Tiefschlag

Kein Vertrauen

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Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt legt nach der Champions-League-Pleite in Porto sein Amt nieder

Dem sportlichen Desaster folgte der Tiefschlag. Nicht einmal 24 Stunden nach der Pleite in Porto ereilte den FC Bayern München eine Nachricht, die viele im Verein erschüttern dürfte. So legten Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und seine Mitarbeiter am Donnerstagabend völlig überraschend und mit sofortiger Wirkung ihre Ämter beim FC Bayern nieder. Die Mediziner um den 72-jährigen Müller-Wohlfahrt, der seit dem 1. April 1977 für die Bayern tätig war, begründeten den Schritt mit einer nachhaltigen „Beschädigung des Vertrauensverhältnisses“. Müller-Wohlfahrt ist weiterhin Teamarzt der deutschen Nationalmannschaft.

Nach dem Hinspiel beim FC Porto sei „aus ihnen unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht worden“, hieß es in einer Mitteilung. Neben Müller-Wohlfarth traten auch sein Sohn Kilian Müller-Wohlfahrt, Peter Ueblacker und Lutz Hänsel zurück. Die Bayern wurden vom Schritt der Mediziner völlig überrascht. „Wir haben von dieser Pressemitteilung keine Kenntnis, insofern können wir sie nicht kommentieren“, sagte Mediendirektor Markus Hörwick.

Zuvor hatten die Profis sich im Grübeln in der Business-Class geübt. Donnerstagmittag stieg Xabi Alonso im dunklen Anzug in den Airbus der Lufthansa, ließ sich in den Sessel fallen und mit seinen Kollegen vom FC Bayern von Porto nach München fliegen. Mario Götze saß nahe bei ihm und hatte sich dicke Kopfhörer aufgesetzt. Knapp drei Stunden hatten die Stars in 11.000 Meter Höhe, um den Vorabend zu verarbeiten.

Möglicherweise wird die beiden Spieler jener ereignisreiche Auftritt in Portugal aber noch weitaus länger verfolgen. 1:3 haben sie im Viertelfinalhinspiel der Champions League beim FC Porto verloren, Alonso und Götze gehörten neben Verteidiger Dante zu den größten Enttäuschungen der an diesem Abend ohnehin schwachen Bayern. Dem deutschen Rekordmeister droht in der Königsklasse das Aus. „Es ist von Anfang an viel schief gelaufen. In München müssen wir jetzt zu Null spielen“, sagte Abwehrchef Jerome Boateng mit Blick auf das Rückspiel am Dienstag. Alonso und Götze äußerten sich nicht. Sie verzogen sich direkt nach ihrem dürftigen Auftritt durch einen Seitengang des Estadio do Dragao. Die italienische Sportzeitung „Gazetta dello Sport“ nannte ihren Auftritt eine „Horror-Show“.

Für gewöhnlich zählen Alonso und Götze zu den Stars, die wegen der vielen Verletzten derzeit besonders gefordert sind. Alonso soll im Spielaufbau den Ausfall Bastian Schweinsteigers kompensieren, Götze in der Offensive für die Unruhe beim Gegner sorgen, für die sonst Arjen Robben und Franck Ribéry zuständig sind.

In Porto enttäuschten beide. Alonso leitete die Niederlage mit einem Patzer bereits nach 80 Sekunden ein, als er den Ball vertändelte, Torwart Manuel Neuer sich nur noch mit einem Foul helfen konnte und es Elfmeter für Porto gab. Ein amateurhafter Fehler eines Weltstars. Sportvorstand Matthias Sammer sagte: „Man denkt, man hat schon alles erlebt. Wir liegen mit der Nase jetzt etwas am Boden.“ Es wirkte, als würden sich die Spieler mit ihrer Unsicherheit gegenseitig anstecken.

Götze gelang in Porto gar nichts, Guardiola wechselte ihn in der 56. Minute aus, der Nationalspieler hatte offenbar Schmerzen. Symbolisch eine Szene zuvor: Götze bekommt im Strafraum den Ball, hat etliche Meter Platz, wartet aber statt zu schießen – die Chance verpufft. Dabei haben die Bayern gehofft, dass nach seinem Finaltor bei der WM jetzt alles gut wird. Es war ein Irrglaube. Götze begann in der Hinrunde stark, erfüllte die Erwartungen trotz einiger Ausreißer nach oben aber nicht. Gleiches gilt für Alonso. „Ich bin nicht bereit, den Stab zu brechen“, sagte Sammer dennoch. Und auch Neuer stellte sich schützend vor seine Kollegen: „Jeder hat mal einen schlechten Tag. Den Spielern wird kein Vorwurf gemacht. Wir verlieren dieses Spiel zusammen.“

Im Klub sind sie sich offensichtlich einig: Wir haben jetzt so viele Verletzte, wir dürfen nicht noch die uns zur Verfügung stehenden Spieler öffentlich kritisieren. So ist es zu erklären, dass Klubchef Karl-Heinz Rummenigge auf dem Bankett in der Nacht nach dem Spiel milde Worte wählte. „Ich bin nicht bereit, die Mannschaft zu kritisieren. Das sind 13, 14 Spieler, die wir im Moment noch gesund haben und die seit Wochen dreimal die Woche spielen“, so der einstige Weltklasse-Stürmer. Irgendwann komme eben der Tag, an dem die Spieler müde würden und etwas Konzentration fehle. Und Entlastung ist im Rückspiel nur von Schweinsteiger (nach Viruserkrankung) und Ribéry (Sprunggelenksverletzung) zu erwarten, wenn auch nur als Joker.

Doch die Frage muss erlaubt sein: Ist Alonso so deutlich über seinem Zenit? Der 33-Jährige scheint sich selbst ein Rätsel zu sein. Porto ermöglichte er mit einem weiteren Fehler eine weitere Großchance und haute nach der Aktion wütend mit der Faust auf den Rasen. Oft war die Partie für ihn viel zu schnell. Zu Beginn der Saison wurde sein Spiel als Offenbarung bezeichnet, in dieser Woche bezeichneten einige den Spanier als „Auslaufmodell“.