Fußball

Japanische Entwicklungen

Während Haraguchi bei Hertha langsam aufblüht, hat Hosogai seinen Platz im Team verloren

Über Volksgruppen lassen sich ja prima Klischees finden. Japaner zum Beispiel seien ziemlich arbeitssame Leute, sagt man. Zudem gibt es Gerüchte, dass sie im Ausland meist recht fest zusammenhielten. Bei Hertha liefert eine Feldforschung hinreichend Belege für jene Hypothesen.

Mit Genki Haraguchi und Hajime Hosogai spielen erstmals zwei Ostasiaten gemeinsam in Berlin. Am Wochenanfang – das Training war längst beendet – schnürten beide ihre Pulsmessgeräte und absolvierten auf eigenen Wunsch Läufe. Jos Luhukay hatte Hosogai dies einst verboten, weil der Trainer eine Überbelastung befürchtete. Pal Dardai, Luhukays Nachfolger, findet den Arbeitseifer dagegen ganz gut.

Frühstück mit Dardai und Preetz

Hosogai hatte zuletzt öfter Zusatzschichten eingelegt. Diesmal stand ihm sein Landsmann Haraguchi zur Seite, obwohl er es aktuell gar nicht nötig hat. Es ist nämlich so, dass sich gerade die Situation der beiden umzukehren beginnt. Im Sommer kam der Flügelstürmer Haraguchi, 23, für 500.000 Euro von den Urawa Red Diamonds als Wette auf die Zukunft. Er galt als einer, der sich vielleicht irgendwann seinen Platz im Team erkämpft. Den hatte sich Hosogai, 28, längst einverleibt, seit er 2013 für eine Million Euro aus Leverkusen wechselte. In der Vorsaison war er einer der Zuverlässigsten bei Hertha und stand in 33 von 34 Partien in der Startelf. In dieser Spielzeit aber schwächelt der defensive Mittelfeldspieler. Unter Luhukay war er trotzdem meist gesetzt, unter Dardai stand er nun dreimal nicht im Kader.

Hosogai stecke in einem Tief, hieß es eine Weile. Seine Körpersprache sei schlecht. Das hat sich offenbar gelegt, denn jetzt sagt Dardai: „Ich bin mit Hajime hochzufrieden. Er trainiert sehr gut. Aber er muss dennoch etwas warten.“ Das liegt daran, dass sich mindestens drei Spieler an ihm vorbeigeschoben haben: Fabian Lustenberger, den Dardai im Mittelfeld sieht, und Per Skjelbred sind derzeit auf der Doppelsechs gesetzt. Sie werden auch am Freitag gegen den HSV beginnen, weil Lustenberger seine Blessur aus dem Schalke-Spiel auskuriert hat. Dahinter ließ sich Dardai von Peter Niemeyer überzeugen. Dazu probierte der Trainer in Stuttgart den laufschwachen Verteidiger John Heitinga im defensiven Mittelfeld aus und ließ Hosogai daheim. Bei Hertha hatten sie lange die Vermutung, dass Hosogais Krise auch mit Haraguchi zutun habe. Er kümmere sich zu viel um den Landsmann, weil Haraguchi bei seiner ersten Auslandsstation Sprach- und Anpassungsprobleme hatte. Hosogai selbst widersprach dem, aber Hertha engagierte dennoch einen japanischen Betreuer, der bei der täglichen Trainingsarbeit übersetzen sollte. Herr Takada ist nun nicht mehr täglich dabei. Dardai hatte nämlich andere Ideen: Gemeinsam mit Herthas Manager Michael Preetz traf er sich mit Haraguchi zum Frühstück, um ihm zu erklären, was er mit ihm plane. Der Ungar Dardai fand: ‚Wir beiden Ausländer verstehen uns auch so.‘ Und interessanterweise hat das Gespräch seinen Zweck erfüllt. „Man sieht jetzt im Training, dass Genki einen Schritt nach vorn gemacht hat“, sagt Preetz. Haraguchi hatte in der Saisonvorbereitung Vielversprechendes gezeigt und gegen Bremen am ersten Spieltag auch in der Startelf gestand. Doch er verletzte sich an der Schulter. Seitdem stand er nur fünf Mal von Beginn auf dem Feld.

In den ersten fünf Spielen seiner Amtszeit setzte Dardai Haraguchi gar nicht ein, bemerkte aber dessen Fortschritte im Training. Gegen Schalke durfte der Japaner 20 Minuten spielen und erzielte sein erstes Bundesligator, das nur durch den Last-Minute-Ausgleich nicht die Etikette des Siegtors erhielt. „Wenn Genki so weitermacht, habe ich keine Bedenken, ihn öfter reinzuwerfen“, sagt Dardai. Und vielleicht sogar mehr: „Wenn seine Entwicklung weiter so positiv verläuft, dann winkt ihm auch mal ein Einsatz in der Startelf“, sagt der 39-Jährige.

Haraguchi hatte sich kurz nach seiner Ankunft in Berlin einen Labrador-Welpen gekauft, um nicht allzu einsam zu sein. Nach seinem Tor gegen Schalke postete er bei Twitter ein Foto. Arbeitssam wirkte das zwar nicht. Er lümmelte mit dem Hund auf der Couch und hielt dessen Nase in die Kamera. Der Welpe aber ist mittlerweile schon prächtig herangewachsen. Hertha BSC hofft auf eine ähnlich rasche Entwicklung seines Herrchens.