Interview

„Zwei Euro Eintritt sind viel Geld für die Georgier“

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Andreas Berten

Patrick Milchraum ist der einzige deutsche Profi, der schon in Georgiens Liga gespielt hat

Von welcher Liga träumen junge Fußballer, in der sie später mal kicken wollen? Der englischen Premier League oder spanischen Primera División? Ganz sicher. Eine Karriere in der Umaghlessi Liga schwebte auch Patrick Milchraum, 30, nicht so wirklich vor. Und trotzdem war der langjährige Zweitligaspieler in der Saison 2012/13 erster und bislang einziger deutscher Profi, der in die erste Liga Georgiens wechselte und je eine Halbserie für den FC Sestaponi sowie Dinamo Tiflis auflief. In der Hauptstadt, wo am Sonntag (18 Uhr, RTL) die deutsche Nationalmannschaft um Punkte für die EM-Qualifikation spielt, wurde Milchraum gar Meister und Pokalsieger. Ein Gespräch über seine Erfahrungen.

Berliner Morgenpost:

Herr Milchraum, warum sind Sie nach Georgien gegangen?

Patrick Milchraum:

Ich wollte schon immer mal im Ausland spielen. Das war nach meiner Station in Karlsruhe gar nicht mehr so einfach. Ich kam dort kaum noch zum Einsatz. Dann hat mich aber mein damaliger Teamkollege Alexander Iashvili gefragt, ob ich mir nicht Georgien vorstellen könnte.

Ihr Wechsel zum FC Sestaponi war dann mehr Abenteuer, oder?

Sie haben Recht, es ist nicht das klassische Ziel für einen Profi. Aber ich wollte lieber irgendwo um die Meisterschaft spielen als in der Zweiten Liga zu kicken. Sestaponi war Titelverteidiger, von daher habe ich mir Hoffnungen auf den Meistertitel gemacht – nach dem Wechsel zu Dinamo Tiflis hat das ja geklappt.

Sie waren früher Junioren-Nationalspieler. Traurig, jetzt nicht als Aktiver zur EM-Qualifikation nach Tiflis zu kommen?

Nö, vielleicht, wenn ich es knapp verpasst hätte. Aber da muss ich schon ehrlich zu mir selbst sein: In meinem Jahrgang hatten Schweinsteiger, Trochowski oder Odonkor mit seiner Schnelligkeit dann doch eine andere Klasse als ich.

Wie ist es denn um die Fußballbegeisterung im Kaukasus bestellt?

Die ist eher klein, Rugby ist groß und Ringen natürlich. Aber wenn man sich die Eintrittspreise anschaut, bekommt man schnell die Armut vorgeführt.

Was kostet denn das Ticket?

Ach, das sind zwei Euro – jedoch viel Geld für die Georgier. Sestaponi hat ein Stadion, das 8000 Zuschauer fasst. Wenn da mal ein paar Zuschauer hingekommen sind, war das immer noch stimmungsvoller als in Tiflis, wo 2000 vielleicht zugeschaut haben, aber 55.000 hineinpassen.

Dann schauen die Leute in den Kneipen wohl auch keinen Fußball.

Eher nicht, denn teilweise geht das Niveau in der ersten Liga verglichen mit Deutschland bis in die Oberliga runter. Das ist nicht so attraktiv. Und manchmal haben wir auch mehr auf einem Sportplatz als in einem Stadion gespielt, sodass man dachte, man schaut eher beim Bezirksligaspiel des Bruders zu. Aber wissen Sie was?

Sagen Sie’s.

Es gibt in Tiflis tatsächlich ein Hofbräuhaus. Dort wurde englischer Fußball gezeigt, die Champions League konnte man dort schauen.

Gibt es in Georgien professionelle Strukturen? Man hat gehört, dass Levan Kobiashvili Verbandspräsident werden möchte.

Er hat auf jeden Fall einen guten Ruf dort und wäre gemeinsam mit Iashvili und Nationaltrainer Kachaber Zchadadse der richtige Mann, um Professionalität in den Verband zu bringen. Wichtig wird es sein, die Nationalmannschaft nach vorne zu bringen und den Vereinsmannschaften auf ein höheres Niveau zu verhelfen.

Sie waren bisher der einzige deutsche Profi im Kaukasus. Können Sie ihn anderen Spielern empfehlen?

Meine Familie hat sich sehr wohl gefühlt, die war immer mal wieder für ein, zwei Monate bei mir. Es gibt dort wunderschöne Ecken, eine schöne Altstadt mit super Cafés. Und das Wetter ist sehr mild, im Sommer hatten wir jeden Tag Sonne. Meine Freundin sagte schon mehrmals, dass sie Tiflis vermisst.

Ehrlich? Wie sieht das Land aus, wenn man aus Tiflis 50 Kilometer rausfährt?

Da beginnt dann das Abenteuer, man könnte fast schon Wildnis sagen mit vielen Bergen, Wäldern und Tieren. In den Dörfern lässt sich erkennen, dass hier kein großer Luxus herrscht. Da merkt man schon, dass es dem Land bis vor Kurzem noch richtig schlecht ging, der Krieg und die Unterdrückung sind noch nicht allzu lange vorbei.