Fußball

Auf der Suche nach Selbstbewusstsein

Die halbe Bundesliga steckt im Abstiegskampf. Das löst bei vielen Spielern Angst aus, gegen die die Trainer offenbar nur mühsam ankommen

Wenn wir Jürgen Klopp nach der Nullnummer gegen Köln richtig verstanden haben, ähnelt das Selbstbewusstsein seiner Dortmunder immer noch einem Pudding - man kann ihn nicht an die Wand nageln, er ist zu wacklig. Mit sechzig Punkten auf dem Konto ist das Leben ein fröhlicher Kindergeburtstag, weiß Klopp von früher, aber jetzt, im Abstiegskampf, spürt er die Angst im Nacken und merkt: „Das Selbstvertrauen muss sich erst wieder entwickeln, das müssen wir uns hart erarbeiten.“ Nur: wie?

Ungefähr die halbe Liga stellt sich zur Zeit diese Frage, und mit frommen Reden allein ist es nicht getan, sonst hätte Hertha BSC die Schalker weggeputzt, wie drohte Trainer Pal Dardai vor dem Spiel: „Wenn wir hinten gut stehen, ist es schwer, gegen uns zu treffen. Wir werden aggressiv sein.“ Aber in der letzten Minute standen die Seinen gar nicht mehr aggressiv und gut, oder sagen wir es mit Rainer Werner Fassbinder: Angst essen Seele auf.

Vor allem beim Tabellenletzten. Seit Wochen jammert VfB-Kapitän Christian Gentner: „Wir haben nicht das Selbstvertrauen.“ Wie dieses Manko in der Praxis dann aussieht, war jetzt in Leverkusen zu besichtigen, mittels mehrerer Slapstickeinlagen beim 0:1. Vier bis fünf Stuttgarter überließen sich im eigenen Strafraum gegenseitig den Ball nach dem Motto „Nimm du ihn, ich habe ihn sicher“, alle säbelten vorbei, und ein TV-Millionenpublikum hat sich wiehernd den alten Witz erzählt: „Wie machen Schwaben warme Milch? Sie zünden die Kuh an.“

Huub Stevens hat nur noch mit dem Kopf geschüttelt. Was er im Training jetzt noch versuchen kann, ist die Heilkräutertherapie mit Bachblüten, im Kampf gegen das fehlende Selbstvertrauen sollen damit schon erstaunliche Erfolge erzielt worden sein. Auch der SC Paderborn braucht ab sofortjede Idee. „So spielt ein Absteiger“, hat Trainer Andre Breitenreiter nach dem 0:4 in Frankfurt erkannt – aber genauso gut hätte er den Satz wiederholen können, den der unvergessliche Hannes Bongartz einst in Wattenscheid von sich gab: „Wat nix kost, is nix.“ Preiswerte Kicker treffen die Kiste nicht, wollte er sagen. Aber wenn sie sich auch noch nichts zutrauen, wird es ganz schlimm. Was tun?

Schmidt trickst im Mainzer Training

Martin Schmidt, der Mainzer Kollege, schwört auf Psychotricks. Nach dem Sieg in Augsburg hat er geschildert, wie er seine Stürmer im Training aufbaut, nämlich so: „Man sagt zum Innenverteidiger: Lass den mal einen machen - und das Tor wird dann laut beklatscht.“ Schmidt fackelt nicht lang mit zündenden Worten, er lodert und brennt, und jede Stoppel seines wilden Barts steht für die Botschaft: Uns rasiert so schnell keiner mehr. In Mainz feiern sie ihn als Messias, aber sicherheitshalber nimmt sich der Schweizer seit ein paar Tagen zurück – denn was passieren kann, wenn auch der Trainer vor Selbstvertrauen platzt, weiß die Liga seit Klaus Toppmöller. Der war mit der Frankfurter Eintracht ein Senkrechtstarter in den 90ern, und böse Zungen behaupten, es sei damals zu folgendem Dialog gekommen.

„Die drei größten Trainer“, schwärmte ein Fan, „sind für mich Udo Lattek, Ottmar Hitzfeld und Sie.“ „Wieso Hitzfeld?“, fragte Toppmöller. Selbst wenn die Geschichte nicht stimmt, ist sie zumindest gut erfunden - auf jeden Fall ist Toppmöller, als er mit der Eintracht plötzlich Tabellenführer war und öffentlich „Bye, Bye, Bayern!“ rief, abgestürzt. Wer sich mit dem Selbstbewusstsein der Bayern anlegt, ist selber schuld.

Die Bayern sind die einzigen, die nie an störenden Selbstzweifeln leiden. Jedem wird dort gleich am ersten Tag der Chip mit dem Gen „Mia san mia“ unter die Haut gepflanzt, und wie sich das bestenfalls auswirkt, hat man vor Jahren bei Toni Kroos gesehen, der sich nach einem tollen Tor in Neapel vor die Kamera stellte und verriet: „Das können nicht viele.“ Oder denken wir anGünter Grünwald, der in seiner TV-Kabarettsendung fragte: „Was ist der Unterschied zwischen Uli Hoeneß und dem lieben Gott? Der liebe Gott weiß, dass er nicht Uli Hoeneß ist.“

Dieses Selbstbewusstsein führt dazu, dass, wie jetzt in Bremen, ein Rechtsfuß wie Thomas Müller geschwind mit demgroßen linken Zehen das Tor des Monats ins Lattenkreuz schlenzt. Die Bayern sind die Ruhe selbst.

Schürrle bleibt ohne Tor

Viele Fußballer sind sensibler gebaut, und die Trainer müssen dann nachhelfen wie Dieter Hecking zurzeit in Wolfsburg bei André Schürrle. „Ich stehe zu ihm wie eine Eins“, schwört Hecking, obwohl er den 30-Millionen-Einkauf am Sonntag nur sieben Minuten aufs Feld ließ, „er soll unser Vertrauen spüren.“ Schürrle war zuletzt ja völlig blockiert, seine Ladehemmung wurde minutiös festgehalten, er war reif für die Couch und glich einem traurigen Hund, der die Schlappohren hängen lässt und das Futter verweigert. Das mangelnde Selbstvertrauen macht sogar aus Weltmeistern Sorgenkinder.

Oder aus den Dortmundern. Solange ihr Knoten nicht platzt, haben sie dieses schwere Leben, mitsamt dem dazugehörigen Trash Talk. Das ist, auf gut Deutsch, jenes hinterhältige Drecksgeschwätz, mit dem man den Gegner eine Nummer kleiner redet. Als erstes Opfer dieses Psychogeplauders ist in den 70ern Reinhard („Stan“) Libuda in die Geschichte der Bundesliga eingegangen. Durch nichts war der sagenhafte Schalker Dribbelkönig zu stoppen, nur angeblich durch die Frage eines Gegenspielers: „Sag mal, Stan, schläft deine Frau immer noch mit dem Neger?“

Sogar viertklassige Klopper versuchen es gegen die Dortmunder zur Zeit noch mit solchen Männergesprächen, wie neulich der Dresdner Dennis Erdmann im Pokal gegen den BVB-Torjäger Ciro Immobile. Erdmann gestand hinterher: „Um ihn mental zu erschüttern, habe ich ihm ein paar Sprüche gedrückt. Da hat er mir erzählt, was er verdient - und als er auch noch zwei Tore schoss, habe ich lieber die Klappe gehalten.“

Wir wissen nicht, wie Jürgen Klopp seine wackelnden Dortmunder für das Spiel gegen Juventus Turin am Mittwoch mental stählt – aber auf Ciro Immobile sollte er nicht verzichten.