Hertha BSC

Fragiler Aufschwung

Hertha ist seit drei Spielen ungeschlagen, macht im Kampf um den Verbleib in der Liga aber keine entscheidenden Meter

Salomon Kalou gibt den Philosophen: „Auch ein kleiner Fortschritt ist ein Fortschritt.“ Michael Preetz gibt den Mahner: „Wir müssen punkten. Wir kommen da unten nicht entscheidend weg.“

Ob der Torjäger oder der ehemalige Torjäger, der mittlerweile die Verantwortung als Manager trägt: Es gibt gute Gründe für beide Betrachtungsweisen des 2:2 – jenes Unentschieden, mit dem Hertha BSC und der FC Schalke 04 den 25. Bundesliga-Spieltag beendeten. Für die Sicht von Kalou lässt sich vorbringen: Zum ersten Mal in der laufenden Saison gelingt es den Berlinern, eine Mini-Serie hinzulegen. „Wir sind jetzt seit drei Spielen ungeschlagen“, sagte Mittelfeld-Kämpfer Peter Niemeyer mit Blick auf die Partien gegen Augsburg (1:0) und Stuttgart (0:0). Im Kampf um den Klassenerhalt hat sich Hertha einen kleinen Puffer von nun drei Punkten auf die Abstiegsplätze erarbeitet. Gegen den selbstbewussten Revierklub, angereist mit der breiten Brust vom 4:3-Erfolg beim Champions-League-Sieger Real Madrid ein paar Tage zuvor, präsentierten die Hausherren ihre bisher beste Leistung im Jahr 2015. Hertha zeigte sich zumindest in der zweiten Hälfte auf Augenhöhe mit den Großen. Schalke gehört zu den Top-5-Klubs der Liga.

Die Mannschaft tritt stabil auf

„Schade, dass kein Sieg heraussprang. So müssen wir aber weitermachen“, teilte Valentin Stocker via Twitter seinen Fans mit. Nach fünf Wochen unter Trainer Pal Dardai zeigt die Mannschaft mehr Stabilität. Die Achse Sebastian Langkamp, Fabian Lustenberger, Per Skjelbred sorgte über weite Strecken für ein kompaktes, robustes Auftreten der Hausherren.

Doch auch die Vorsicht vom Manager ist begründet. Preetz lobte, dass „die Mannschaft seit fünf Wochen stabiler steht. Gegen Schalke haben wir vor allem in der zweiten Hälfte gute Momente gezeigt im Spiel nach vorn“. Bei Stocker zeigt die Formkurve seit Wochen nach oben. Der Schweizer ist mit nun neun Torvorlagen in dieser Saison zusammen mit Bayern-Star Franck Ribéry der viertbeste Vorbereiter der Liga – hinter Wolfsburgs Kevin de Bruyne (17), Bayerns Thomas Müller (12) und Werders Zlatko Junuzovic (10). Änis Ben-Hatira und Tolga Cigerci werden nach ihren Verletzungspausen zwar noch etwas Zeit bis zur Topform benötigen, sind aber im Kommen.

Gleichwohl hat sich andererseits auch bestätigt, wo die Problemzonen liegen: „Beide Gegentore sind relativ leicht zu verteidigen. Und vor allem in den letzten Minuten, wenn wir 2:1 führen, müssen sich alle reinhauen, da gilt es um jeden Meter zu kämpfen“, sagte Preetz. Hier darf sich vor allem John Anthony Brooks angesprochen fühlen, der über weite Strecke eine erwachsene Leistung ablieferte. Aber im Schlüsselmoment der Partie konnte Brooks Gegenspieler Joel Matip nicht an dessen Kopfball hindern, der zum 2:2-Ausgleich führte (90.).

Manager Preetz wies auf die Tabellensituation hin. So ersehnt der Aufschwung ist, so fragil ist er andererseits auch. Nach wie vor gehört Hertha zu jenen sechs Mannschaften, die voll im Überlebenskampf stecken. „Ein Punkt gegen Schalke ist gut, aber wir haben es verpasst, einen Dreier zu holen“, sagte Preetz. Niemeyer fand: „Es ist bitter, dass wir uns um den verdienten Lohn gebracht haben. Mit einem Sieg hätten wir einen brutalen Schritt in der Tabelle gemacht.“

Weshalb Preetz auch nicht bereit ist, sich derzeit mit Fragen zu beschäftigen wie: Wie sehr trägt die Mannschaft bereits die Handschrift von Pal Dardai, der den Trainer-Job am 5. Februar von Jos Luhukay übernommen hat? Ist es bereits an der Zeit, über den Klassenerhalt und eine Verlängerung des Vertrages von Dardai zu sprechen? „Das kommt mir alles zu früh“, sagte Preetz. „Wir haben am Freitag in Hamburg schon wieder ein entscheidendes Spiel.“ Und das vielleicht größte Problem des Hertha-Jahrgangs 2015 ist der Mangel an Konstanz. So schön die fünf Zähler aus den letzten drei Partien sind, „für uns ist es eine Herausforderung, Woche für Woche die volle Konzentration abzurufen“, sagte der Manager.

Neun Spiele sind noch zu absolvieren. Hertha tritt am Freitag als Tabellen-14. beim 15. an, dem HSV. Eine Woche darauf kommt der 16., der SC Paderborn nach Berlin, dann geht es zum 13. Hannover 96 (siehe Infokasten). Drei Schlüsselpartien, in denen Hertha sich aus dem Tabellenkeller herauskatapultieren kann – im besten Fall. Preetz will bei der notorisch wankelmütigen Mannschaft vermeiden, dass es in Berlin mit seinen vielen Medien Nebenkriegsschauplätze gibt wie eine Trainer-Diskussion zum verkehrten Zeitpunkt.

Die heiße Phase beginnt

Er weiß: Hertha ist auf dem Weg, aber nach wie vor ist nichts entschieden. Trotz der Mini-Serie kann der Zug noch in beide Richtungen abfahren: in den Keller oder ins gesicherte Mittelfeld. Das zarte Pflänzchen des Selbstbewusstseins, das derzeit bei Hertha sprießt, soll mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen unbedingt intakt bleiben. Weil ab Mitte April die großen Namen der Liga warten mit Bayern, Mönchengladbach und Dortmund. Im besten Fall hat sich Herthas Aufschwung bis dahin stabilisiert. Die heiße Phase dafür beginnt jetzt.