Hertha BSC

Glücklich im Niemandsland

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Pal Dardai hat Hertha aus dem Tief befreit. Mit einem Sieg in Hannover wäre der Klub im Mittelmaß – und völlig zufrieden

Pal Dardai wird leicht unterschätzt. Wenn man dem Ungarn zuhört, wie er über seine Mannschaft spricht oder das Leben, dann wirkt das manchmal ein bisschen simpel. Denn dann hat Herthas Cheftrainer oft die Arme verschränkt und holpert durch die Sätze. Das liegt daran, dass der 39-Jährige auch fast 20 Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland immer erst in Ungarisch denkt, die Worte im Kopf übersetzt und dann in einem gebrochenen Deutsch ausspuckt. Die Grammatik ist da oft nicht ganz die richtige.

Aber es gibt offenbar auch so etwas wie die Grammatik des Trainerseins. Das richtige Zusammensetzen der Maßnahmen, damit am Ende ein fehlerfreies Ergebnis steht. Eins nach dem anderen. Irgendwann passt alles zusammen. Und Dardai scheint gut darin zu sein. Keiner unterschätzt ihn mehr.

In der Liga der Unzufriedenen

Als Pal Dardai Anfang Februar bei Hertha übernahm, erkannte er die Reihenfolge, mit der er die verunsicherten Berliner aus der Krise führen muss: Erst ein bisschen Spaß, das löst Blockaden. Dann Struktur und klare Vorgaben, das gibt Sicherheit. Als Teil eins und zwei ineinander griffen, kamen die Ergebnisse, und am Ende stand der Satz: „Hertha verabschiedet sich aus dem Abstiegskampf.“ Dardai hat ihn freilich nicht gesagt. Er weiß ja, dass in der Sprache des Fußballs immer auch der nächste Satz vorbereitet werden muss, und da könnten sich vielleicht wieder Fehler einschleichen.

Aber Hertha hat sich mit fünf Partien ohne Niederlage und zwei Siegen in Folge zuletzt tatsächlich vom Tabellenkeller entfernt und nun sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsrang 16. Im Auswärtsspiel gegen Hannover 96 an diesem Freitag (20.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) winkt die Chance, endgültig alle Abstiegsängste zu vertreiben. Und Dardai hätte seine erste Aufgabe als Bundesligatrainer gemeistert.

„Im Moment habe ich Glück“, sagt Dardai. „Es macht Spaß, denn die Jungs verstehen mich jetzt.“ In der Anfangszeit sei das noch anders gewesen: „Ich habe sehr wenig geschlafen, immer wieder nachgedacht, wo ich etwas verbessern kann.“ Manchmal sei er schon vor dem Training völlig ausgelaugt gewesen, „aber ich musste es trotzdem leidenschaftlich führen“. Nun sei er an einem Punkt angekommen, „wo man den Job richtig genießen kann“.

Acht Spiele lang sitzt Dardai erst bei Hertha auf der Trainerbank, aber er hat in jener kurzen Zeit auch bereits die dunkle Seite seines Jobs kennengelernt. Sie saß oft mit am Tisch, wenn er nach einem Spiel auf der Pressekonferenz über das Geschehen parlierte. Schon zwei Trainerkollegen mussten gehen, nachdem sie gegen ihn und Hertha verloren hatten (Joe Zinnbauer beim HSV und Kasper Hjulmand bei Mainz, Letzterer verlor auch noch gegen Dortmund und war danach weg). Andere mussten Reporterfragen nach ihrer Zukunft abwehren (Huub Stevens in Stuttgart). Und nun könnte Dardai daran beteiligt sein, dass der nächste Trainer seinen Job verliert: Tayfun Korkut hat mit 96 seit zwölf Spielen nicht mehr gewonnen. Verliert er gegen Hertha, war es das wohl für Korkut.

Das kann demütig machen, selbst wenn es gerade bei einem selbst gut läuft. Dazu aber will Dardai nichts sagen. Über die Situation anderer Trainer zu sprechen, gehört sich nicht. Dardai sagt lieber, dass er kein Träumer sei. „Ich bin immer wach.“ In jenem Zustand dürfte ihm allerdings aufgefallen sein, dass er sich in einer Liga der Unzufriedenen bewegt. Denn es sind ja nur noch die beiden großen Kategorien, in die sich die Klubs eingliedern: Wer oben steht, ist selig (außer Matthias Sammer beim FC Bayern natürlich). Alles dahinter – bis auf Augsburg und Bremen – hadert. In der eigenen Wahrnehmung darf es die Kategorie Mittelmaß nicht mehr geben – selbst wenn sie die Qualität des Teams trefflich beschreibt.

Bei Hertha ist das meistens auch so. Aktuell aber wünscht man sich nichts lieber, als in die Region vorzutreten, in der kaum jemand gern steht: ins Niemandsland der Tabelle. Mit einem Sieg gegen Hannover wäre man jenseits von Gut und Böse - und das wäre sechs Spieltage vor Schluss in dieser lange enttäuschenden Saison, in der auch der vormals verdienstvolle Trainer Jos Luhukay auf der Strecke blieb, am Ende ein Erfolg. „Unsere Entwicklung unter Pal Dardai ist erfreulich“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Man wäre das, was man in diesem Jahr zwei nach dem Wiederaufstieg sein wollte: ein Bundesligaklub ohne Schwierigkeiten.

Kein Gerede über Europa

Aber Zufriedenheit ist in Berlin auch eine ziemlich flüchtige Sache: Denn nach dem Sieg gegen Paderborn am Sonntag gab es Stimmen, die schon wieder von der Europa League sprachen. Der Abstand zu Platz sechs ist derzeit so groß wie der nach unten (sieben Punkte). „Wenn ich das höre, kann ich nur mit dem Kopf schütteln“, sagt Dardais Co-Trainer Rainer Widmayer. „Wenn wir die letzten sieben Spiele verlieren, steigen wir ab.“ In jenem Satz stimmen Inhalt und Grammatik.