Kommentar

Bedenkliche Naivität

Jens Hungermann über die Reaktionen aus der Fußballbranche

Zum ersten Mal gibt es nun also konkrete Dopingbelege für das heimliche Zusammenspiel von Profifußballvereinen mit Ärzten der Universitätsklinik Freiburg. Im Zwielicht stehen zunächst der VfB Stuttgart und der SC Freiburg. Akten aus staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen weisen laut Auskunft der Dopingforscher nach, dass Anabolika-Doping Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre in Freiburg eine „signifikante Rolle spielte“.

Was in anderen Sportarten inzwischen allenfalls für Achselzucken und müdes Abwinken sorgt – „die Radsportler mal wieder? Na ja …“ –, löst in der vereinigten Sportrepublik reflexhaft einen Aufschrei aus: Fußball? Doping? I wo! Das bisschen Spritzen, die kleinen harmlosen Maßnahmen, die paar Einzelfälle. Oder, wie der frühere VfB-Trainer Jürgen Sundermann die Vorwürfe nennt, gleich „der größte Schwachsinn des Jahrhunderts“?

Wenn es um Doping und Fußball in Deutschland geht, gilt der Grundsatz: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Seit Generationen versuchen Offizielle, Trainer und Spieler der Öffentlichkeit weiszumachen, Doping im Fußball bringe nicht viel. Zu komplex angeblich die Sportart, zu entscheidend Technik und Taktik, ergo: zu gering der Nutzen.

Es ist lachhaft. Welchem Sportler würde es nicht helfen, wenn die Puste spät bis nie ausginge im laufenden Milliardenbetrieb? Doch das Dekret von oben lautet: keine Sorge, Doping spielt – und spielte – bei uns keine Rolle. Bedeutet im Subtext: Und für uns auch nicht.

Dass der Weltverband Fifa während seines milliardenschweren Hochamts, der Fußball-WM, vorsichtshalber lieber selbst auf Dopingmittel testen lässt anstelle der unabhängigen Weltantidopingagentur Wada, oder dass der träge Deutsche Fußball-Bund (DFB) erst 2013 Blutkontrollen einführte, sollte in diesem Kontext nicht vergessen werden.

Bedenklich ist die Gleichgültigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die Bälle tretende Branche zieht. Wohlwollend ist sie Naivität zu nennen. Doch Chuzpe trifft es wohl besser, wenn Dopingmittel von Altvorderen zu Mitteln der Regeneration verklärt werden.

Bei der Aufklärung der Dopingvergangenheit in Freiburg geht es einerseits um Mittäterschaft, auch wenn sie straf- und sportrechtlich kaum noch zu sanktionieren sein wird. Es geht aber auch um das Herausarbeiten einer Mentalität. Die Aussichten sind leider düster.

Der DFB tut gut daran, tief gehende Aufklärung nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern. Für die Zukunft kann nur lernen, wer die Vergangenheit seriös aufarbeitet.