, dass Häftlinge in Bahrain immer noch gefoltert werden. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm gehört.

Das Formel-1-Rennen am Sonntag (17 Uhr, RTL und Sky) in seinem Heimatland versäumt er dadurch ebenso, wie er den Abschluss eines historischen Vertrags verpasst hat. Erstmals in ihrer 65-jährigen Geschichte hat sich die Königsklasse des Motorsports verpflichtet, eine Menschenrechtsklausel in ihre Leitlinien aufzunehmen, gerade noch rechtzeitig vor dem umstrittensten Grand Prix des Jahres. Künftig soll bei der Vergabe von Rennen darauf geachtet werden, wie es um die ethischen Standards in der Gastgebernation bestellt ist. Dieser Schritt, auch wenn er auf Druck der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und rund ein halbes Jahr nach der ersten Anfrage im britischen Parlament vollzogen wurde, wirkt wie ein Zeichen des guten Willens von Unterzeichner Bernie Ecclestone. Aber stimmt das?

Mit jeder Palme, die das feierlich illuminierte Fahrerlager des Sakhir International Circuit säumt, wächst der Zweifel. Die Teamchefs wussten nichts von der Menschenrechtsoffensive, manche sprechen von einem „Alleingang von Bernie“. Piloten wollen über das Thema nicht reden, auch der Automobil-Weltverband Fia wurde überrascht von dem Papier, dass ein Formel-1-Rennen in Bahrain de facto untersagt. Die Standards, zu deren Einhaltung sich die Königsklasse des Motorsports verpflichtet, werden hier regelmäßig gebrochen.

Beim deutschen Weltmeister-Team Mercedes heißt es auf Nachfrage lediglich: „Wir betreiben Sport. Sport soll verbinden. Wir maßen uns nicht an, über die Situation in Bahrain abschließend zu urteilen. Die Formel 1 ist unsere Aufgabe und nicht das Abgeben von politischen Stellungnahmen.“ Zeitgleich aber machte der Chefvermarkter mit seiner Unterschrift unter den Vertrag mit dem Menschenrechts-Verband ADHRB genau das: Er gab ein politisches Statement ab.

„Diese Einigung war zwingend notwendig“, sagte ADHRB-Chef Husain Abdulla: „Die Formel 1 muss klarmachen, dass es keine Rennen in Ländern geben wird, in denen Menschenrechtsstandards verletzt werden.“ Künftig sollen Berichte verfasst werden, in denen die Bosse der Rennserie ihre Bestrebungen zur Verbesserung der Situation vor Ort protokollieren. Ein genaues Verfahren zur Umsetzung steht jedoch noch nicht fest. „Die Formel 1 ist eine Organisation mit sehr viel Einfluss. Wir versprechen uns einiges davon, nicht nur in Bahrain, sondern auch anderswo“ sagt Abdulla. Allerdings räumt er ein, dass die Einigung zu spät gelungen sei, um schon an diesem Wochenende handeln zu können: „Wir reden eher über künftige Rennen.“ Bis dahin bleibt Nabeel Rajab, der bis zu seiner Verhaftung maßgeblich an dem Vertrag mitgearbeitet hat, wohl hinter Gittern. Eine Farce.

Jedes fünfte Rennen wackelt

Bislang hatte sich Ecclestone diesem Thema grundsätzlich verschlossen. Der Milliardär verkaufte während der Apartheid ein Rennen nach Südafrika, er lässt seinen bunten Zirkus in Russland und China kreiseln und gab den Bau einer Strecke in Aserbaidschan in Auftrag. 2016 soll dort gefahren werden, auch Katar drängt mit Macht in den Formel-1-Kalender, der für alle Beteiligten eine begehrte Plattform ist, um weltweit Werbung in eigener Sache zu betreiben. Nimmt Ecclestone seine neue Menschenrechtsklausel ernst, wackelt jedes fünfte Formel-1-Rennen. Oder ist sie nur Vehikel, um Platz für neue Strecken zu schaffen?

Bahrain nutzt das Event seit 2004, um sein Image aufzupolieren. In Menschenrechtsberichten ist immer wieder von sexuellem Missbrauch, Schlafentzug und Verhören mit Elektroschocks zu lesen, wenn es um die Situation in ihren Gefängnissen geht. Die Veranstalter des Rennens brüsten sich hingegen damit, dass am Grand-Prix-Wochenende rund 400 Millionen TV-Zuschauer auf Bahrain schauen. Die sehen eine moderne Strecke mit luxuriösen Logen. Dass ein paar Kilometer weiter gefoltert wird, sehen sie nicht.

„Die Formel 1 verschlimmert die Situation regelmäßig, weil das Rennen die Ursache von Menschenrechtsverletzungen ist“, sagt Maryam al-Khwaja. Die 27-Jährige ist die Stellvertreterin von Nabeel Rajab an der Spitze des Menschenrechtszentrums von Bahrain. Derzeit lebt sie im Exil in Dänemark, eine Einreise in das Königreich, das in etwa so groß ist wie Hamburg, wäre zu gefährlich: „Wir haben weiterhin viele Probleme in Bahrain. Willkürliche Festnahmen, Razzien, Überwachung.“ Dass ihr Kollege ausgerechnet kurz vor dem Sporthighlight des Jahres, das regelmäßig das Interesse der Weltöffentlichkeit auf Bahrain lenkt, verschleppt wurde, ist in ihren Augen kein Zufall: „Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Festnahme von Nabeel Rajab und dem Rennen. Er sollte mundtot gemacht werden.“ Der Plan ist aufgegangen. Große Demonstrationen gegen den Grand Prix sind bislang ausgeblieben. Der Bewegung fehlt der Kopf. Dabei wären die Veranstalter durchaus auf einen Ansturm von Formel-1-Gegnern vorbereitet. Je näher die Strecke kommt, desto zahlreicher werden die Checkpoints und die Soldaten.