Interview

„Wir trainieren zu wenig“

Der ehemalige Bundestrainer Jochen Behle macht sich Sorgen um die Zukunft der deutschen Skilangläufer

Deutschlands Skispringer und Kombinierer sind bei der WM in Schweden im Erfolgsrausch, bei den Langläufern dominiert das Mittelmaß. Kein Deutscher stand im Sprint-Halbfinale, im Skiathlon waren die besten Platzierungen Rang 18 und 27. Beste über zehn Kilometer war Claudia Nystad als 42. Im Team-Sprint allerdings wurden Medaillen als Viertplatzierte knapp verpasst. Jochen Behle, von 2002 bis 2012 Bundestrainer, heute Sportdirektor des hessischen Skiverbandes, kommentiert das Geschehen für Eurosport.

Berliner Morgenpost:

Herr Behle, wären Sie zurzeit gern Norweger?

Jochen Behle:

Och, das wäre man in den vergangenen Jahren im Langlauf immer gern gewesen. Die Norweger stellen einfach die überragende Mannschaft.

Fehlt es den Deutschen am Biss?

Das will ich nicht behaupten. Du tust dich als Sportler aber auch schwer, wenn du vom Trainer hörst: Es ist ja alles okay.

... Mittelmaß zu sein.

Wenn dies das Leistungsdenken ist, was ich mir nicht vorstellen kann, dann ist es okay. Zu meiner Zeit als Trainer war ich nicht unbedingt der Beliebteste, weil ich sehr oft kritisiert habe. Das habe ich aber deshalb gemacht, weil ich nicht wollte, dass man mit bestimmten Dingen schon zufrieden ist.

Also ist das Anspruchsdenken zu gering?

Es muss das Anspruchsdenken sein, Medaillen holen zu wollen. Und im Training die Voraussetzungen zu schaffen, dies auch zu können. Du kannst immer mal eine Medaille holen, aber das kann auch ein Zufallsprodukt sein. Bei den Jungs war es im Teamsprint haarscharf – das hätte eine Medaille sein können. Von der Leistung her sind wir da nicht.

Was läuft falsch?

Im Männerbereich stimmt das Gesamtsystem nicht. Ich kann nicht alles immer schönreden. Wir sind nicht da, wo wir sein wollen. Und vielleicht haben wir auch nicht alles dafür getan, was möglich ist. Wenn ich mir die Trainingsdaten ansehe, bin ich überzeugt: Es wurde nicht alles für den Erfolg getan. Das System ist nicht in Ordnung.

Was meinen Sie genau?

Ich habe auch ein Stützpunktsystem gehabt, aber dazu zentrale Maßnahmen, damit sich die Guten unter den Guten messen können. Jetzt machst du Stützpunktmaßnahmen, bei denen jeder für sich arbeitet. Du hast das Team nicht im Konkurrenzdenken zusammen. Es wäre aber unfair gegenüber Bundestrainer Frank Ullrich, die einstigen Erfolge von Angerer, Teichmann und Sommerfeld als Grundlage zu nehmen. Du hast einfach nicht immer Angerers und Teichmanns.

Was muss sich ändern? Ein kompletter Cut?

Den hätten sie spätestens nach Sotschi machen müssen. Es ist wieder ein verlorenes Jahr – wir sehen es ja an den Ergebnissen. Und es wird nicht besser. Was da im weiblichen Bereich nachkommt, mal abgesehen von Victoria Carl, ist nicht viel. Es geht auch um eine Trainingsphilosophie. Wir trainieren zu wenig.

Vergleichbar mit den Schwimmern.

Mit dem großen Unterschied, dass sich im Schwimmen Trainer und Aktive hingestellt und das selbst so gesagt haben. Wir müssen mehr machen. Man redet bei uns immer von freudbetontem Training, wunderbar. Aber ob sich eine Margit Björgen bei jedem Training freut, stelle ich mal in Frage. Wann hat denn der Sportler wirklich Freude? Wenn er auf dem ersten Platz des Podiums steht.

Sehen wir in Falun noch eine Medaille der Skilangläufer?

Theoretisch haben wir eine Chance: in der Frauenstaffel.

Das klingt nicht optimistisch.

Es sieht gar nicht gut aus. Es fehlt auch der eine, der vorne wegläuft.

Als Orientierungspunkt?

Und um sich hinter ihm zu verstecken. Jetzt werden Leute an Erwartungen gemessen, die sie nicht erfüllen können.

Vielleicht sollten wir Norwegens Held Petter Northug einbürgern.

Och, wir müssen ja nicht gleich Northug nehmen. Wir können auch andere Norweger fragen (lacht). Im Team stehen genügend Weltklasse-Leute, die hier keinen Einsatz bekommen haben.