Förderung

„Wir kriegen in der Nationenwertung das, was wir verdienen“

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Schwimmtrainer Ulm sieht den Behindertensport in Deutschland unzureichend gefördert. Zehn Weltrekorde in Berlin

Die Internationalen Deutschen Meisterschaften der behinderten Schwimmer (IDM) genießen aufgrund der vielen hier seit 2000 aufgestellten Weltrekorde längst den Ruf einer kleinen Weltmeisterschaft. Seit Donnerstag sind nun wieder rund 600 Aktive aus 41 Nationen an der Landsberger Allee am Start. Auch deutsche Asse sind daran beteiligt, den Ton geben aber meist die Gäste aus dem Ausland an. So wie die US-Amerikanerin Jessica Long, die gestern für den ersten von zehn Weltrekorden sorgte.

Matthias Ulm, Cheftrainer des Schwimmteams Berlin und des Hauptstadtstützpunktes, ordnet Deutschland zwischen Position zwölf und 17 im Weltranking ein. „Bleiben die Förderung und die Strukturen so, wie sie aktuell sind, geht die Tendenz eher in Richtung 20“, sagt der seit zwei Jahrzehnten im Behindertensport aktive Coach. Verglichen mit Ländern wie Großbritannien, den USA, Holland, Russland, Spanien oder mit Blick auf Rio 2016 auch Brasilien sei Deutschland nur selten und in individuellen Ausnahmefällen wettbewerbsfähig.

Viel hänge mit der Trainersituation zusammen. „In genannten Ländern sind das angesehene Persönlichkeiten, die mit ihrer Arbeit das Doppelte bis Vierfache von dem verdienen, was hier Usus ist“, stellt Ulm fest. „In Deutschland gibt es das Berufsbild Trainer ja gar nicht, hier ist das ist in etwa Facharbeiter-Status.“ Dass eine Stimulation wie in Russland, das Paralympics-Siege mit 100.000 US-Dollar plus Wohnung plus Auto honorierte, nicht kopierbar ist, weiß Ulm. „Aber wir kriegen als Land in der Nationen-Wertung das, was wir verdienen, weil wir eben auch nur sehr gebremst investieren“, gibt er zu bedenken.

Der Beifall für die in den vergangenen zehn Jahren erkämpften Medaillen müsste lauter sein, „wenn man die Bedingungen, unter denen sie erreicht werden, in Betracht zieht“. Ehrenamt und Idealismus waren laut Ulm dabei entscheidende Faktoren. Seit zehn Jahren versuche er zum Beispiel vergeblich, Behindertensport „wenigstens auf eine Ebene mit den ,normalen’ olympischen Disziplinen zu bringen und ihn in den Rang einer Schwerpunktsportart am Olympiastützpunkt zu heben“. Die Antwort darauf sei bislang stets gewesen: „das ist nur mit Sportarten möglich, die die offizielle Anerkennung durch den DOSB haben“. Für Ulm ein Unding: „Der DOSB ist doch für den paralympischen Sport gar nicht zuständig.“ Inklusion predigen und dann doch immer wieder formal trennen – das kann es aus seiner Sicht nicht sein. Das Trainer-Ansehen ist dabei nur eines der Probleme. „In dieser Position hat man meist studiert, hohe Verantwortung für Menschen und Ergebnisse, holt Medaillen fürs Heimatland – das Feedback dafür ist oft das Gegenteil von motivierend.“ Immerhin habe man es inzwischen geschafft, dass sich wenigstens einige Gremien überhaupt dem Thema widmen. Bei den sportpolitischen Institutionen bestehe da noch ein Defizit. „Da heißt es, weiter Druck machen.“ Auch vom deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach könnte sich Ulm klarere Aussagen vorstellen, zweifelt aber, „dass dafür wirklich der politische Wille vorliegt“. Mag sein, dass hier ebenfalls ein „nicht zuständig“ geltend gemacht wird.

Ulms Berliner Schwimmteam ist der Versuch, im kleinen Rahmen Strukturen zu schaffen, mit denen man international halbwegs mithalten kann. „Wenn schon die staatliche Förderung unter aller Sau ist“, sagt Ulm, „wollen wir auf diese Weise ein Dach für das gesamte paralympische Schwimmen in Berlin schaffen.“ Zum einen wird so das Leistungspotenzial gesammelt, zum anderen auch ein Rahmen für Partner und Sponsoren geschaffen. Ulm selbst ist beim Olympiastützpunkt beschäftigt, wird je zur Hälfte aus Mitteln des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), die ja vom Bund kommen, und aus Eigenmitteln des Berliner Landesverbandes finanziert. Bei Maik Zeh und Diagnosetrainer Philipp Semechin ist das ähnlich, allesamt sind nur durch Jahresverträge gebunden. Ulm weiß, dass dieses Problem im gesamten Sport existiert. „Die Frage ist hier wie da, wollen wir Leistungssport und was ist er uns wert?“