Handball

Vor dem großen Wurf

Viele Parallelen verbinden die Füchse und Zweitliga-Spitzenreiter Leipzig. Im Pokal treffen die Klubs nun aufeinander

Stefan Kretzschmar kann sich gut daran erinnern, wie die Leute den Kopf geschüttelt haben. Damals, als der SC DHfK Leipzig noch in der vierten Liga herumdümpelte, die Verantwortlichen aber schon von der Beletage des deutschen Handballs sprachen. „Ausgelacht hat man uns damals“, sagt der ehemalige Weltklasselinksaußen, der seit 2009 im Aufsichtsrat des Vereins sitzt. Seitdem ging es für den Klub immer nur bergauf, in der Szene ist der SC DHfK, Europacupsieger der Landesmeister von 1966 und sechsmaliger DDR-Meister, wieder ein Begriff für Handballqualität auf hohem Niveau. Der souveräne Tabellenführer der Zweiten Liga steht vor dem Bundesligaaufstieg und empfängt im Viertelfinale des DHB-Pokals an diesem Mittwoch Titelverteidiger Füchse Berlin (17.30 Uhr, Livestream auf mdr.de).

Als Bundesligasechster fahren die Berliner als Favorit in die Messestadt, allerdings ist der Respekt vor den Sachsen groß. „Das kann gefährlich für uns werden“, sagt Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson, „da braucht man kein Professor zu sein.“ Die Kräfteverhältnisse auf den Tribünen sind eindeutig: 150 Gästeanhängern stehen mehr als 6200 Leipzig-Fans gegenüber. Für die Füchse ist es das erste von zwei richtungsweisenden Spielen. „Es kann für uns eine herausragende Saison werden. Das wird sich jetzt entscheiden“, sagte Geschäftsführer Bob Hanning. Am Sonntag empfangen die Berliner im EHF-Cup das dänische Spitzenteam Skjern Handbold (17.15 Uhr, Schmeling-Halle). Gewinnen die Berliner beide Begegnungen, stehen sie im Final Four des nationalen Pokalwettbewerbs und haben zugleich beste Chancen auf das Endrunden-Turnier im Europapokal. „Wir haben zwei Riesen-Matchbälle“, betonte Hanning.

Den nahenden Aufstieg der Leipziger in die Bundesliga würden Hanning und Sigurdsson sehr begrüßen. „Dort wird seit Jahren gute Arbeit geleistet“, sagt Hanning, „Leipzig wäre für die Liga toll, das Team tut dem Handball gut.“ Und Sigurdsson ergänzt: „Die Art und Weise, wie dort Handball gelebt wird, ist unserer Philosophie sehr ähnlich. Uns sie haben sich wie wir Zeit genommen für die sportliche Entwicklung.“ In der Tat gibt es zwischen den Berlinern und Leipzigern einige Parallelen. In beiden Städten lag der Männerhandball jahrelang im Tiefschlaf, ehe Hanning in Berlin und sein Pendant in Leipzig, Karsten Günther, sich aufmachten, die Traditionssportart wiederzubeleben. Die Verpflichtung Kretzschmars tat beim SC DHfK ihr Übriges.

Kretzschmar als Motor

„Ohne Stefan wären wir nicht da, wo wir jetzt sind“, sagt Manager Günther. Für Kretzschmar, einst der Star beim SC Magdeburg, gilt längst: „Ich bin Leipzig, lebe und liebe dieses Projekt.“ Und die Reise sei für ihn noch lange nicht beendet. Kretzschmars Statement erinnert an das Credo, das einst auch Hanning in Berlin ausrief. Beide kennen sich lange und gut, Hanning war Co-Trainer der Nationalmannschaft, als der Linksaußen zu den Weltbesten seiner Zunft gehörte.

Die Leipziger überzeugen in der Zweiten Liga mit einer überragenden Teamleistung. „Meine Mannschaft ist jung, hungrig und brennt auf den Erfolg“, sagt Christian Prokop, 36, im zweiten Jahr Chefcoach. Er setzt wie Dagur Sigurdsson auf die Entwicklung des eigenen Nachwuchses, sieht in der guten Abwehr den Grundstein zum Erfolg und ist ein exzellenter Analytiker. Was in Berlin das Füchse Town mit dem angeschlossenen Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) ist, ist in Leipzig die Nachwuchsakademie. Beide Vereine vertrauen stark auf die Jugend, und es geht familiär zu. Mit Marc Pechstein und Rene Boese stehen sogar zwei ehemalige Füchse-Spieler beim SC DHfK unter Vertrag. Trainer Prokop: „Wir gehen einen ähnlichen Weg wie die Füchse, nur eine Liga tiefer.“

Gegen die Füchse wollen die Leipziger in der Region nun weiter Werbung für den Männerhandball machen. Am Mittwoch herrscht eh die große Pokal-Euphorie in der Stadt. Nach dem Handball-Viertelfinale steigt nur ein paar Meter weiter das Fußball-Achtelfinale des RB Leipzig gegen den VfL Wolfsburg. Und Ralf Rangnick, Sportdirektor des Zweitligisten, hat bereits versprochen, in Zukunft auch zum Handball zu gehen.