Interview

„Henry Maske war für uns der Erlöser“

Wilfried Sauerland über den Boxboom der 90er-Jahre, den ewigen Traum vom neuen Schmeling und seinen 75. Geburtstag

Niemand sonst hat den Boxsport in Deutschland so geprägt wie Wilfried Sauerland. Ohne den Unternehmer aus dem Rheinland, der jetzt in Kapstadt in Südafrika lebt, hätte es Henry Maske, Sven Ottke oder Arthur Abraham als Weltmeister wohl nicht gegeben. Seinen Ritterschlag erhielt der Gründer des Berliner Teams 2010 mit der Aufnahme in die Hall of Fame. Außergewöhnlich ist aber auch sein Geburtstag, der auf den 29. Februar fällt und sich nun zum 75. Mal jährt.

Berliner Morgenpost:

Herr Sauerland, fühlen Sie sich wie 75 oder eher wie 19?

Wilfried Sauerland:

(lacht herzhaft) Stimmt, ich bin ja erst 19, und das noch nicht einmal richtig, wenn wir die 75 durch vier dividieren. So gut drauf bin ich aber nicht mehr. Jetzt, da ich von einer schweren Grippe wieder genesen bin, fühle ich mich wie 50. Ich bin wieder voller Energie und Lebensfreude, kann mich nicht beklagen.

Wie lange wollen Sie noch die Geschäfte führen?

Wahrscheinlich bis zum letzten Gong (lacht). Ich werde auf jeden Fall bis zum letzten Atemzug immer mitwirken, in welcher Rolle auch immer. Ohne Boxen ist mein Leben nur halb so viel wert.

Was machen Sie noch konkret?

Dadurch, dass ich mein anderes Geschäftsgebiet im Vorjahr aufgegeben habe – ich habe meine Firma verkauft, die sich mit Brauerei-Abfüllanlagen beschäftigte –, kann ich mich wieder täglich viele Stunden ums Boxen kümmern. Das Promotergeschäft wird aber nicht mehr durch mich gelenkt, sondern durch meine beiden Söhne Kalle und Nisse (37 bzw. 35 Jahre alt, d.Red.). Ich bin deren Berater. Die Jungs haben frischen Wind ins Unternehmen gebracht, kreieren viel Neues. Durch unseren neuen Fernsehpartner Sat.1 bieten sich großartige Möglichkeiten.

Was vermissen Sie am meisten im heutigen Profiboxen im Vergleich zum Boom vor und nach der Jahrhundertwende?

Das waren Wahnsinnszeiten. Die lassen sich so schnell nicht wiederbeleben, weil sich vieles in der Fernsehlandschaft verändert hat. Es gibt mehr Sender, hinzu kamen die Onlineplattformen. Deshalb wird es die damaligen Einschaltquoten mit 15, 16 Millionen Zuschauern auch nicht mehr geben.

Axel Schulz kam im WM-Kampf gegen Francois Botha 1996 in Stuttgart auf die noch immer bestehende Bestmarke von 18,03 Millionen Fernsehzuschauern.

Das ist für mich bis heute unfassbar. Axel verlor alle wichtigen Kämpfe, trotzdem besaß er diese gewaltige Resonanz. Er ist ein Phänomen. Von seinen Quoten können selbst die Klitschkos nur träumen. Um die Zahlen annähernd zu erreichen, brauchst du nicht nur einen tollen deutschen Boxer, sondern auch einen weltbekannten Fighter aus dem Ausland. Oder es gibt einen Kampf zwischen zwei sehr guten Deutschen. Ich kann mir vorstellen, wenn sich Vincent Feigenbutz und Tyron Zeuge so weiterentwickeln, können sie in zwei, drei Jahren die Massen elektrisieren. Die Jungs boxen attraktiv und haben Charisma.

So wie einst Henry Maske, durch den der Boom eingeläutet wurde.

Ich glaube, ein Henry Maske würde es vom Boxstil her in der heutigen Zeit viel schwerer haben. Damals war er für uns alle der Erlöser. Er brachte die Deutschen aus Ost und West hinter sich und vereinte sie. Sein Boxstil war aber nun nicht gerade der, der die wahren Boxfans vom Hocker gerissen hat. Es waren gute Kämpfe und gute Siege dabei, aber weltweit zog er damit keinen in den Bann. Andererseits besitzt er eine großartige Persönlichkeit, als Sportler war er ein großes Vorbild.

Erinnern Sie sich an den 8. März 1990?

Den werde ich nie vergessen. Es war ein Donnerstag. Im Grunde genommen begannen an diesem Tag die goldenen Zeiten. Henry und sein Trainer Manfred Wolke unterschreiben vor einer Medienschar im Berliner „Hotel Hamburg“ ihre Verträge. Vorher bin ich mit den beiden aber erst einmal einkaufen gegangen und habe sie eingekleidet. Das ist bei beiden bis heute hängen geblieben.

Würde zur Belebung einstiger Boomzeiten nicht ein Schwergewichtler reichen, der Max Schmeling als einzigen deutschen Weltmeister in der Königsklasse beerbt?

Davon träume ich schon, solange ich im Geschäft bin. Wenn ich das noch erleben würde, wäre das wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen. Doch leider sehe ich weit und breit keinen von diesem Kaliber.

Was ist mit Marco Huck, der sich 2014 von Ihnen getrennt hat?

Ich spreche von einem richtigen Schwergewichtler. Solange Wladimir Klitschko boxt, wird Marco nicht Weltmeister. Dafür ist er nicht stark genug.

Würden Sie so auch reden, wenn er noch bei Ihnen wäre?

Ja, sicher. Ich bin kein doppelzüngiger Mensch. Natürlich bin ich menschlich von ihm extrem enttäuscht, sein Abgang war sehr merkwürdig. Einen Tag, nachdem wir beim Oktoberfest zusammen gefeiert hatten, teilte er mir seinen Weggang mit. Ich saß im Flugzeug nach Südafrika, als ich einen Anruf von ihm bekam. Das war bitter. So hatte sich noch keiner meiner Boxer von mir verabschiedet.

Würden Sie ihn trotz seines miesen Abgangs noch einmal im Team aufnehmen? Sie gelten nicht gerade als konfliktfreudig.

Das stimmt. Ich bin wie alle Rheinländer. Ich versuche immer, alles schön zu reden. Mein Motto ist auch „Leben und leben lassen“, wobei ich meine Entscheidungen zumeist aus dem Bauch heraus treffe. Ich bin kein Kopfmensch.

Was heißt das für Huck?

Unterhalten kann man sich immer. Die Ufa als seine Vermarktungsfirma hat ihm große Versprechungen gemacht und kann sie nun nicht halten, wie ich gehört habe.

Welche denn?

Darüber möchte ich nicht reden. Fakt ist, wenn er hören würde, was wir ihm jetzt zahlen könnten durch unseren neuen Fernsehvertrag, würde er einen Schreck bekommen. Das ist viel weniger, als ihm die Ufa versprochen hat. Insofern sehe ich große Probleme, dass wir noch einmal zusammenkommen.

Wer war oder ist Ihr Lieblingsboxer?

Wenn ich das wüsste, würde ich Ihnen das sagen, aber ich weiß es nicht. Ich kann Ihnen aber verraten, welcher mein bedeutungsvollster Kampf war.

Und zwar?

Der von Henry (Maske – d.R.) 1993, als er Charles Williams den WM-Titel abnahm. Wenn ich deutsche Boxer ausblende, war für es mich der Kampf von John Mugabi, den ich promotete, gegen Marvin Hagler 1986, wenige Tage nach meinem 46. Geburtstag.