Interview

„Die Bevölkerung muss die Spiele wollen“

Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop über Berlins Pluspunkte bei der Bewerbung um Olympische Spiele und die Forsa-Umfrage

Am 21. März entscheidet die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), welche Stadt – Berlin oder Hamburg – ins Rennen um eine Bewerbung für die Olympischen Spiele im Sommer 2024 oder 2028 geschickt werden soll. Im Interview äußerst sich Clemens Prokop, 57, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), unter anderem zu den guten Erfahrungen mit Berlin bei Großereignissen wie die WM 2009.

Berliner Morgenpost:

Herr Prokop, Berlin oder Hamburg, welche deutsche Stadt soll ins Rennen bei der Bewerbung um Olympische Spiele gehen?

Clemens Prokop:

Sowohl Hamburg als auch Berlin sind in der Lage, großartige Olympische Spiele in Deutschland auszurichten.

Eine sehr diplomatische Antwort. Die Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes, Christa Thiel, ist da auskunftsfreudiger, sie hat sich klar für Berlin positioniert.

Zum einen sind wir noch im Bewerbungsprozess, zum anderen stehen noch interessante Erkenntnisse aus, zum Beispiel die Forsa-Umfrage. Aber es ist auch kein Geheimnis, dass der Leichtathletik-Verband über viele Jahre sehr erfolgreich bei diversen Großveranstaltungen mit Berlin zusammengearbeitet hat. Eine vergleichbare Zusammenarbeit mit Hamburg war bereits mangels entsprechender Sportanlagen nicht möglich.

Internationale Wettbewerbsfähigkeit ist ein wichtiges Kriterium. Ist das nicht ein klarer Pluspunkt für Berlin, das mit unzähligen Großereignissen bewiesen hat, dass es das kann?

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist sogar ein ganz entscheidendes Kriterium. Natürlich glänzt hier Berlin als Bundeshauptstadt und international sehr geschätzter Ausrichter vieler Top-Ereignisse im Sport. Auf der anderen Seite hat aber auch Hamburg eine kreative Bewerbung vorzuweisen.

Was halten Sie denn von der Argumentation, Hamburg wäre die bessere Wahl, weil es dann ein weiteres Sportzentrum in Deutschland gäbe? Hamburg würde mehr profitieren, Berlin habe ja schon sehr viele Sportstätten.

Sicherlich wäre es sehr zu begrüßen, in Sachen Sportstättenbau in Norddeutschland neue Akzente zu setzen. Aber vordringlich muss das Ziel einer Bewerbung sein, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen.

Welche Kriterien sind dafür bei der Auswahl besonders wichtig?

Ich sehe ein ganzes Paket von Einzelaspekten. Von der Nachhaltigkeit des Olympia-Anlagenbaus über die ökologische Seite bis hin zu den Kostenaspekten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Akzeptanz der Bevölkerung.

Generell gefragt: Was bringen Deutschland und dem deutschen Sport überhaupt Olympische Spiele?

Die Vorteile sind vielfältig. Beispielsweise wissen wir von der Fußball-WM 2006 in Deutschland, wie ein Großereignis das Ansehen eines ganzen Landes nach außen positiv beeinflussen kann und nach innen Identität und Solidarität vermittelt. Natürlich zählt auch dazu, dass allein eine Bewerbung schon für einen unglaublichen Schub im deutschen Sport sorgen würde.

Und wo liegen die Vorteile speziell für die Stadt?

Erst einmal werden der Stadt hohe Mittel für die Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden: Verkehrsanbindungen, Wohnungen und Sportstätten zum Beispiel. Hinzu kommen erhebliche wirtschaftliche und politische Vorteile. Denken sie nur an Tourismus, unmittelbar beim Ereignis, aber auch im Nachgang. Fürs Stadtmarketing sind Olympische Spiele ein idealer Weg. Ein solches Großereignis fördert zudem das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Stadt.

Sie sprechen die Bevölkerung an. Wie wichtig ist denn der Rückhalt bei den Einwohnern für die Entscheidungsfindung? Halten Sie ein Instrument wie die Forsa-Umfrage für richtig?

Die negativen Abstimmungen zu einer Bewerbung um olympische Winterspiele in und um München waren mehr als eine negative Überraschung für den deutschen Sport. Jetzt wird versucht, so etwas zu vermeiden. Deshalb ist sicherlich eine Umfrage ein nicht unwichtiger Aspekt, aber ich glaube, man sollte sie auch nicht überhöhen. Es ist eine Momentaufnahme. Entscheidend für die Stimmung in der Bevölkerung wird sein, dass nach dem Zuschlag für eine Bewerberstadt Stadt und Sport gemeinsam die Vorteile für die Stadt und ihre Einwohner aufzeigen.

In Hinblick auf den Herbst, wenn es eine Bürgerbefragung geben wird.

Genau, denn die Bürgerbefragung sehe ich als den entscheidenden Faktor an. Olympische Spiele machen nur Sinn, wenn die Bevölkerung die Spiele will.

Verstehen Sie die Kritik der Menschen?

Ich kann nachvollziehen, dass es Vorbehalte gibt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass internationale Sportorganisationen in letzter Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung mit einem durchaus negativen Image behaftet waren.

Aktuellstes Beispiel ist die Verlegung der Fußball-WM 2022 in Katar auf den Winter. Könnte auch das negativ bei der Umfrage durchschlagen?

Ich hoffe nicht, dass diese Verlegung der Fußball-WM Auswirkungen auf die Bewerbung um Olympische Spiele hat. Ich kann übrigens versprechen: Die Olympischen Spiele werden auf alle Fälle im Sommer stattfinden.

Wie hoch müsste denn der Zustimmungsgrad sein, damit es sinnvoll ist, die entsprechende Stadt ins Rennen zu schicken?

Ich möchte mich nicht auf Prozentpunkte festlegen. Ich glaube auch nicht, dass es einen bestimmten Punkt X gibt. Entscheidend wird sein, dass man aus den Zahlen herauslesen kann, dass wenn auch nicht jeder Bürger so aber doch die Mehrheit in der Stadt dafür ist.

Herr des Auswahlverfahrens scheint das Präsidium des DOSB zu sein, das am 16. März seine Empfehlung für die am 21. März stattfindende Mitglieder-Versammlung ausspricht. Am 15. März findet zumindest eine Diskussion mit den Verbänden statt. Haben die Verbände, wie Ihr DLV, überhaupt genügend Mitspracherecht?

Das kommt darauf an, inwieweit sich das Präsidium an das Votum der Fachverbände gebunden fühlt. Nach dem von der Mitgliederversammlung des DOSB beschlossenen Verfahren liegt die maßgebliche Entscheidung jedoch eben beim Präsidium. Die Mitgliederversammlung am 21. März wird sich aber wohl auch artikulieren.

Wäre es nicht sowieso besser, diese Versammlung direkt abstimmen zu lassen?

Wie gesagt, die Mitgliederversammlung hat das Verfahren so beschlossen. Aber es gäbe rein theoretisch noch die Möglichkeit, einen vom Präsidium abweichenden Antrag zu stellen.

Erwarten Sie so etwas?

Ich habe bislang keinen Anhaltspunkt dafür.