Fußball

Die Wahrheit muss auf den Platz

Doping im deutschen Fußball: Nach den Enthüllungen aus Freiburg wächst der Druck auf den DFB, für lückenlose Aufklärung zu sorgen

Von den Protagonisten des Spitzensports gibt es beim Thema Doping meist dieselben zwei Reflexe: 1. So etwas ist natürlich zu verteufeln. Und 2. Ich selbst habe nie etwas davon mitgekriegt. So hat sich einen Tag nach den Enthüllungen aus der Freiburger Untersuchungskommission, die den deutschen Fußball erschüttern, auch Bundestrainer Joachim Löw geäußert. Doping habe im Sport nichts verloren. Er lehne das ab. „Das galt für mich als Spieler genauso, wie es heute als Bundestrainer immer noch gilt“, sagte Löw.

Der 55-Jährige hat sich damit in das erwartbare Geplapper der Branche eingereiht, die sich einerseits zwar dem öffentlich Druck ausgesetzt sieht, das Thema ernst zu nehmen, andererseits aber unverbindlich bleibt. Doping im Radsport? Ja. Doping in der Leichtathletik. Sicher. Aber Doping im Fußball, dem weltweit beliebtesten und umsatzstärksten Sport? Das kann nicht sein.

Dabei haben die Erkenntnisse der Paoli-Kommission, benannt nach der Chefin Letizia Paoli, nun die Büchse der Pandora geöffnet. Daraus hervor sprudeln Hinweise auf ein systematisches Doping im deutschen Profi-Fußball der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, die weit über die Pforten der beiden beschuldigten Klubs VfB Stuttgart und SC Freiburg hinausgehen, bei denen Löw damals spielte. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat eine umfängliche Aufklärung angekündigt. Allein die Vergangenheit legt Zweifel daran nahe. Schon seit Jahrzehnten gibt es immer wieder Hinweise von Profis und Trainern, dass mit verbotenen Substanzen getrickst wurde. Nie wurde das wirklich aufgeklärt. Meistens stellte man die Abweichler ins Abseits. Der Fußball lag unter einer Käseglocke, die vor imageschädigenden Vorwürfen schützte.

Mit den vom Kommissionsmitglied Andreas Singler am Montag offenbar gegen politische Interessen lancierten Erkenntnissen zu den Praktiken des Freiburger Sportmediziners Armin Klümper, könnte die Käseglocke nun zertrümmert werden. Die Doping-Ermittler machen Druck auf den DFB: „Fußball ist ein Volkssport, der wichtigste Sport in Deutschland. Da kann man sich nicht erlauben, dass etwas ungeklärt bleibt“, sagte Fritz Sörgel, seit Kurzem ebenfalls Mitglied der Paoli-Kommission, dem ZDF. Der Verband müsse über die „Narrenfreiheit“ des Fußballs nachdenken. Spektakuläre Fälle der Gegenwart, wie sie im Radsport zu einer Aufklärungswelle geführt hatte, gibt es nicht. Die Vergangenheit aber sei „ein ganz anderes Kapitel“, sagte Sörgel.

Jene Vergangenheit ist gespickt mit Wortmeldungen zu Dopingpraktiken im Fußball. Harald „Toni“ Schumacher beschrieb sie in seinem 1987 veröffentlichen Buch „Anpfiff“: „Beim Training habe ich ein Medikament mit Dopingwirkung ausprobiert. Captagon heißt das Zeug“, schrieb der Nationaltorhüter. Captagon ist ein Aufputschmittel. Im Fußball werde gedopt, aber „klammheimlich“, schrieb Schumacher. Das kostete ihn zwei Wochen nach der Veröffentlichung seinen Platz in der Nationalelf. Auch sein Vertrag beim 1. FC Köln wurde aufgelöst. Auf den massenhaften Konsum von Captagon in der Bundesliga und in Liga zwei in den Achtzigern wies auch Bundesligatrainer Peter Neururer hin: „Das war überall bekannt und wurde praktiziert. Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert“, sagte er 2010. 1992 sprach Christoph Daum davon, dass Profis des VfB Stuttgart mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol behandelt wurden.

Auch die WM-Teams 1954, ‘66 und ‘74 stehen längst unter Verdacht. Eine Studie der Berliner Humboldt-Uni 2013 förderte Hinweise zutage. 1954 sollen die Helden von Bern gespritzt worden sein, möglicherweise mit dem Aufputschmittel Pervitin. Bewiesen ist das nicht. Aber etliche Spieler erkrankten später an Gelbsucht. Auch 1966 habe es Doping gegeben, heißt es in der Studie. Bei den Weltmeistern 1974 soll es verbotene Spritzen gegeben haben. Der damalige Kapitän Franz Beckenbauer sagte 2013: „Natürlich haben wir auch unsere Vitaminspritzen bekommen. Keine Ahnung. Der Doktor hat gesagt: Das ist eine Vitaminspritze.“

Keine nachträglichen Strafen

All das ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Und das macht Sorge, dass die Freiburger Erkenntnisse nun ebenso ohne Konsequenzen für den Fußball bleiben. Die Paoli-Kommission hat angekündigt, die vollständigen Ergebnisse wie geplant erst im Herbst zu veröffentlichen. Nachträgliche Strafen muss ohnehin kein Spieler befürchten. Seit 2015 liegt die Verjährungsfrist bei zehn Jahren. Den aktuellen Fußball hält Toni Schumacher, heutige Vizepräsident des 1. FC Köln, für „sauber“.