Basketball

Den Wurf wiedergefunden

Mit Extra-Schichten kämpfte sich Albas Reggie Redding zurück in die Erfolgsspur

Nach dem 80:72-Sieg über Zalgiris Kaunas in der Euroleague wirkten bei Alba Berlin alle sehr erleichtert. Die verletzten Basketballspieler Jamel McLean, Cliff Hammonds und Jonathan Tabu, dass ihr Fehlen nicht alle Viertelfinal-Chancen zunichte gemacht hatte. Trainer Sasa Obradovic, der von einem „großartigen Sieg“ und einem „großartigen Job“ seiner Mannschaft sprach. Aber niemand genoss den Erfolg mehr als Reggie Redding. Der Amerikaner, mit 27 Punkten Mann des Abends, sagte: „So ein Spiel habe ich gebraucht.“

Um seine Worte richtig zu verstehen, muss man fast ein Jahr zurückschauen. Da war Redding der Shooting-Star im deutschen Basketball, aus Tübingen in die Hauptstadt gewechselt, und nach ein paar Wochen fragten sich manche Klub-Manager nicht nur in Deutschland: Warum haben wir den eigentlich nicht verpflichtet? Der 26-Jährige war die Entdeckung der Saison, für viele der wertvollste Spieler der Bundesliga. Er glänzte aber ebenso bei seinen internationalen Einsätzen. Ein europäischer Spitzenklub bot daher eine erkleckliche Summe, um ihn aus seinem Vertrag herauszukaufen. Alba war beeindruckt. Aber Alba lehnte trotzdem ab.

Inzwischen ist der Reggie-Hype verflogen. Redding macht in der Bundesliga zwei Punkte im Schnitt weniger pro Partie (10,4), hat eine fast zehn Prozent schwächere Wurfquote (42 Prozent), greift sich weniger vom Brett abspringende Bälle (3,8). Natürlich, er gehört immer noch zu den Guten, aber seine Leistungskurve, zuvor ständig im Steigen begriffen, erfuhr ihren ersten dauerhaften Knick. Inzwischen haben europäische Vereine, wenn sie in Berlin nach Verstärkung Ausschau halten, vor allem Jamel McLean im Visier, der seinem Landsmann den Rang bei Alba abgelaufen hat. Um so wichtiger war für Redding der Auftritt am Mittwoch gegen Kaunas. Weniger für seinen Marktwert, mehr für seine Seele. „Ich hab auch vorher nicht schlecht gespielt, ich hab nur schlecht getroffen“, beharrte der Aufbau- und Flügelspieler. Er hat dagegen gekämpft, nach schwachen Spielen Extraschichten geschoben, um seinen Wurf wiederzufinden. Einen familiären Rückschlag musste er zudem verkraften. Kurz vor Weihnachten starben kurz nacheinander seine Großeltern. Besonders zum Großvater hatte Redding ein sehr inniges Verhältnis: „Er war wie ein Vater für mich“, sagt er, „ich denke immer noch jeden Tag an ihn.“

Vielleicht hat er sich aber auch zu viel mit seinem Wurf beschäftigt. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Reggie so ein Spiel macht“, sagte Sportdirektor Mithat Demirel, weil er eines beherzigte: „Er hat heute zuerst die Kleinigkeiten erledigt.“ Gut verteidigen, rebounden, seine Mitspieler einsetzen. Redding sagte, ihm sei entgegengekommen, dass er mehr auf der Spielmacher-Position zum Einsatz kam. Aber das, meinte Demirel, war nicht der einzige Grund: „Reggie hat sich zu lange darauf konzentriert, unser Spiel tragen zu wollen und immer gleich selbst abzuschließen.“

Reggie Redding wollte es erzwingen – und das funktioniert nun einmal nicht, nicht nur im Basketball ist das so. Gegen Zalgiris Kaunas lief es endlich so, wie es laufen soll. Als er seinen Rhythmus gefunden hatte, ohne selbst zu werfen, fielen plötzlich auch die Würfe ins Ziel, acht von dreizehn, um präzise zu sein, dazu neun von zehn Freiwürfen. Redding holte sieben Rebounds, gab fünf Korbvorlagen bei nur einem Ballverlust. Das war so gut wie früher. Wenn nicht besser.

Am Sonntag muss Alba in der Bundesliga in Göttingen antreten, beim Aufsteiger. „Ich hoffe“, sagte Coach Sasa Obradovic, „dass Reggie dann wieder so gut spielt.“ Damit die Erleichterung noch eine Weile hält.