Interview

„Erst wird es Gewohnheit, dann zur Sucht“

Ole Einar Björndalen tritt mit 41 Jahren bei der Biathlon-WM gegen Gegner an, die seine Kinder sein könnten

In Finnland beginnen an diesem Mittwoch die 47. Biathlon-Weltmeisterschaften, die bis zum 15. März dauern. An insgesamt acht Wettkampftagen kämpfen die Athleten in Kontiolahti um elf Titel. Der Norweger Ole Einar Björndalen, 41, geht als Mitfavorit in die Rennen der Männer-Konkurrenz.

Berliner Morgenpost:

Herr Björndalen, nehmen Sie auf Ihren Weltcup-Reisen immer noch einen Staubsauger mit?

Ole Einar Björndalen

(lacht) Nein, nicht mehr. Früher hatte ich tatsächlich immer einen dabei, weil die Teppichböden in den Hotels selten wirklich sauber sind. Mittlerweile handhaben wir das im norwegischen Team anders, bedecken den gesamten Hotelteppich mit Plastik. Ein bisschen Dreck und Bakterien bleiben trotz Reinigung. Und alles, was die Leistung mindern kann, muss man versuchen auszuschalten.

Sie sind immer noch akribisch dabei wie eh und je – mit 41 Jahren. Sie sind schon ein bisschen verrückt, oder?

Vielleicht bin ich das. Angefangen habe ich mit zwölf Jahren, seitdem habe ich sehr viel und hart trainiert. Trotzdem bin ich immer noch mit sehr viel Freude dabei. Warum soll ich da aufhören?

Einige Ihrer Konkurrenten könnten Ihre Kinder sein ...

Stimmt schon, der jüngste Norweger bei uns im Team, Johannes Thingens Boe, ist 21 Jahre alt. Er könnte mein Kind sein, wenn ich früh angefangen hätte. Das ist natürlich ein großer Generationenunterschied, aber das stört mich nicht, und ich finde es interessant zu verfolgen, wie die Entwicklung voran schreitet. Die Jungen sind die Zukunft und arbeiten extrem hart. Dass ich immer noch mit ihnen mithalten kann, ist sehr schön.

Wie alt fühlen Sie sich denn?

Oh, das ist unterschiedlich. Bei einigen Sachen fühle ich mich tatsächlich wie 41 Jahre – was die Erfahrung im Sport und im Leben an sich angeht. Aber ich bin motiviert wie ein 25-Jähriger.

Wie erhalten Sie sich die Motivation?

Ich habe einfach sehr viel Spaß am Biathlon, an Training und Wettkampf – immer noch. Es ist diese Kombination zwischen der extremen physischen Belastung, viel Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Technik. Hinzu kommt dieser mentale Druck, besonders am Schießstand. Und ich habe meine Ziele, möchte noch einiges erreichen. Dafür arbeite ich hart. Außerdem ziehe ich sehr viel Motivation aus den jungen Athleten, sie drängen nach vorn, setzen mich mit ihrer Leistung unter Druck, wir haben intern in der Mannschaft einen gesunden Wettkampf. Sie besiegen mich, dann besiege ich sie – das ist eine große Motivation. Ich führe wirklich das beste Leben, das ich mir wünschen kann.

Ursprünglich wollten Sie nach der Olympiasaison 2014 aufhören. Welche Ziele haben Sie nach all den Jahren noch gereizt?

Im Januar vergangenen Jahres habe ich gesehen, dass ich immer noch schnell laufen und an guten Tagen unter den Besten sein kann. Das hat mir unglaublich Auftrieb gegeben. Es hatte zuvor einige Jahre in meiner Karriere gegeben, in denen ich nicht so stark war. Und ganz ehrlich, die Weltmeisterschaften 2016 zu Hause am Holmenkollen bilden ein noch schöneres Karriere-Ende als Olympische Spiele.

Sie müssen es lieben, sich zu quälen.

Ich sehe das Training nie als Quälerei. Natürlich gibt es unschöne Einheiten, die auch ziemlich hart für den Kopf sind, aber das wird erst zur Gewohnheit und dann zur Sucht.

Können Sie eigentlich auch mal nichts tun – Sie wirken wie ein Rastloser?

Stimmt, ich bin der rastlose Typ. Aber ich kann mich mittlerweile etwas besser entspannen. Nach der Saison mache ich ein bis zwei Wochen Urlaub – das tut gut.

Was entspannt Sie am besten?

Im Urlaub kann ich auch mal einfach am Strand liegen oder am Wasser spazieren gehen. Auch andere Sportarten wie Surfen helfen beim Entspannen.

Sind Sie gar fitter als früher?

Ich würde sagen, es gibt keinen großen Unterschied. Ich kann fast die gleiche Trainingsmenge wegstecken wie früher.

… dabei hilft Ihnen ein Wohnmobil. Kam es vergangenen Sommer wieder zum Einsatz?

Ich war wieder den ganzen Sommer mit dem Campingwagen von Trainingslager zu Trainingslager unterwegs. Jetzt im Winter habe ich den Wagen meinem privaten Wachsmann gegeben. Er ist die gesamte Saison mit diesem Camper bei den Rennen dabei, wohnt darin und kann sich dort optimal vorbereiten. Das passt perfekt.

Sie trinken keinen Alkohol und haben das schon als Kind beschlossen. Womit haben Sie auf Ihren Olympiasieg angestoßen?

Ich war zwölf Jahre alt, als ich beschloss, keinen Alkohol zu trinken, und halte das bis heute durch. Ich habe auch nach meinen Olympiasiegen in Sotschi keine Ausnahme gemacht.

Mit zwölf Jahren hat man eigentlich anderes im Kopf, als sich ein Leben ohne Alkohol zu schwören. Wie kam das?

Ich war einmal stockbesoffen, als ich zwölf Jahre alt war. Es war lustig, aber ich wollte unbedingt Topsportler werden. Talent hatte ich, aber ich wollte meine Ziele schnell erreichen. Und wenn du zu viel getrunken hast, ist der nächste Trainingstag ein schlechter – du bist müde und hast Kopfweh. Das wollte ich nicht. Ich dachte mir damals, wenn ich den Alkohol ganz weglasse, erreiche ich meine Ziele schneller.

Zum Abschluss ein ganz anderes Thema: Es gab zuletzt vermehrt Dopingfälle im Biathlon. Was ist zu tun?

Ich habe Angst um den Ruf des Biathlon. Es gibt leider immer Athleten, die die Abkürzung zum Erfolg nehmen, und es ist sehr schwierig, dagegen zu steuern. Wir arbeiten aber sehr offensiv, ich bin auch in der Athletenkommission. Wir versuchen, mehr und mehr Dopingtests durchzuführen. Wir kommen schon voran, aber die Sportler, die den falschen Weg gehen, sind oft einen Schritt voraus.