Vereinskarrieren

Vertauschte Rollen

Hertha und Augsburg stiegen 2011 gemeinsam auf. Seitdem schreiben die Schwaben eine Erfolgsgeschichte und hängen die Berliner ab

Klar, das Gestern war schön. Pal Dardai erinnert sich gern daran. Im Mai 2011 stand er vor der Ostkurve im Olympiastadion und winkte. Im Hintergrund stritten Hertha und Augsburg. Dardai wurde vor der Pause ausgewechselt. Es war sein letztes Profispiel. Ein Abschied nach 14 Jahren. „Dieser Tag war ein Geschenk“, sagt Dardai, 38 Jahre alt und heute Hertha-Trainer.

Für Dardai war es damals ein Ende, für Hertha dagegen sollte es ein Anfang sein. Am letzten Spieltag der Zweitligasaison 2010/11 gewannen die Blau-Weißen gegen den FC Augsburg 2:1. Beide Teams hatten ihre Ziele erreicht. Gemeinsam stiegen sie in die Bundesliga auf. Beim Hauptstadtklub hieß es: Der Abstieg, ein „Betriebsunfall“ in der Vorsaison, sei korrigiert. Nun galt Hertha den Beobachtern als „kein normaler Aufsteiger“. Beim FCA wirkte dagegen der Aufstieg wie ein Unfall. Zum ersten Mal spielten die Schwaben ganz oben, und man prophezeite dem Klub, dass dies nur ein Intermezzo werden würde.

Heute Heimspiel gegen den FCA

Pal Dardai sprach noch zwei schöne Sätze, als er sich kürzlich an seine Abschiedspartie erinnerte. Und beide leiteten unfreiwillig über in die triste Gegenwart: „Ich lebe nicht von der Vergangenheit. Es geht für mich immer nur um den nächsten Pass.“ Der nächste Pass soll an diesem Sonnabend gespielt werden. Dreieinhalb Jahre nach den beiden Aufstiegen stehen sich Hertha und Augsburg wieder im Olympiastadion gegenüber (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de). Aber von jener vergangenen Zeit dazwischen können die Berliner tatsächlich nicht leben.

Dreieinhalb Spielzeiten liegen zwischen Dardais Abschiedsspiel und der für ihn nun so wichtigen Heimpartie um den Klassenerhalt. Ausgehend vom Berliner Wunsch nach einer kontinuierlich positiven Entwicklung war es eine verlorene Zeit. Die Vorzeichen von 2011 haben sich umgekehrt: Hertha ist der Klub, der jedes Mal um seine Existenz in der Spielklasse zittert. Seit 2011 landete man auf Platz 16 und stieg wieder ab (2012), auf Rang eins in der Zweiten Liga (2013) und stieg auf, danach folgte Platz elf. Aktuell ist Hertha Vorletzter. Augsburg dagegen hat in jener Zeit eine Erfolgsgeschichte geschrieben: Nach 2011 folgten Platz 14, 15 und acht. Derzeit rangiert der FCA auf Platz fünf und schielt auf den Europapokal. Selbst die Champions-League-Teilnahme ist noch möglich.

„Augsburg hat eine tolle Entwicklung genommen. Aus meiner Sicht stehen sie nicht zu Unrecht da oben“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Was Preetz nicht sagt: Augsburg hat Hertha abgehängt. Und die zentrale Frage ist: Warum? Was kann der FCA, was Hertha nicht kann? Die Antwort muss lauten: Kontinuität auf der Trainerposition und ein besseres Wirtschaften – letztlich also eine bessere Klubführung.

Während bei Hertha seit dem Aufstieg 2011 fünf Trainer angestellt waren (Rainer Widmayer als Interimscoach für ein Spiel mal ausgenommen), leiteten in Augsburg nur Jos Luhukay und seit 2012 Markus Weinzierl das Team. Dazu kommt der Umgang in Krisenzeiten: Luhukay und Weinzierl starteten einst katastrophal in die Bundesliga (mit 15 bzw. neun Punkten zur Winterpause). Doch beide blieben im Amt und schafften den Klassenerhalt. Dass man bei Hertha in Krisen anders agiert, zeigte sich Anfang Februar, als Luhukay gehen musste und Dardai kam. Derartiges führte auch dazu, dass sich in jener Zeit nie eine klare Spielphilosophie im Klub herausbildete. Wofür Hertha-Fußball steht, weiß keiner wirklich, wofür Augsburg steht schon: für klugen, kampfstarken Umschaltfußball mit einem Team der weitestgehend Namenlosen. Als ein nicht unwichtiger Fakt beim Thema Trainer ist zwar das aufgeregtere Umfeld in Berlin zu nennen. Doch bisher ging bei der DFL noch kein Antrag ein, darauf bei der Saisonendabrechnung Rücksicht zu nehmen.

Ebenso deutlich wird die Diskrepanz beim Einsatz der Finanzen: Seit 2011 hat Hertha in drei Jahren 236,2 Millionen Euro als Gesamtetat angegeben (die Summe für 2014/15 steht noch nicht fest). Mit nur etwas mehr als der Hälfte jenes Budgets – 126,52 Millionen Euro – hat Augsburg in dieser Zeit ein deutlich besseres Ergebnis erzielt.

Rückstand in der TV-Geldtabelle

Sicher, Hertha hat nach dem zweiten Abstieg unter Preetz die Ziele erreicht: Aufstieg 2013, Klassenerhalt 2014, und noch steht nicht fest, ob die diesjährige Maßgabe Klassenerhalt verfehlt wird. Aber bezogen auf den gewünschten Aufbruch seit dem gemeinsamen Aufstieg mit dem FCA haben nur die Schwaben geschafft, was Hertha wollte: Sie haben das Momentum genutzt, um einen kontinuierlichen Aufstieg zu forcieren. Die Berliner dagegen haben das Momentum verpasst und stagnieren.

Zudem wird sich der FCA wohl noch weiter entfernen: Ein dringliches Ziel war für Hertha, Platz 16 in der TV-Geldtabelle nach oben zu verlassen. Zu überholen galt es dabei aber den FC Augsburg auf Rang 15. Der allerdings wird nach dieser Saison weiter nach oben klettern (bleibt er auf Rang fünf in der Bundesliga, rangiert er bei den TV-Geldern auf Platz acht und kassiert 31,2 Millionen Euro). Steigt Hertha ab, gibt es in Liga zwei nur 9,9 Millionen Euro.