Dortmund gegen Bayern

„Das Spiel des Jahres“

Trotz unterschiedlichen Saisonverlaufs ist das Duell Dortmund gegen Bayern brisant wie nie

Die Situation vor dem Clash der beiden deutschen Vorzeigevereine, dem Duell am Sonnabend zwischen Borussia Dortmund und Bayern München (18.30 Uhr, Sky) scheint trotz aller Probleme wie geschaffen für Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zu sein. Sein Team geht als Außenseiter ins Spiel, eine Rolle, die dem BVB traditionell liegt. Und Klopp zählt zwar aktuell nicht gerade zu den erfolgreichsten Trainern, aber er ist nach wie vor mit großem Abstand der beste Rhetoriker der Branche.

Die Kunst im Umgang mit dem gesprochenen Wort bestand für ihn immer schon ausschließlich darin, die richtigen Sätze auch am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt zu sagen: den Spielern gegenüber. Öffentlich dagegen hielt er sich zurück, was in Anbetracht der derzeitigen Situation auch ratsam ist: Mit 64 Punkten ziehen die Bayern einsam ihre Kreise an der Spitze, die Dortmunder haben nicht einmal halb so viele Zähler (33) und immer noch mit den Auswirkungen der schwersten sportlichen Krise ihrer jüngeren Vereinsgeschichte zu kämpfen. Die Frage nach der Augenhöhe verbietet sich da normalerweise.

So war selbst Klopp überrascht, als er doch tatsächlich danach gefragt wurde. „Wir sehen uns nicht auf Augenhöhe, haben uns auch nie so gesehen. Aber wir haben uns auch nie als chancenlos betrachtet“, antwortete er. Kleinreden lasse er sich die Chancen seines Teams auch in der aktuellen Phase nicht. „Obwohl vieles anders als in der Vergangenheit ist: Wir haben nie abgeschenkt“, sagte er. Viel mehr wollte er allerdings nicht sagen: „Ich sollte mich jetzt nicht hier hinsetzen und eine allzu dicke Lippe riskieren. Ich schlage vor: Wir quatschen nicht viel, sondern versuchen, ein ordentliches Spiel zu machen und nehmen dann das mit, was wir uns verdient haben.“

Sieg gegen die Selbstzweifel

Klopp ist sich der einmaligen Gelegenheit bewusst: Ein Sieg über die Bayern – und die Selbstzweifel, die seinen Spielern als Folge der Krise immer noch zu schaffen machen, wären verflogen. Die Forderungen nach einem radikalen Umbruch in der Mannschaft würden leiser werden. Der BVB hat wesentlich mehr zu gewinnen als die Münchener. Dies sieht offenbar auch Pep Guardiola so. Der Bayern-Trainer wirkt nachdenklich und wird mit Problemen nach Dortmund fahren müssen: Neben Arjen Robben fehlt auch David Alaba längerfristig, Franck Ribéry wird ebenfalls ausfallen. „Angeschlagen sind wir nicht unbedingt. Aber wir haben jetzt wichtige Spiele vor uns. Es sind Kleinigkeiten, die in diesen Spielen entscheiden“, sagte Weltmeister Mario Götze vor der Rückkehr an die frühere Meisterstätte. Götze: „In der Bundesliga ist es für uns das Spiel des Jahres.“

Dennoch tut das Fehlen jener drei herausragenden Akteure selbst einem breit aufgestellten Starensemble weh. Ohne die Flügelzange mit Robben und Ribéry muss Guardiola die Spielweise umstellen. „Mit ihnen fehlt uns Persönlichkeit auf dem Platz und diese Qualität in Eins-gegen-Eins-Duellen“, sagte der Coach, der sich einer seiner gefährlichsten taktischen Waffen beraubt sieht: Ribéry und Robben waren speziell in den Duellen mit dem BVB häufig ausschlaggebende Faktoren gewesen: sei es im Champions-League-Finale 2013 oder im Hinspiel dieser Saison (jeweils 2:1 für Bayern). Dazu nahen besondere Einsätze: Thiago ist nach monatelanger Verletzungspause bereit für ein Kurz-Comeback, Kapitän Philipp Lahm könnte nach fünf Monaten in die Startelf zurückkehren. „Die Mannschaft muss diesen Spielern helfen“, forderte Guardiola.

Schwierige englische Wochen

Diese Hypothek wirkt schwer, zumal in einem richtungsweisenden Spiel: Die Partie in Dortmund ist das erste von sieben Pflichtspielen in den kommenden 21 Tagen, die es zu bestehen gilt. „Jedes Spiel ist ein Finale. Wenn du gewinnst, geht es weiter. Wenn du verlierst, bleibst du zu Hause“, warnte Guardiola. Der Auftakt in die schwierigen englischen Wochen habe eine enorme Bedeutung. Er forderte die Spieler auf, sich komplett auf die kommenden Aufgaben einzulassen: „Die Spieler müssen verstehen, dass wir jetzt mehr, mehr, mehr von ihnen brauchen.“ Es gebe keine Ausreden: „Wir sind jetzt im April, und der April entscheidet alles.“

Dies ist ein Indiz, dass es trotz des tabellarischen Abstandes zwischen den Klubs ein brisantes Duell geben kann. Denn auch wenn es auf Sicht für die Borussen unmöglich scheint: Für 90 Minuten kann die Mannschaft von Klopp die Augenhöhe mit den Bayern immer noch erreichen.