Motorsport

Im Kochen die Nummer 1

Bei Sebastian Vettel und seinem Ferrari-Team herrscht vor dem Formel-1-Start gute Laune

Das Stokehouse im Stadtteil St. Kilda in Melbourne ist Kult. Eine breite Terrasse lockt auf der Rückseite mit einem Blick auf Port Phillip, einer malerischen Einbuchtung des Pazifik. Kein Wunder also, dass das Restaurant seit Jahren von Formel-1-Teams (vorrangig McLaren und Mercedes) zum fröhlichen WM-Auftakt in der Vier-Millionen-Stadt genutzt wird. Ein absolutes Gute-Laune-Terrain. Die versprühten die Dauerduellanten der Saison 2014, Weltmeister Lewis Hamilton und Vize Nico Rosberg, kurz vor Beginn der WM-Saison 2015 am Sonntag (6 und 8.30 Uhr, RTL und Sky).

Gemeinsames Frühstück

Der 30 Jahre alte Brite und der gleich alte Deutsche saßen beim gemeinsamen Frühstück und gaben sich optimistisch. Vor allem Rosberg. Seine Antwort auf die Frage, was gegen eine erfolgreiche Titelverteidigung von Hamilton spräche lautete „Ich!“. Hamilton blieb ein wenig allgemeiner. „Das Team hat alles dafür getan, dass wir gleich zum Saisonstart in Schwung kommen. Nico und ich wissen, was wir dem Team schuldig sind.“ Eine Zurückhaltung, die bei beiden genau bis zur ersten Kurve auf der Strecke im Albert Park halten wird. Das hat 2014 gezeigt.

Für Neu-Ferraristi Sebastian Vettel begann die Dienstfahrt nach Australien sogar mit einem Sieg. Er setzte sich in einem Kochduell – gefragt waren schmackhafte Ravioli – gegen seinen finnischen Team-Kollegen Kimi Räikkönen, 35, durch, obwohl er bekundete, seine kulinarische Spezialität am Herd sei eigentlich Pasta Carbonara. Wobei der 27-Jährige dann schnell einschränkte: „Mir schmeckt sie.“ Räikkönen schmunzelte dazu – für den Iceman ja schon eine Art Gefühlsausbruch.

Genug der Nettigkeiten. Denn die Formel 1 geht mit unnötigen Problemen in ihre 66. Saison. Waren es 2014 noch elf Teams, die um WM-Zähler gekämpft haben, sind es nur noch zehn. Oder weniger? Fest steht: Lediglich durch ein privates Engagement in Höhe von rund 40 Millionen Euro des Engländers Stephen Fitzpatrick, seines Zeichens Chef der Firma OVO (Energie-Getränke), wurde aus der Resterampe Marussia der neue Rennstall Manor. Force India, Arbeitgeber des deutschen Nico Hülkenberg, hat mit Mühe zum WM-Start sein Auto fertig bekommen. Wichtige Testfahrten waren ausgefallen. Auch die britisch-indische Kombination leidet unter akuter Geldnot.

Den Vogel hat jedoch der Rennstall Sauber abgeschossen. Kurz gefasst: Die Schweizer hatten sich trotz teilweise gültiger Verträge von ihrer 2014er Fahrerbesetzung getrennt. Adrian Sutil aus Gräfelfing und der Mexikaner Esteban Gutierrez denken noch über juristische Schritte nach. Der Niederländer Giedo van der Garde, im Besitz eines Kontrakts als Stammfahrer für 2015, hat geklagt. Und hat zuletzt gleich zweimal in Melbourne Recht bekommen. Sauber droht im schlechtesten Fall die Beschlagnahme mindestens eines Autos. Das Sauber-Szenario wirft ein bezeichnendes Bild auf die Formel 1. Die vier größten Teams Mercedes, Ferrari, Red Bull und McLaren operieren mit Jahresbudgets im Bereich von je 250 Millionen Euro. Der Rest, mit Ausnahme von Williams (etwa 140 Millionen), verbrennt Geld. Die Formel 1 ist für sie sinnlos teuer. Ein mögliches Aus für den Rennstall im Blick, versah Saubers Teammanagerin und Anteilseignerin Monisha Kaltenborn zwei Nachwuchspiloten mit Verträgen für die anstehende Saison. Den Brasilianer Felipe Nasr, 22, und den Norweger Marcus Ericsson, 24. Vor allem Nasr, der einen zweistelligen Millionenbetrag der brasilianische Banco do Brasil mitbrachte, sicherte die Sauber-Existenz in der Königsklasse. Der Streit ist allenfalls attraktiv für die unmittelbar betrauten Anwälte. Aber ein Desaster für die Außenwirkung der Motorsport-Königsklasse.

Denn der Sauber-Rennstall ist vorrangig ein Opfer der Unfähigkeit der Formel 1, Top-Sport zu realisierbaren Preisen zu präsentieren. 2014 wurde ein Motoren-Reglement installiert, dessen Sinnhaftigkeit kaum zu erklären ist. Triebwerke mit maximal sechs Zylindern und 1600 Kubikzentimeter Hubraum. Turboaufladung erlaubt. Das bringt schlappe 600 PS. Ein DTM-Ford Mustang aus dem Jahr 1990 leistete schon deren 500. Das Energie-Rückgewinnungssystem Kers verhilft kurzfristig zu etwa 160 zusätzlichen Pferdestärken. Offiziell ist das die hohe Kunst des effiziente Triebwerkbaus. Warum muss die Formel 1 eigentlich effizient sein?

Lauda kritisiert den Jugendwahn

Ebenfalls dringend zu hinterfragen ist das Szenario auf der Strecke. Überholt wird viel zu oft, wenn der Konkurrent beim Pflichtstopp an der Box steht. Oder weil der Hintermann abschnittsweise (DRS-Zone) seinen Heckflügel öffnen darf, der Luftwiderstand geringer wird, was den vor ihm fahrenden Piloten wehrlos macht. Das Fahren ist zu leicht geworden. Mercedes-Aufsichtsrat Niki Lauda, selbst dreimal Weltmeister, brachte es auf den Punkt. „Früher haben sich die Neulinge wegen der Leistung und dem Anpressdruck fast in die Hosen gemacht. Heute fahren 17-Jährige, die nicht mal einen Führerschein haben“, so der 66-Jährige in Anspielung auf die Technik und die Premiere des Niederländers Max Verstappen, dem jüngsten Fahrer aller Zeiten.