Länderspiel

Schluss mit den Experimenten

Nach dem 2:2 gegen Australien verspricht Bundestrainer Löw Besserung, wenn es Sonntag in Tiflis gegen Georgien geht

Nachdem klar war, dass sich der Weltmeister vom Ergebnis her doch noch auf Augenhöhe mit dem Asienmeister befand, ging Joachim Löw erneut auf seine Experimentierfreudigkeit ein. Es ist ja bekannt, dass den Bundestrainer seit dem vergangenen Sommer die Lust und Neugierde gepackt hat, das vermeintlich beste Team der Welt zu verändern, es für alle bevorstehenden Angriffe anderer Nationen als Folge des Weltmeister-Titels in Brasilien zu wappnen. Dass dies nicht auf die Schnelle funktioniere, sei normal, befand also Joachim Löw, als er nach dem dürftigen 2:2-Test Deutschlands gegen Australien das Labor oben auf dem Lauterer Betzenberg verlassen hatte und im Presseraum über die gesamte Versuchsanordnung samt der viel diskutierten Dreier-Kette referierte.

„Es wird Zeit benötigen, wenn wir Veränderungen vornehmen und flexibler werden wollen“, blieb der 55 Jahre alte Fußball-Lehrer gelassen, und selbst wenn es zum Gelingen des Umbruchs „eineinhalb oder sogar drei Jahre“ benötige: „Ich bin bereit, das Risiko einzugehen.“

Das ist zeitlich weit gedacht, mindestens bis zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich, wenn nicht sogar schon bis zur angestrebten WM-Titelverteidigung 2018 in Russland. Der auf eine Halbzeit begrenzte und klar misslungene Abwehr-Test zum Länderspielauftakt 2015 lenkt das Bewusstsein jedoch auf die kurzfristige Aufgabestellungen, sich überhaupt erst einmal für die kontinentale Endrunde im Sommer 2016 in Frankreich zu qualifizieren.

Bellarabi übt Selbstkritik

Das wird im deutschen Lager allerdings nicht infrage gestellt, da aller Voraussicht nach ein Trio aus der deutschen Qualifikationsgruppe zur EM nach Frankreich fahren darf – und der Weltmeister derzeit Dritter ist.

Vom größten Titel im Mannschaftssport beseelt, wird die oberste Dienststelle des Deutschen Fußball-Bundes nun also kaum ihren leitenden Angestellten Löw zur Räson rufen. Spiele wie gegen Australien seien dazu da, um sich Fehler folgenlos mal erlauben zu können, sagte der Bundestrainer. Ihm fiel es daher leicht, die Unzulänglichkeiten der Seinen offen einzugestehen.

„Darüber müssen wir mit der ganzen Mannschaft noch mal sprechen“, sagte Flügelflitzer Karim Bellarabi, bevor der deutsche Tross am Mittwoch kurz vor Mitternacht zurück ins DFB-Refugium, der Villa Kennedy in Frankfurt, aufbrach. Genügend Raum und Zeit fand Löw dort sicherlich, um seine Mannschaft auf das EM-Qualifikationsspiel am Sonntag gegen Georgien einzustimmen (18 Uhr, RTL). Nach einer Trainingseinheit am Freitag hebt der Flieger um 14 Uhr in Richtung Tiflis ab. „Niemand muss sich Sorgen machen“, versuchte Sami Khedira zu beschwichtigen, „wir haben am Sonntag eine andere, eine gierige Mannschaft auf dem Platz.“

Der Weltmeister kann es nicht gebrauchen, dass vor dem „heißen Herbst“ (Löw) mit den Partien gegen Polen, Irland und Schottland noch Punkte im Kaukasus liegen gelassen werden. Georgien wird der deutschen Elf aller Wahrscheinlichkeit sehr defensiv entgegentreten – was aber nichts heißen darf, wenn Christoph Kramer schon Australien als Gegner eingestuft hat, „gegen den ein 5:0 und dann ist gut“ vorgesehen war. Auf die Dreier-Kette, in der Benedikt Höwedes, Shkodran Mustafi und Holger Badstuber gegen „mutige, freche Australier“ in Zweikämpfen „keinen richtigen Zugriff bekamen“ und die die Spieleröffnung „nie gänzlich in Griff“ hatte, wird Löw wohl verzichten, das deutete er bereits an. Sie wirkte gegen Australien tatsächlich wie ein Anfängerkurs in Löws Experimentalunterricht.

In den vier Monaten seit der letzten Zusammenkunft beim Weltmeister-Ball in Spanien hatten sich auf Geheiß des Bundestrainers Chef-Scout Urs Siegenthaler und seine Helfer in Chile und Italien über die unterschiedlichen Interpretationen der Dreier-Kette schlau gemacht. Aus Löws Einlassungen zu dieser Form der Verteidigung stachen bisher vor allem die Vorteile für die Offensivabteilung hervor. Bastian Schweinsteiger hatte vor der Begegnung zurecht bemerkt, als Weltmeister solle man mehrere Systeme beherrschen, aber bitte zunächst auf das Abwehrvermögen achten. Löw erklärte zudem, warum das Experiment nach 45 Minuten beendet wurde: „Wir haben in der Halbzeit umgestellt, weil Holger Badstuber raus musste. Er hatte leichte Probleme, eine Entzündung am Ansatz vom Hüftbeuger.“ Schweinsteiger, der neue Kapitän, wird gegen Georgien ebenso in die Startelf zurückkehren wie Manuel Neuer, Thomas Müller, Jerome Boateng, Toni Kroos und Mats Hummels, die das Treiben gegen die „Socceroos“ von der Bank aus verfolgten.

Löw fordert drei Punkte

Von dort erkannten auch sie, dass die Dortmunder Ilkay Gündogan („Wir haben noch Luft nach oben“) und Marco Reus, neben Lukas Podolski deutscher Torschütze beim hektischen 2:2, bald an glanzvolle vergangene Tage anknüpfen können. Löw sagt mit Blick auf die nur sieben Punkte, die die deutsche Mannschaft aus den ersten vier Qualifikationspartien geholt hat: „Wir sind ein bisschen im Hintertreffen. Das müssen wir wettmachen. Aber das werden wir auch, weil die Mannschaft diese Qualität und diese Einstellung hat.“ Auf Experimente sollte der Bundestrainer bei der Partie in Tiflis jedoch verzichten.