Mittelfeldstar

Einzigartig wie die Mona Lisa

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Paul Pogba ist der zurzeit begehrteste Fußballprofi. Mit Turin trifft er heute auf Dortmund

Natürlich musste mal wieder die Mona Lisa herhalten, das weltberühmte Gemälde von Leonardo da Vinci. Es ist nicht so, dass Mino Raiola mittlerweile zum Kunstkenner geworden ist. Der Mann ist Fußballberater, einer der umtriebigsten der Branche. Aber diesen plakativen Vergleich bemüht er in schöner Regelmäßigkeit, wenn er seine exklusive Klientel anpreist. Einst nutzte er ihn, als er Mario Balotelli veräußern wollte. Jetzt ist es eben Paul Pogba, der Mittelfeldmann von Juventus Turin. „Er ist einzigartig wie die Mona Lisa“, sagte Raiola vor dem Achtelfinal-Hinspiel der Turiner in der Champions League am Dienstagabend gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr, Sky).

Jenes Mona-Lisa-Bonmot ist eine hübsche Umschreibung für die Dinge, die Raiola eigentlich meint: Dass zum einen Pogba wohl nicht mehr lange bei seinem aktuellen Klub spielen wird. Schließlich sind Italien und auch Rekordmeister Juventus schon lange nicht mehr die erstrebenswertesten und lukrativsten Stationen in Europa. Und zum anderen, dass sich derjenige Klub, der den Zuschlag erhalten wird, auf eine gepfefferte Ablösesumme samt üppigstem Gehalt für Pogba einstellen darf – und einen ordentlichen Obolus für Raiola obendrauf.

Teurer als Cristiano Ronaldo

Die aufgeblasenen Lobhudeleien mag manch einer als das übliche Berater-Tamtam abtun. Doch auch nüchtern betrachtet hat Raiola in Paul Pogba den zurzeit wohl begehrtesten Profi der Branche unter seinen Fittichen. So ziemlich jeder Großklub in Europa hat sich in jüngster Vergangenheit selbst ins Gespräch gebracht, wenn es um die Zukunft des Hochbegabten ging.

Real Madrid etwa lässt ganz offensiv Zinedine Zidane, die einstige Juventus- und Real-Ikone, die mittlerweile die Jugend der Madrilenen betreut, um Pogba buhlen. „Wenn Paul so weitermacht, wird er einer der Größten“, sagt Zidane. Und die Größten gehörten nun mal nach Madrid. Oder aber der Scheichklub Paris St. Germain: Dort offerieren sie nicht nur den bestmöglichen Verdienst, sondern versuchen es auch noch mit ein bisschen Pathos. Ein Franzose in Frankreich, das wär’s doch, sagen ausgerechnet die Macher aus Katar.

So geht es tagein, tagaus, Pogba hier, Pogba da. In Turin betonen sie zwar, noch stehe er bei ihnen unter Vertrag, genau genommen läuft sein Kontrakt bis Ende Juni 2019. Er beinhaltet nicht mal eine Ausstiegsklausel. Dass Juventus allerdings nicht mithalten kann, wenn Madrid, Paris oder auch Manchester United ernst machen, ist den Vereinsoberen durchaus bewusst.

Bis es allerdings so weit ist, soll Pogba dem Klub zu altem Glanz verhelfen. National spielt Turin mal wieder eine Saison ohne Gegenwehr, was das international wert ist, werden schon die beiden Achtelfinal-Spiele gegen Borussia Dortmund zeigen.

Berater Raiola hat da eine ganz eigene Sicht der Dinge: Die Champions League ist für ihn die Möglichkeit zur Wertsteigerung Pogbas auf großer Bühne. Von 80 Millionen Euro Ablöse ist die Rede, die der Franzose einbringen soll. Raiola prophezeit gar, dass sein Klient als Erster offiziell die 100-Millionen-Euro-Marke sprengen werde: „Er wird mehr kosten als Cristiano Ronaldo“, sagt er.

Es sind aberwitzige Summen, die gehandelt werden und reichlich Druck, der auf ihm lastet. Das Erstaunliche an der Gemengelage ist, wie aufgeräumt Pogba mit den Mutmaßungen umgeht. Er spielt auf, als würde ihn das alles nicht tangieren. Die beste Saison seiner Karriere bescheinigen ihm die italienischen Gazetten. Seit vergangenem Sommer, als er bei der Weltmeisterschaft in Brasilien zum besten Nachwuchsspieler gekürt wurde, habe er noch mal einen Sprung gemacht, kommentiert „Tuttosport“.

Lenker und Denker im Team

Sechs Tore und drei Vorlagen in der laufenden Serie A sind das eine. Weit eindrucksvoller aber ist, dass er mit gerade einmal 21 Jahren den zentralen Part im Mittelfeld übernommen hat. Einer „unserer Lenker und Denker“ nennt ihn sein Trainer Massimiliano Allegri. Eine Mischung aus Claude Makelele und Patrick Vieira, sagt Zidane. Und auch jene Unbeherrschtheiten, die ihm wie in seinem zweiten Länderspiel binnen zwei Minuten Gelb-Rot einbrachten, scheinen passé. Ein Hitzkopf ist er immer noch, aber er habe aus solchen Vorfällen die richtigen Schlüsse gezogen, sagt Allegri.

Im Grunde hat Pogba – seit er in Turin ist – eine gradlinige Karriere hingelegt. 2012 kam er ablösefrei von Manchester United, ein Wechsel mit Nebengeräuschen. Pogba motzte über mangelnde Einsatzzeiten, Sir Alex Ferguson, der einstige United-Alleinherrscher, verabschiedete ihn mit bösen Worten. Respektlos sei der Schnösel, fauchte Ferguson. Heute ist sein Ton selbstkritischer: „Dass ich Pogbas Potenzial verkannt habe, war einer meiner größten Fehler.“ In Turin nahmen sie ihn dankend auf. Dass der so schlaksig wirkende Pogba in Raiola nicht nur denselben Berater hat wie Enfant terrible Balotelli, sondern auch noch eine ähnliche Kampffrisur, bescherte ihm schon manchen Vergleich mit dem Skandalkicker. Doch von Pogba sind keinerlei Eskapaden bekannt. Eine Mona Lisa mit Kratzer würde auch wahrlich an Wert verlieren.

Gegen Borussia Dortmund wollen die Turiner beweisen, dass sie auch international wieder mithalten können. „Die Mannschaft ist stark und hat sich konstant weiterentwickelt. Jetzt ist es Zeit, das auch in Europa zu zeigen“, fordert etwa Verteidiger Giorgio Chiellini. Im vergangenen Jahr scheiterte der italienische Rekordmeister in der Vorrunde der Champions League, im Jahr davor war im Viertelfinale gegen Bayern München Endstation. Ein frühes Aus will Juventus als einziger verbliebener italienischer Vertreter in der Königsklasse in diesem Jahr unbedingt verhindern. „Wir sind bereit, wir werden ein Eurojuve sehen“, verspricht Trainer Allegri.