Champions-League

Wiege der Stars

Bayerns Gegner FC Porto verdient mit Spielerverkäufen so viel wie kein anderer Klub Europas

Jorge Nuno Pinto da Costa hatte gut lachen. „Heute ist der 1. April“, ulkte der Präsident des FC Porto, als die Nachricht eines kurz nach Mitternacht bekanntgegebenen Deals die Runde machte. Stattliche 31,5 Millionen Euro zuzüglich aller Kommissionen würde Real Madrid für die Dienste des Spielers Danilo bezahlen, einen Außenverteidiger mit nur noch einem Jahr Vertragslaufzeit. Was selbst für manche Experten zunächst nach einem Fantasiegeschäft klingen mochte, stellte sich jedoch alsbald als die pure Wahrheit heraus – und provozierte mal wieder die Frage: Wie machen die das bloß?

Der FC Porto ist ein einzigartiges Phänomen im europäischen Fußball. Bayern Münchens Gegner im Champions-League-Viertelfinale am Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF) boxt nun schon seit Jahrzehnten in Gewichtsklassen, in denen er eigentlich nichts zu suchen hat. Zusammen mit Real Madrid, dem FC Barcelona und Manchester United teilt sich Porto den Teilnahme-Rekord in der 1992 eingeführten Königsklasse (19 Starts). Es hat im laufenden Jahrtausend mehr Europapokale gewonnen als alle deutschen Klubs zusammen (3:2). Und es schafft das alles mit dem Umsatz eines mittleren Bundesligisten. 72,6 Millionen Euro nahmen die Portugiesen vorige Saison ein, ohne Spielerverkäufe.

Erfolg trotz ständiger Abgänge

Das ist ein entscheidender Zusatz, denn kein Verein auf dem gesamten Planeten kommt auch nur annähernd auf vergleichbare Gewinne beim Import-Export-Handel von Kickerbeinen. Danilo ist insofern nicht mehr als ein typisches Beispiel und längst nicht der spektakulärste Fall. Der brasilianische Nationalspieler kam vor vier Jahren immerhin schon mit einem gewissen Renommee nach Porto und kostete 13 Millionen Euro. Er blieb also unter der Wertsteigerung, die etwa bei Verteidiger Pepe erzielt wurde: Der kostete einst nur zwei Millionen Euro und brachte 30 Millionen. Oder Mittelfeldspieler Aly Cissokho: eingekauft 2008 für 300.000 Euro, weitergereicht 2009 für 16,2 Millionen.

In den letzten zehn Jahren hat Porto nur in einer Saison keinen Transfergewinn erwirtschaftet. Der Gesamtüberschuss von 376,6 Millionen Euro seit 2004 erscheint umso beeindruckender, wenn man ihn ins Verhältnis zu den übrigen Viertelfinalisten der Champions League setzt. Gegner FC Bayern etwa hat im selben Zeitraum ein Minus von 283 Millionen Euro beim Spielerhandel verbucht (Zahlen basierend auf transfermarkt.de). Auch die übrigen sechs Mannschaften weisen in dieser Spanne negative Saldi auf: Vom AS Monaco (99 Mio.) über Atlético Madrid (115), Juventus Turin (212), Paris St. Germain (434) und den FC Barcelona (472) bis Real Madrid (682).

Permanenter Erfolg trotz permanenter Spielerverkäufe: und ein stolzer Pinto da Costa. Der 77-Jährige führt den Verein seit 33 Jahren, er hat in dieser Zeit sowohl diverse Ehen mit Jahrzehnte jüngeren Frauen als auch mehrere Verfahren wegen Manipulationsvorwürfen unbeschadet überstanden und die zuvor dominanten Lissaboner Klubs Benfica und Sporting weit abgehängt. Als „Papst von Porto“ wird er auch bezeichnet. Neben einem gesunden Machttrieb zeichnete ihn immer schon ein Gespür für innovative Strategien und die richtigen Mitarbeiter aus. Wie einst etwa den damals sehr jungen und weitgehend unbekannten Trainer José Mourinho, der für Porto 2003 den Uefa-Cup und 2004 sogar die Champions League holte.

Pinto da Costa hat auch Antero Henrique protegiert, den Mann, der als geheimer Kopf der Transfererfolge gilt. Vom Animateur und Leiter des Vereinsmagazins hat er sich zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Muss er sich für einen Erfolgsfaktor des Porto-Business entscheiden, sagt er: „Den Unterschied machen unsere Scouts.“

So wie Porto es schafft, maximalen Profit für seine Spieler zu erzielen, gelingt auch immer wieder eine fast übergangslose Erneuerung. Beispiel Innenverteidiger: Den 2004 für 30 Millionen Euro zum FC Chelsea verkauften Ricardo Carvalho ersetzte Pepe, nach dessen Verkauf für 30 Millionen wurde ab 2007 Bruno Alves aufgebaut und 2010 für 22 Millionen an den Mann gebracht, woraufhin Eliaquim Mangala verpflichtet wurde, der vorigen Sommer für 40 Millionen zu Manchester City ging. Der Abstand von zumeist drei Jahren ist kein Zufall, sondern folgt einem Plan: Das erste Jahr ist für die Adaption vorgesehen, das zweite für den Durchbruch und das dritte für die Wertschöpfung.

Zwei (Falcao), drei (James Rodríguez) oder maximal vier Jahre (Hulk) – länger als diese jüngsten Blockbuster bleibt kaum ein Spieler in Portos Sortiment, für dessen Zusammenstellung ein Netz aus rund 250 Spähern ausgeworfen ist. Priorität hat dabei der südamerikanische Markt. Einerseits wegen des enormen Spielerreservoirs, zum anderen wegen der historischen Verbindungen. Schon das Siegtor beim ersten Europacuperfolg 1987 im Finale gegen die Bayern erzielte mit Juary ein Brasilianer. In den vergangenen Jahren wurde der Fokus über die ehemalige Kolonie hinaus auf den ganzen Kontinent ausgedehnt.

Vom No-Name zum Top-Torjäger

Inzwischen gilt Porto in ganz Südamerika als die ideale Brücke zu den europäischen Großklubs, wohin nach James Rodríguez und Falcao bald auch deren kolumbianischer Landsmann Jackson Martínez wechseln könnte, Portos aktueller Star. Als No-Name 2012 aus Mexiko verpflichtet, führt er im dritten Jahr nacheinander die Torschützenliste der portugiesischen Liga an. Seine Ausstiegsklausel ist mit nicht weniger als 35 Millionen Euro beziffert – und Pinto da Costa ist bekannt dafür, dass er bis auf den letzten Cent genau ausgezahlt werden will.

Im Fall von Martínez wird er das Geld sogar behalten dürfen – eine Ausnahme. Laut des letzten Geschäftsberichts war der 28-Jährige im Juli 2014 einer von nur fünf Spielern im A-Kader, der zu 100 Prozent dem FC Porto gehörte. Die Transferrechte an allen anderen Profis teilte sich der Verein mit privaten Investmentfonds. Von den 15 Millionen Euro Ablöse für den zu Hellas Verona verkauften Juan Iturbe landeten deshalb beispielsweise nur 4,74 Millionen in den Vereinskassen, bei dem ebenfalls für 15 Millionen Euro an Manchester City abgegebenen Fernando waren es 5,3 Millionen.

Die in Portugal weit verbreitete Anteilseignerschaft Dritter ermöglicht Klubs die Verpflichtung von Spielern, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Sie relativiert nicht nur die Transfergewinne des FC Porto und erklärt, warum der Verein das vergangene Geschäftsjahr trotz seiner Exporterfolge mit Verlust abschloss. Sie könnte bald auch eine Revision der Klubstrategie erforderlich machen.

Auf Beschluss des Weltverbandes Fifa beginnt am 1. Mai eine Übergangsphase, an deren Ende die so undurchsichtige wie bisweilen an Menschenhandel erinnernde Praxis verboten werden soll. Die Verantwortlichen des FC Porto müssten sich dann auf wenige Einkäufe konzentrieren und mehr denn je ihrem Instinkt folgen. So wie bei ihrer jüngsten Cash Cow: Danilos Rechte hatten sie sich vorausschauend zu 100 Prozent gesichert.