Interview

„Es gehört dazu, ein Risiko einzugehen“

| Lesedauer: 7 Minuten
Lars Wallrodt

Welttorhüter Manuel Neuer über Popularität, Perfektionismus und Philipp Lahms Sekretär

Welttorhüter Manual Neuer ist unumstritten, im Verein und der Nationalmannschaft, für die er am Sonntag im EM-Qualifikationsspiel in Georgien (18 Uhr, RTL) wieder zwischen den Pfosten steht. Am Freitag 29 Jahre alt geworden, ist er aber nicht nur als Torwart gefragt, sondern auch als Werbefigur. Sein Spot für einen Getränkehersteller brachte ihm gar Kultstatus ein. Ein Spruch daraus („Vielleicht bin ich gar nicht deine Freundin, sondern Manuel Neuer“) hat sich zum Internetphänomen ausgeweitet.

Berliner Morgenpost:

Herr Neuer, wissen Sie eigentlich, was die Schüler heutzutage sagen, wenn Sie mit schlechten Noten nach Hause kommen?

Manuel Neuer:

Klären Sie mich auf.

Sie sagen: Vielleicht habe ich gar keine Fünf geschrieben, sondern Manuel Neuer.

(lacht) Ja, ich hörte davon, dass da ein paar lustige Sprüche im Umlauf sind, die auf meinen Werbespot abzielen. Cooler wäre natürlich, wenn die Schüler mit einer Eins nach Hause kommen und die Eltern sagen: Vielleicht hast du die Eins gar nicht geschrieben, sondern Manuel Neuer.

Ist Ihnen diese Art von Popularität zu viel des Guten?

Nein, das finde ich lustig. Mir macht es Spaß, über den Fußball-Tellerrand hinauszuschauen. So einen Werbespot zu drehen oder eine Figur im Zeichentrickfilm „Die Monster Uni“ zu synchronisieren, das ist spannend. Aber natürlich bin ich in allererster Linie Torwart, klar.

Eine Kultfigur braucht immer auch einen Bruch, darf nicht perfekt sein. Insofern können Fehler durchaus helfen. Am vergangenen Wochenende flutschte Ihnen gegen Mönchengladbach ein Ball durch.

Darauf hätte ich gern verzichtet. Fehler sind zwar menschlich, aber ich ärgere mich natürlich trotzdem über so etwas. Andererseits wäre ich nicht der Torwart, der ich bin, wenn so etwas nicht auch mal passieren würde. Es gehört zu meinem Spiel, Risiko einzugehen. Dadurch kassiere ich vielleicht mal einen Ball, bei dem ich doof aussehe. Doch viele andere pariere ich dadurch auch.

Aber meist findet das Spiel 70 Meter vor Ihnen statt.

Das stimmt nicht. Für einen Torwart werde ich ziemlich oft einbezogen. So ist das Spiel von Pep Guardiola ausgerichtet, auf viel Ballbesitz. Und daran arbeite ich mit.

Darum gelten Sie seit der WM ja auch als Prototyp des neuen Libero-Torwarts.

Dabei habe ich mein Spiel gar nicht verändert. Ich habe schon immer so gespielt. Aber bei einer WM findet alles mit einer ganz anderen Aufmerksamkeit statt. Deshalb hieß es plötzlich, dass ich das Torwartspiel quasi neu erfunden hätte. Aber das war nicht so.

Im Achtelfinale waren Sie gefühlt öfter außerhalb Ihres Strafraums als innerhalb. Ein Fehler und vielleicht sogar eine Rote Karte hätte Deutschland aus dem Turnier befördern können.

Ich gehe dieses Risiko ja nicht für mich ein, damit mich alle so toll finden, sondern für die Mannschaft. Hätte ich gegen Algerien diese Ausflüge nicht gemacht, wären wir ausgeschieden.

Muss man als Torwart Perfektionist sein?

Ja, absolut.

Sind Sie es auch abseits des Platzes?

Da gestatte ich mir durchaus mal eine Nachlässigkeit. Perfektionist bin ich als Torwart. Auch wenn wir Karten zocken, will ich acht von acht Stichen machen. Ob bei mir zu Hause allerdings die Sofakissen immer ordentlich liegen, ist mir ziemlich wurscht.

Sie können den Torwart in sich auch mal zum Schweigen bringen?

Klar, sonst wird man ja irgendwann wahnsinnig. Man muss auch mal Mensch sein und abschalten. Gerade in unserem Job muss die Balance zwischen An- und Entspannung gefunden werden. Aber man muss ehrlich zu sich sein. Es bringt nichts, sich zu belügen und die Schuld woanders zu suchen. Am Ende muss klar sein, wo der Fehler lag und wie man ihn zukünftig verhindern kann.

Kann man glücklich sein, wenn man ständig Fehler ausmerzen muss?

Natürlich. Es gibt Spiele, in denen ich sehr glücklich bin. Oft fallen solche Spiele den Zuschauern gar nicht auf, manchmal auch den Mitspielern nicht. Nur mein Torwarttrainer weiß immer, wie ich wirklich gehalten habe.

Das müssen Sie erklären.

Die spektakulären Paraden sind oft gar nicht die schwersten. Aber den Ball im Spiel zu halten, Angriffe einzuleiten, im Strafraum dominant zu sein – das ist wichtig. Wenn das gelingt, kann ich nach Spielen sehr glücklich sein.

Was war denn Ihr bestes Spiel?

Es gab 2012 mal ein 0:0 gegen Freiburg. Das Hinspiel hatten wir 7:0 gewonnen, also war das Ergebnis gemessen daran nicht doll. Aber das Spiel war für mich als Torwart fast perfekt. Auch wenn das kaum ein anderer so gesehen hat.

Wie lange waren Sie nach dem WM-Finale glücklich?

Ich bin es immer noch, aber es ist mir nicht immer präsent. Und ich bin immer noch hungrig und ehrgeizig.

Kann man Sie noch mit Geld locken? In England greift bald der neue TV-Vertrag ...

Ich habe mich immer für die sportliche Perspektive entschieden. Insofern ist mir in meinem Verein nur wichtig, was ich sportlich erreichen kann.

Dann können Sie ja nie mehr wechseln.

Wäre doch schön. Wir haben gerade außergewöhnlich viel Erfolg. In Deutschland werden wir wohl jedes Jahr in die Champions League kommen, das ein oder andere Mal Meister werden.

Sie haben als Profi mehr Geld verdient, als Sie im Leben vermutlich ausgeben können. Ein Gefühl, das nicht viele Menschen kennen. Gibt das Sicherheit?

Eine tolle Geschäftsidee muss ich mir nach der Karriere wohl nicht ausdenken, das stimmt. Aber ich will ja nicht durchs Leben gehen und sagen: Ich habe meine Schäfchen im Trockenen, alles andere ist mir egal. Ich weiß, dass nach meiner Karriere das richtige Leben erst anfängt und dass ich eine Aufgabe brauchen werde, die mich ausfüllt. Ich brauche etwas, in dem ich genau so ehrgeizig sein kann wie jetzt.

Karl-Heinz Rummenigge hat Sie schon als seinen Nachfolger als Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern ins Spiel gebracht.

Interessante Idee. Aber momentan kommt mir das noch ziemlich weit weg vor. Da müsste ich wohl erst mal ein Fernstudium anfangen.

Beeilen Sie sich. Philipp Lahm liebäugelt ja auch mit einem Posten beim FC Bayern.

Philipp ist älter als ich. Vielleicht kann ich erst mal als sein Sekretär anfangen.